Theologe: Plädoyer für gemeinsames prophetisches Zeugnis statt "billiger Ökumene"
15. January 2026
Mennonitischer Theologe Fernando Enns in PRO ORIENTE-Blogbeitrag über ökumenische Dialog-Erfahrungen seiner einstmals verfolgten Minderheitenkirche
PRO ORIENTE / Stephan Schönlaub
Wien, 15.01.26 (poi) Wie sehr ein ernsthafter ökumenischer Dialog, der über Förmlichkeiten und Höflichkeiten hinausgeht, die jeweiligen Dialogpartner befruchten und das gemeinsame Zeugnis der Kirchen in der Welt stärken kann, hat der mennonitische Theologe Fernando Enns in einem aktuellen Beitrag im PRO ORIENTE-Blog "Healing of Wounded Memories" aufgezeigt. Enns hat seinen Beitrag zum Thema "Von höflichem Ökumenismus zu gemeinsamem prophetischem Zeugnis" aus der Perspektive des Mitglieds einer einstmals verfolgten Minderheitenkirche verfasst.
Fernando Enns ist ein brasilianisch-deutscher mennonitischer Theologe und Leiter der Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen am Fachbereich Evangelische Theologie der Universität Hamburg und Professor für (Friedens-)Theologie und Ethik an der Theologischen Fakultät der Vrije Universiteit Amsterdam (VU) in den Niederlanden.
Die Mennonitische Kirche war in der Vergangenheit schwerer Verfolgung, u.a. auch durch Vertreter und Angehörige anderer Kirchen, ausgesetzt. Enns berichtet nun, wie die dadurch entstandenen Verwundungen und Traumata durch intensive Dialoge und Begegnungen – etwa mit dem Vatikan, dem Lutherischen Weltbund oder dem Weltbund der Reformierten Kirchen - überwunden werden konnten. Durch engagierte ökumenische Dialoge habe man gemeinsam – als Kirchen der ehemaligen Täter und der ehemaligen Opfer – die grausame Geschichte aufarbeiten können. "Dabei konzentrierten wir uns nicht auf dogmatische Unterschiede, sondern versuchten, eine gemeinsame Erzählung über diese traumatischen Ereignisse zu entwickeln", so Enns. Dies habe etwa dazu geführt, "dass Lutheraner und Reformierte sich für die Grausamkeiten ihrer Vorfahren entschuldigt haben – und Versöhnungsprozesse wurden möglich".
Dies wiederum habe dazu geführt, dass auch die Mennoniten eine Transformation durchliefen: "Während dieses Heilungsprozesses wurde unsere Identität erschüttert. Wir erkannten, dass das ursprüngliche 'kollektive Trauma' über die Generationen hinweg zu einem 'gewählten Trauma' geworden war. Uns als Opfer zu betrachten, gegründet auf einer Märtyrergeschichte, hatte uns eine großartige und eigentlich bequeme Selbstdarstellung geliefert: Opferrolle als Identität." – Nun, mit der heilenden Wirkung des ökumenischen Dialogs, sei dieses "Privileg" nicht mehr möglich. Die ehemaligen Opfer wurden dazu motiviert, ihre Selbstdarstellung zu überdenken und dazu angeregt, dort hinzusehen, "wo wir selbst zu Tätern geworden sind".
Fazit des Theologen: "Wenn wir die ökumenische Bewegung als Friedensbewegung betrachten, werden wir überrascht sein, welche transformativen Auswirkungen dies auf uns alle haben könnte." Er wolle dies als "kostspielige Ökumene" bezeichnen; im Gegensatz zu einer "billigen Ökumene", die es jedem erlaubt, so zu bleiben, wie er ist.
Dekolonisierung in der Ökumene
Enns kommt in seinem Blog-Beitrag auch auf den Weltkirchenrat (ÖRK) zu sprechen: "Innerhalb des ÖRK sehen wir die Notwendigkeit, unsere Theologien und ökumenischen Räume zu dekolonisieren." Es gelte, jenen eine Stimme zugeben, die in der Öffentlichkeit und damit auch in ökumenischen Dialogen bisher keine Stimme hatten.
Enns warnt in diesem Zusammenhang vor der Gefahr, dass sich ökumenische Institutionen – nach einigen Jahrzehnten – leicht zu schönen Spielplätzen und Bühnen für kirchliche Hierarchien entwickeln könnten. "Sie werden zu einem Abbild des Patriarchats und der Konformität, der Territorialansprüche und Machtverlockungen, die wir in den einzelnen Kirchen finden." Die Aufrechterhaltung des Status quo werde wichtiger als das Engagement für ein prophetisches Zeugnis, das eine echte Transformation des eigenen Selbst erfordert.
Seit zehn Jahren verfolge man deshalb innerhalb des ÖRK einen programmatischen Ansatz namens "Pilgerreise der Gerechtigkeit und des Friedens". Diese Pilgerreise führe an Orte, "an denen hässliche Gewalt und Ungerechtigkeiten stattgefunden haben", so Enns: "Wir wollen Gottes inkarnierte Gegenwart inmitten von Leid, Ausgrenzung und Diskriminierung suchen." Die Begegnung mit realen Erfahrungen einer zerbrochenen Schöpfung und sündhaftem Verhalten gegeneinander könne zur Umkehr führen "und uns – in einer Bewegung der Läuterung – befreien von der Besessenheit von Macht, Besitz, Ego und Gewalt, damit wir Christus immer ähnlicher werden".
Aus den bisherigen Erfahrungen sei schon eine "Theologie der Gemeinschaft" entstanden. Enns spricht von einer "neuen Art, dieses 'Band des Friedens' innerhalb der ökumenischen Familie zu leben und zu dem zu werden, wozu wir berufen sind: glaubwürdige Gemeinschaften der Hoffnung (Frieden) und der Verwandlung (Gerechtigkeit)."
Enns nahm an der jüngsten ökumenischen PRO ORIENTE-Konferenz "Healing Wounded Memories: The Responsibility of Churches to Heal" teil, die vom 13. bis 16. November in Wien stattfand. Für die Konferenz waren 70 Teilnehmende aus 25 Ländern nach Wien gekommen, darunter Geistliche und Laien aus verschiedenen Kirchen sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen und Arbeitsfeldern.
Ein Kurzfilm mit Impressionen der Konferenz ist auf dem YouTube-Kanal von PRO ORIENTE abrufbar: https://youtu.be/plQjX-wsU_o
Zum Blog-Beitrag von Fernando Enns: https://www.pro-oriente.at/blog/from-polite-ecumenism-to-joint-prophetic-witness-2