Theologe: Prophetische Berufung der Religion zurückgewinnen
28. January 2026
Bethlehemer Universitäts-Präsident Mitri Raheb in PRO ORIENTE-Blog: Ob Religion Spaltungen und Ungerechtigkeiten vertieft oder Wege zu Gerechtigkeit und Versöhnung eröffnet, liegt an den Gläubigen und religiösen Führern
Wien, 28.01.26 (poi) Welche Rolle kann oder soll Religion in Konflikten und von Gewalt zerissenen Gesellschaften spielen? – Für den palästinensischen Theologen Prof. Mitri Raheb ist die Antwort eindeutig: "Die dringende Aufgabe, vor der religiöse Gemeinschaften heute stehen, besteht nicht darin, die Religion zu verteidigen, sondern ihre prophetische Berufung zurückzugewinnen, Unterdrückung zu entlarven, dem Missbrauch heiliger Texte zu widerstehen und Gerechtigkeit, Mitgefühl und Mut in entscheidenden Kairos-Momenten zu verkörpern." Das schreibt Raheb in einem neuen Beitrag im PRO ORIENTE-Blog "Healing of Wounded Memories". Nur so könne Religion dazu beitragen, "Gewaltkreisläufe zu durchbrechen, anstatt sie zu segnen", zeigt sich der Gründer und Präsident der Bethlehemer Dar al-Kalima-Universität überzeugt.
In Gesellschaften, die von Gewalt zerrissen sind, stelle sich nicht die Frage, ob Religion eine Rolle spielt, sondern wie sie gelebt, geführt und innerhalb von Machtstrukturen verortet wird. Religion könne entweder die Spaltung vertiefen oder Wege zu Gerechtigkeit und Versöhnung eröffnen. Ihre Wirkung hänge von den Entscheidungen der Gläubigen, dem Mut der Führer, der Ehrlichkeit der Kontextanalyse und der Bereitschaft ab, strukturelle Gewalt zu bekämpfen, anstatt nur ihre Symptome zu bearbeiten.
Raheb zeigt sich überzeugt, dass sich Religion in Zeiten der Gewalt keine Neutralität oder Zweideutigkeit leisten könne: "Entweder heiligt sie Ungerechtigkeit oder sie tritt für Leben, Würde und Wahrheit ein." Ein Glaube, der sich ohne Rechenschaftspflicht mit der Macht verbündet, werde zum Komplizen der Gewalt, warnt der Theologe. Ein Glaube, der es wagt, "aus den Randbereichen heraus zu sprechen", könne hingegen zu einer Kraft der Befreiung werden.
Raheb nahm an der jüngsten ökumenischen PRO ORIENTE-Konferenz "Healing Wounded Memories: The Responsibility of Churches to Heal" teil, die vom 13. bis 16. November in Wien stattfand. Im Rahmen der Konferenz fand auch eine öffentliche Podiumsdiskussion an der Diplomatischen Akademie Wien statt, bei der Raheb einen Beitrag über die potenziell konstruktive Rolle von Religion in von Gewalt gezeichneten Gesellschaften präsentierte. Für die Konferenz waren 70 Teilnehmende aus 25 Ländern nach Wien gekommen, darunter Geistliche und Laien aus verschiedenen Kirchen sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen und Arbeitsfeldern.
Ein Kurzfilm mit Impressionen der Konferenz ist auf dem YouTube-Kanal von PRO ORIENTE abrufbar: https://youtu.be/plQjX-wsU_o
Zum Blog-Beitrag von Mitri Raheb: https://www.pro-oriente.at/blog/the-potential-constructive-role-of-religion-in-societies-torn-by-violence