Albanien: Orthodoxes Kirchenoberhaupt seit einem Jahr im Amt
12. März 2026
Als junger Erwachsener im kommunistisch-atheistischen Albanien unter Todesgefahr getauft, ist es Erzbischof Ioannis heute ein besonderes Anliegen, dass die Religionen in der Gesellschaft sichtbar sind und gemeinsam ein glaubwürdiges Zeugnis für eine menschenwürdige, gerechte und friedliche Gesellschaft geben
Foto: Orthodox Observer / Dimitrios Panagos
Tirana/Washington, 12.03.26 (poi) Vor knapp einem Jahr, am 16. März 2025, wurde Erzbischof Ioannis (Pelushi) zum neuen Oberhaupt der Orthodoxen Kirche von Albanien gewählt. Der Erzbischof wurde zu Zeiten von Diktator Enver Hoxha und dessen kommunistischen Regimes in Albanien in einem Keller heimlich getauft. Als umso dringlicher erachtet er es heute, dass die Religionen in der Gesellschaft sichtbar sind und gemeinsam ein glaubwürdiges Zeugnis für eine menschenwürdige, gerechte und friedliche Gesellschaft geben, wie er dieser Tage in einem Interview mit dem US-Portal "Orthodox Observer" betonte. Jede Instrumentalisierung bzw. Manipulation von Religion für politische oder ideologische Zwecke lehnte der Erzbischof in dem Interview zugleich kategorisch ab. Das Kirchenoberhaupt absolviert seit Anfang März einen längeren USA-Besuch.
Im kommunistischen Albanien war der Atheismus in der Verfassung verankert. Schon der Besitz eines Exemplars des Evangeliums reichte aus, um jemanden für zehn Jahre ins Gefängnis zu bringen. Kirchen wurden zerstört, Geistliche hingerichtet. Kirchliches bzw. spirituelles Leben war nur im Untergrund möglich. In dieser Welt wuchs der Erzbischof auf, wie er im Interview erläuterte.
In seinem Elternhaus habe er keinerlei religiöses Leben vorgefunden. Seine erste Begegnung mit Religion bzw. dem Glauben habe er in der Oberstufe gehabt, als ihm ein Freund seines Bruders ein französisches Buch schenkte. Es habe sich um das Johannesevangelium gehandelt. "Als ich das Evangelium las, empfand ich dieselbe Freude wie in meiner Kindheit", so der Erzbischof im Interview. Als jüngstes von acht Kindern habe er sich an Gefühle von Geborgenheit und Wärme erinnert, die mit dem Erwachsenwerden verblasst waren. Sein erstes Gebet sei schlicht gewesen: "Danke, Gott, dass du mir die Freude der Kindheit zurückgebracht hast."
Fatmir Pelushi wurde am 24. Juni 1979 getauft, sein Namenspatron war der hl. Johannes der Täufer. Bei der Taufe seien neben ihm aber nur drei Personen anwesend gewesen: der Priester, ein Taufpate und ein kleiner Junge, der draußen Wache hielt und später auch Priester wurde. Der Metropolit verdeutlichte die Gefahr dieses Akts: Der Priester habe dabei sein Leben riskiert. Ein anderer Priester in der Stadt Shkodër sei allein wegen der Durchführung einer Taufe hingerichtet worden.
Seine persönliche Lebens- und Glaubensgeschichte prägt die Herangehensweise von Erzbischof Ioannis an sein Amt. Wenn er die Notwendigkeit sichtbarer Einheit unter den orthodoxen Kirchen betont, spreche er aus der Erfahrung eines Volkes, das einst gar keine Kirche hatte und das darum wisse, was es bedeute, wenn eine Kirche wiederaufersteht.
"Sichtbare Einheit ist ein Zeugnis", so der Erzbischof: "Sie gibt unserem Volk und anderen Völkern, die derzeit keinen Dialog führen, Hoffnung." Es sei wichtig, dass die Menschen diese Einheit auch wahrnehmen können. "Wir können die Einheit in unseren Herzen bewahren, aber das genügt nicht - wahre Einheit muss zum Ausdruck gebracht werden."
In Albanien müsse die Einheit nicht nur unter Christen, sondern auch zwischen Angehörigen verschiedener Religionen gelebt werden. Der Erzbischof sprach vom "Dialog des Lebens" und zeigte sich überzeugt: "Die Menschen leben zusammen. Es ist möglich, in Frieden zu leben, wenn wir einander respektieren und lieben."
Der Erzbischof würdigte auch die Arbeit in den verschiedenen interreligiösen Gremien seines Heimatlandes. "Nach unseren Sitzungen essen wir gemeinsam zu Abend." So entstünden Freundschaften, und das gebe letztlich dem Land und den Menschen Stabilität.
