Pro Oriente
News / Belarus: Christinnen und Christen im Einsatz für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte

Belarus: Christinnen und Christen im Einsatz für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte

27. Februar 2026

Moderatorin der ökumenischen Gruppe "Christian Vision for Belarus", Natallia Vasilevich, im PRO ORIENTE-Blog über Entstehung, Arbeitsweise und Grundprinzipien der christlichen Menschenrechtsorganisation

Natallia Vasilevich Wuppertal conference April2022 1

Foto: ÖRK / Ivars Kupcis

Vilnius/Wien, 27.02.26 (poi) "Christian Vision for Belarus" ist eine überkonfessionelle Gruppe, die im September 2020 gegründet wurde, um Menschenrechtsverletzungen und religiöse Verfolgung in Belarus zu beobachten, zu dokumentieren und dagegen zu protestieren. Die in Litauen registrierte Organisation setzt sich für Demokratie, Religionsfreiheit und die Unterstützung von Opfern staatlicher Repression ein. Die Moderation der Gruppe liegt bei Natallia Vasilevich. Sie hat in einem neuen Beitrag im PRO ORIENTE-Blog "Healing of Wounded Memories" die Organisation und ihre Ziele vorgestellt. 

Die Gründung von "Christian Vision" sei gleichsam aus einer doppelten Not heraus entstanden, so Vasilevich: Zum einen war es die brutale Niederschlagung der Proteste gegen das weißrussische Regime ab 2020 und zum anderen das damit einhergehende Schweigen der offiziellen Kirchen. Angesichts dieser dramatischen politischen Entwicklungen seien kirchliche Institutionen nur selten öffentlich als Orte der Wahrheitsfindung, Friedensstiftung und moralischen Führung erkennbar gewesen. 

Vasilevich: "In den ersten Wochen der Proteste im Jahr 2020 zeigten Teile des kirchlichen Establishments Zurückhaltung und gelegentliches Engagement - Gesten, die auf die Möglichkeit einer klareren Haltung hindeuteten. Aber das hielt nicht lange an." Als die Repressionen zunahmen und sich die autoritäre Macht festigte, hätten sich die institutionellen Kirchen weitgehend aus der öffentlichen Verantwortung zurückgezogen und seien in vielen Fällen zu einer Politik der Anpassung und Unterstützung übergegangen. "Im schlimmsten Fall wurde religiöse Sprache verwendet, um die autoritäre Herrschaft und später den Krieg zu legitimieren." 

Einzelne Christinnen und Christen hingegen - Geistliche und Laien - hätten Mut bewiesen: "Sie beten auf den Straßen, unterstützen Verfolgte, dokumentieren Missbräuche und widersetzen sich Gewalt und Gesetzlosigkeit", so Vasilevich. 

Situation in der orthodoxen Kirche in Belarus

In den späten 1990er und frühen 2000er Jahren habe sie sich sowohl in der demokratischen Bewegung in Belarus als auch in der orthodoxen Kirche engagiert. Sehr früh sei sie dabei auf einen tiefen Widerspruch gestoßen: "Trotz der spirituellen Schätze der orthodoxen Tradition propagierte die belarussische orthodoxe Kirche unter dem Moskauer Patriarchat oft eine Weltanschauung, die von Verschwörungsdenken, radikalem Nationalismus, antiwestlichen und antisemitischen Narrativen, Geschlechterungleichheit und Bewunderung für autoritäre Führer geprägt war." 

Sie habe begonnen, so Vasilevich, öffentlich über diese Spannungen zu schreiben. Sie habe ihre eigene Website gestartet und später Theologie studiert, "um meine Kritik fundiert und konstruktiv zu gestalten". Ihre akademische Arbeit - zunächst in Politikwissenschaft und dann in Theologie - sei zu einem Versuch geworden, "ideologische Verzerrungen zu dekonstruieren und eine alternative christliche Antwort zu formulieren, die auf Würde, Freiheit, Gerechtigkeit, Demokratie und Menschenrechten basiert". 

Die Gruppe "Christian Vision" sei entstanden aus der Notwendigkeit heraus, "die Verantwortung der Christinnen und Christen unter Unterdrückung zu artikulieren, eine theologische Grundlage für Wahrheit und Gewaltlosigkeit zu schaffen, Verfolgung zu dokumentieren, Opfer zu unterstützen und Belarus auf die globale christliche Agenda zu setzen" - unter anderem durch eine gezielte religiöse Diplomatie mit Kirchen, ökumenischen Netzwerken und religiösen Institutionen. 

