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Ukraine: Ausstellung erinnert an "Lwiw Sobor" von 1946

13. March 2026

Großerzbischof Schewtschuk bei Eröffnung: Eine freie Griechisch-katholische Kirche und eine freie Ukraine zwei Seiten einer Medaille

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Kiew, 13.03.26 (poi) Vor 80 Jahren, vom 8. bis 10. März 1946, fand in Lwiw der so genannte "Lwiw Sobor" statt, eine Versammlung von Mitgliedern der Ukrainischen Griechisch-katholischen Kirche (UGKK), statt, in deren Rahmen diese Kirche auf Druck der sowjetischen Behörden aufgelöst und für illegal erklärt wurde. Die einzige "legale" Möglichkeit bestand für Klerus wie Gläubige im Übertritt in die Russisch-orthodoxe Kirche. Für die UGKK begann eine Zeit der brutalen Verfolgung und Unterdrückung, die bis 1989 andauern sollte. Das Gedächtnis daran ist tief im Bewusstsein der Kirche und ihrer Gläubigen verankert.

In der ukrainischen Hauptstadt Kiew wurde aus Anlass des 80. Jahrestags eine Straßenausstellung eröffnet, bei der u.a. Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk, Oberhaupt der UGKK, das Wort ergriff. Jedes Mal, wenn die Ukraine von Russland besetzt wurde, ganz gleich, ob es sich um die zaristische, kommunistische oder gegenwärtige Regierung handle, sei die UGKK die erste gewesen, die von den "Kolonialherren" liquidiert und zerstört worden sei, zitierte das Infoportal "risu.ua" den Großerzbischof. Nachsatz: "So war es vor 80 Jahren, so ist es heute im besetzten Donbass und in Saporischschja." Für die griechisch-katholischen Christinnen und Christen bedeute eine unabhängige Ukraine Freiheit, und eine freie Griechisch-katholische Kirche bedeute für die gesamte Ukraine Freiheit, so der Großerzbischof. 

Wechselvolle Geschichte

Die UGKK war 1596 im Rahmen der Union von Brest entstanden, als sich ein Teil der orthodoxen Bischöfe zu einer Union mit Rom entschloss. Nach einer wechselvollen Geschichte - Verbot im zaristischen Russland, aber gleichzeitige Förderung durch die Habsburger in Galizien - hatte die Kirche in der Zwischenkriegszeit in der damals zu Polen gehörenden Westukraine eine große Blütezeit und konnte sich unter der ukrainischen Minderheit in Polen entfalten. 

Das stalinistische Regime startete seine Offensive gegen die UGKK schon bald nach der ersten Okkupation der Westukraine (als Folge des Hitler-Stalin-Paktes) im September 1939. Tausende Gläubige, Priester und Ordensleute wurden ermordet, verhaftet oder verschleppt. Als die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg 1941 die Westukraine eroberte, hofften die Kirchenverantwortlichen auf ein Ende der Unterdrückung, mussten aber bald das wahre Wesen der Nationalsozialisten erkennen. 

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs mit der Rückeroberung der Westukraine setzten die Sowjets dann ihre Strategie der Vernichtung der UGKK fort. Am 11. April 1945 wurde Metropolit Josyf Slipyj, das Oberhaupt der Kirche, festgenommen. Es folgte die Verhaftung aller Bischöfe der Kirche. In Folge wurden einige andere Geistliche gezwungen, eine "Initiativgruppe für die Vereinigung der griechisch-katholischen Kirche mit der orthodoxen Kirche" zu gründen. 

Stalin involviert

Der "Lwiw Sobor" fand von 8. bis 10. März 1946 unter massivem Druck der sowjetischen Staatsorgane in der Lemberger Georgskathedrale statt, 216 Priester und 19 Laien mussten teilnehmen. Nachdem alle ukrainischen griechisch-katholischen Bischöfe zu diesem Zeitpunkt bereits in Haft waren, gaben drei zur Orthodoxie konvertierte Priester - die später zu Bischöfen beförderten Geistlichen Antonij Pelwetskyj und Myhailo Melnyk sowie der Erzpriester Gavrylo Kostelnyk - den Ton an. 

Die Zentralgestalt war Gavrylo Kostelnyk, der auch den Vorsitz führte. Er stammte aus Ruski Krstur, einem der ruthenischen Dörfer in der damals noch ungarischen Vojvodina, wo er 1886 geboren wurde. Seine Schulzeit verbrachte er im damals ebenfalls noch ungarisch kontrollierten Kroatien. Seine Studien absolvierte er am Lemberger griechisch-katholischen Seminar und an der katholischen Universität im Schweizer Fribourg. Der vielsprachige junge Theologe heiratete 1913, im selben Jahr wurde er zum griechisch-katholischen Priester geweiht. Er war anschließend als Seelsorger an der Lemberger Verklärungskathedrale tätig, aber auch als Professor am Seminar und an der Theologischen Akademie. Ende der 1920er Jahre profilierte sich Kostelnyk als Gegner der "Latinisierungstendenzen" in der UGKK. 1930 musste er daher seine Professur zurücklegen. 