"Religion zu missbrauchen, ist eine Sünde"
Auf die Frage, wie die Kirche reagieren solle, wenn der Glaube als Waffe eingesetzt wird, antwortet Erzbischof Ioannis unmissverständlich: "Religion zu missbrauchen, ist eine Sünde." Das habe schon sein Vorgänger Erzbischof Anastasios so gesehen, und dies sei auch seine feste Überzeugung.
Diese Überzeugung präge auch die Haltung der Albanisch-orthodoxen Kirche zum Krieg in der Ukraine. "Von den ersten Tagen der russischen Aggression gegen die Ukraine an gab es in unserer Kirche eine Erklärung", so Erzbischof Ioannis: "Jeden Sonntag, in jeder Liturgie, wurde ein Gebet gesprochen, das die Aggression verurteilte, und ein Gebet zu Gott um Frieden."
Das Christentum stehe für eine universelle und bedingungslose Liebe. Es sei "unmöglich, den einen zu lieben und den anderen zu hassen", so der Erzbischof: "Wer liebt, liebt alle, sonst ist es keine wahre Liebe." Das Kirchenoberhaupt veranschaulichte seine Überzeugung mit der Geschichte eines rumänischen Priesters, der 20 Jahre lang inhaftiert war, bevor er aufgrund westlichen Drucks freigelassen wurde. Als er nach Frankreich reiste, fragte ihn ein Journalist: "Warum hassen die Kommunisten Christen?" Der Priester korrigierte ihn und sagte, sie hassten nicht Christen, sondern alle Menschen. Erzbischof Ioannis: "Zuerst hasst man die andere Religion; danach hasst man die Angehörigen der eigenen Religion."
Der Dialog zwischen den Religionen sei nicht nur ein praktisches Gebot, sondern eine spirituelle Notwendigkeit, zeigte sich der Erzbischof überzeugt: "Wenn man anfängt, ein anderes Wesen wahrzunehmen, sieht man das Abbild Gottes. Wenn wir dieses Abbild wirklich sehen, lieben wir es."
Kirchlicher Werdegang
Ioannis Pelushi schloss sich, nachdem er zum Glauben gefunden hatte, einer kleinen kirchlichen Untergrundgruppe an. Zugleich studierte er Psychologie an der Universität Tirana und arbeitete von 1979 bis 1990 in der Rehabilitationsabteilung des Psychiatrischen Krankenhauses Tirana. Sein Vater war bereits 1944 zum Feind des Regimes erklärt worden, und auch der Sohn war ständig in Gefahr, verhaftet zu werden. 1990 floh er nach Italien und ging anschließend nach Boston (USA), wo er mit einem Stipendium der albanischen Gemeinde ein Theologiestudium an der griechisch-orthodoxen theologischen Schule des Heiligen Kreuzes absolvierte.
1993 schloss er sein Studium ab und ging zurück nach Albanien, um sich am kirchlichen Wiederaufbau des Landes zu beteiligen. Das damalige Kirchenoberhaupt Erzbischof Anastasios ernannte ihn zum Professor an der Theologischen Akademie der Orthodoxen Autokephalen Kirche Albaniens. 1994 wurde er zum Diakon und Priester geweiht. Ab 1995 setzte er sein theologisches Aufbaustudium an der Holy Cross School in Boston fort, das er 1997 abschloss.
Schon 1996 wurde er Archimandrit und von 1996 bis 1998 war er Dekan der Theologischen Akademie der Orthodoxen Kirche Albaniens. 1998 wurde er zum Bischof geweiht und zum Metropoliten von Korca gewählt, während er auch weiterhin lehrte. Daneben initiierte er in seiner Metropolie viele soziale und karitative Aktionen und Projekte.
Der Metropolit vertrat die autokephale Orthodoxe Kirche Albaniens bei zahlreichen interorthodoxen Treffen und war Mitglied bedeutender Arbeitsgruppen innerhalb des Ökumenischen Rates der Kirchen. Viele Jahre hat er die Orthodoxe Kirche Albaniens in wichtigen bilateralen Dialogen zwischen der Orthodoxen Kirche und der Römisch-katholischen Kirche bzw. den Orientalisch-orthodoxen Kirchen vertreten.
Nach dem Tod von Erzbischof Anastasios am 25. Jänner 2025 war Ioannis vom Hl. Synod zum Übergangsleiter der Orthodoxen Kirche Albaniens gewählt worden. Am 16. März 2025 wurde er vom Hl. Synod der autokephalen Orthodoxen Kirche Albaniens zum neuen Kirchenoberhaupt gewählt. Die Inthronisation fand am 29. März 2025 in Tirana statt.