Im Februar 2022, als Russland die Invasion der Ukraine startete, habe man die Arbeit entscheidend ausgeweitet. Die Reaktion auf den Krieg wurde durch das Projekt "Christians Against War" zum Hauptschwerpunkt. Vasilevich: "Wir versuchen, Friedensethik und Verantwortungsethik miteinander in Einklang zu bringen: Wir unterstützen den Dialog und die Friedensstiftung, erkennen aber auch die moralische Legitimität der Selbstverteidigung gegen bewaffnete Aggression an." 

Am 1. April 2025 stufte der belarussische Geheimdienst Christian Vision als "extremistische Vereinigung" ein. In Belarus bedeute dies laut Vasilevich in der Regel nur eines: "Man hat sich gegen Gewalt ausgesprochen." 

"Was uns verbindet" 

Vasilevich geht in ihrem Beitrag auch ausführlich auf die internen Strukturen der Gruppe ein. "Christian Vision" vereine orthodoxe, römisch- und griechisch-katholische sowie protestantische Christinnen und Christen. Die geografische Streuung füge eine weitere Ebene hinzu: "Unsere Mitglieder sind über ganz Europa und Nordamerika verstreut - Litauen, Polen, Deutschland, Frankreich, Italien, Schweiz, Großbritannien, Griechenland, Ukraine, Vereinigte Staaten und Weißrussland." Seit 2020 habe man sich nur zweimal als Gruppe persönlich getroffen. Das verlangsame die Koordination, schwäche das Gemeinschaftsleben und erhöhe die Burnout-Gefahr. 

Diese Vielfalt sei in Summe dennoch eher eine Stärke als eine Schwäche. "Wir bleiben vielfältig, ohne auseinanderzufallen." "Christian Vision" vertrete zu vielen Fragen unterschiedliche Standpunkte, "doch wir teilen das Bekenntnis zu Menschenwürde, Wahrheit, Verantwortung und Frieden". Bei Christian Vision lerne man voneinander, tausche theologische Perspektiven aus und arbeite zusammen in Diakonie und gemeinsamem Zeugnis. 

Ein wichtiger Grundsatz sei die Solidarität über Konfessionsgrenzen hinweg: "Wenn Protestanten angegriffen werden, melden sich Orthodoxe und Katholiken als Erste zu Wort. Und wenn Kritik an einer bestimmten Kirche notwendig ist, wird diese in erster Linie von Mitgliedern dieser Kirche verfasst, um Voreingenommenheit zu reduzieren und die Instrumentalisierung der Konfession zu vermeiden." 

Ein Grundpfeiler der Organisation sei Fachkompetenz. Zum Netzwerk gehörten Expertinnen und Experten aus Theologie, Geschichts- und Rechtswissenschaft, Diplomatie und Journalismus, außerdem Fachleute für Menschenrechtsfragen. Das sei bedeutsam für die Glaubwürdigkeit, denn "ohne disziplinierte Dokumentation und sorgfältige Analyse kann christliche Sprache eher zu emotionalem Protest als zu öffentlichem Zeugnis werden". 

Schließlich habe die Führungsrolle von Frauen das öffentliche Erscheinungsbild geprägt. "Christian Vision" umfasse auch Geistliche und habe einmal auch einen Bischof als Mitglied gehabt, aber Frauen hätten nicht nur als Aktivistinnen, sondern auch als Theologinnen, Analystinnen und Führungskräfte eine entscheidende Rolle gespielt. Heute seien die wichtigsten öffentlichen Vertreterinnen von "Christian Vision" überwiegend nicht ordinierte Frauen - "und ihre Stimmen werden von Bischöfen, Pastoren und internationalen Partnern gehört", so Vasilevich. 

Natallia Vasilevich nahm an der jüngsten ökumenischen PRO ORIENTE-Konferenz "Healing Wounded Memories: The Responsibility of Churches to Heal" teil, die vom 13. bis 16. November in Wien stattfand. Für die Konferenz waren 70 Teilnehmende aus 25 Ländern nach Wien gekommen, darunter Geistliche und Laien aus verschiedenen Kirchen sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen und Arbeitsfeldern. 

Zum Blog-Beitrag von Natallia Vasilevich