Nach Kriegsende - im Mai 1945 - trat der Priester an die Spitze einer vom sowjetischen "Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten“ (NKWD) inspirierten "Initiativbewegung" für die "Wiedervereinigung" mit dem Moskauer Patriarchat. Am 23. Februar 1946 wurde Kostelnyk gemeinsam mit zwölf anderen Priestern vom damaligen orthodoxen Metropoliten von Kiew in die orthodoxe Kirche aufgenommen. Unter massivem Druck der sowjetischen Behörden traten bis zum Frühjahr 1946 viele griechisch-katholische Priester der Bewegung bei. 

Aus Dokumenten des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Ukraine geht hervor, dass der ganze Vorgang vom Ersten Sekretär der Partei, Nikita Chruschtschow, kontrolliert und gelenkt wurde, der bei wichtigen Detailfragen die ausdrückliche Zustimmung Stalins suchte. Bis heute ungeklärt ist, ob alles nach dessen Wünschen verlief, denn Chruschtschow hatte nach der Synode einen Karriere-Knick zu verzeichnen, er wurde bis Ende 1947 als Erster Sekretär abgelöst. 

Die Geschichte Kostelnyks endete jedenfalls tragisch: Am 20. September 1948 wurde der Priester nach der Feier der Göttlichen Liturgie auf den Stufen der Lemberger Verklärungskathedrale angegriffen und tödlich verletzt. Der Täter Wasilij Pankiw beging noch am Tatort Suizid. Die offizielle Version der Sowjetbehörden lautete, Pankiw sei ein Mitglied der ukrainischen nationalistischen Untergrundbewegung UPA gewesen, deren Exponenten aber jede Beteiligung am Mord an Kostelnyk abstritten. Später wurde sogar die Version von einem "vatikanischen Agenten" in Umlauf gesetzt. In Lwiw aber hielt sich beharrlich das Gerücht, der Mord sei vom NKWD inszeniert worden, weil Kostelnyk mittlerweile "unbequem" und "überflüssig" geworden war. 

Kirche der Märtyrer

Nach Aufzeichnungen der UGKK wurden von den rund 3.500 Priestern der Kirche aus den Jahren 1945/46 ungefähr 1.500 ermordet oder inhaftiert, während ca. 1.100 von ihnen zur orthodoxen Kirche übertraten, 700 ins Ausland flohen und weitere 200 in den Untergrund gingen. Von den 4.488 Kirchen wurden 4.099 an die russische Orthodoxie übergeben, der Rest wurde anderweitig (aber nicht religiös) genützt. Auch alle 203 Klöster gingen an die orthodoxe Kirche oder wurden zweckentfremdet. 

In der Untergrundkirche wurden geheime Gottesdienste in Privathäusern, an Wallfahrtsorten und vor geschlossenen Kirchengebäuden abgehalten. Außerdem spendeten die Geistlichen heimlich die Sakramente. Mönche und Nonnen lebten inkognito in getrennten Gruppen zu dritt oder viert in gewöhnlichen Häusern. Es existierte ein gut ausgearbeitetes Alarmsystem, um über etwaige Gefahren während der Gottesdienste zu informieren. Es gab auch einige geheime Priesterseminare. 

Erst 1989 wurde die UGKK im Rahmen der von Michail Gorbatschow eingeleiteten "Perestroika" wieder legalisiert. In der mehrheitlich orthodoxen Ukraine ist heute etwa jeder zehnte Einwohner griechisch-katholisch. 

PRO ORIENTE führte 2016 zum 70. Jahrestag eine internationale ökumenische Konferenz in Wien durch, in der die Hintergründe des "Lwiw Sobor", seine Folgen und seine Rezeption aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wurden. Obwohl es keine einheitliche Darstellung gibt, kamen beteiligte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu dem Schluss, dass die Beschlüsse des "Lwiw Sobor" von den sowjetischen Behörden erzwungen wurden, dass die Russisch-orthodoxe Kirche zur Zusammenarbeit gezwungen wurde und dass es notwendig ist, unter gemeinsamer Anerkennung der historischen Tatsachen auf eine Versöhnung hinzuarbeiten. 

Der von Adam A.J. DeVille und Daniel Galadza herausgegebene Tagungsband ist 2023 im Brill Verlag erschienen. Die renommierten Autorinnen und Autoren aus verschiedenen Kirchen bieten einen tiefen Einblick in die Komplexität der damaligen Zeit: A. DeVille, D. Galadza (Hgg.), The ‘Lviv Sobor’ of 1946 and Its Aftermath. Towards Truth and Reconciliation, Eastern Christian Studies Bd. 34, Leiden-Boston 2023.