"Integration und Identität": PRO ORIENTE beleuchtet indische Gemeinden in Österreich
30. April 2026
Aktuelles PRO ORIENTE-Magazin legt Fokus auf indisches Christentum in seinen vielen Facetten
Foto: Th. Thandappilly
Wien, 30.04.26 (poi) Indische Christinnen und Christen leben seit etwa 60 Jahren in Österreich. Das PRO ORIENTE-Magazin hat in seiner aktuellen Ausgabe dem indischen Christentum mit seinen vielfältigen Facetten einen thematischen Schwerpunkt gewidmet. Dabei wird auch die Situation in Österreich beleuchtet. Was den indischen Gemeinden bei aller Unterschiedlichkeit gemeinsam ist: Sie sind zugleich um Integration in Österreich und Bewahrung der eigenen kirchlichen Identität bemüht.
Ein erster Blick auf die katholischen ostkirchlichen Gemeinden zeigt, dass die größte Gruppe aus Kerala in Südwestindien stammt und der Syro-malabarischen katholischen Kirche angehört, die ihre Liturgie nach ostsyrischer Tradition feiert. Bis 2018 gab es in Wien nur eine einzige indische katholische Gemeinde, betreut von P. Thomas Thandappilly. Inzwischen gibt es acht Gemeinden in Wien, Graz, Salzburg und Feldkirch. Sieben von ihnen gehören zur Syro-malabarischen und eine zur Syro-malankarischen Kirche, in der die Liturgie nach westsyrischer Tradition gefeiert wird. All diese Gemeinden sind Teil des Ordinariats für die Gläubigen der katholischen Ostkirchen.
Laut dem Generalvikar des Ordinariats, Yuriy Kolasa, ist die Zahl der syro-malabarischen Christinnen und Christen in Österreich in den letzten Jahren vor allem durch verstärkte Zuwanderung von Pflegekräften aus Kerala stark gestiegen. Sie wird auf gegenwärtig ca. 4.000 geschätzt. Die kleine syro-malankarische Gemeinde in Wien zählt hingegen nur 15 Familien.
P. Thandappilly hat das Thema "Integration und Identität" in seiner Dissertation behandelt. Dabei stellte er u.a. fest, dass die indischen Gemeinden gute Beziehungen zu den deutschsprachigen Ortsgemeinden pflegen und sich an gemeinsamen Aktivitäten beteiligen. Kinder lernen meist ab dem Alter von etwa drei Jahren Deutsch im Kindergarten. Die Gottesdienste werden in Malayalam gefeiert, so dass die Kinder beide Sprachen erlernen können. Mit Zustimmung der Kirchenleitung hat P. Thomas die Liturgie aber auch ins Deutsche übersetzt und veröffentlicht, um das Verständnis zu erleichtern.
Gleichzeitig, so P. Thomas, legen die Gemeinden Wert auf den Erhalt liturgischer Traditionen und der Familienkultur. Die Scheidungsrate liege bei unter einem Prozent. Für die Erhaltung kultureller Bildung gibt es in Wien die indische Schule "Kairali Nikethan". P. Thomas bietet zudem seit vielen Jahren sonntags eine Stunde Kinderkatechese an. Die Jugendlichen seien gut in die österreichische Gesellschaft integriert, behielten aber meist ihre kulturelle und religiöse Identität.
Römisch-katholische Christen
Daneben gibt es auch indische römisch-katholische Christinnen und Christen in Österreich. So gibt es in Wien eine Malayalam-sprachige, eine Tamilisch-sprachige und eine Bengalisch-sprachige Gemeinde, außerdem noch eine Singhalesisch-sprachige Sri Lankische Gemeinde. Gemeinsam sei all diesen Gemeinden ein gutes Verhältnis zu ihren hinduistischen, buddhistischen oder muslimischen Landsleuten, mit denen sie kulturelle und nationale Feste gemeinsam begehen, heißt es im Magazin. Katholische Christinnen und Christen aus anderen Teilen Indiens nähmen meist an englischsprachigen oder deutschsprachigen Gottesdiensten in ihren Wohnpfarren teil.
Orientalisch-orthodoxe Gemeinden
In Österreich leben aber auch orientalisch-orthodoxe indische Christinnen und Christen. Die Malankara Syrisch-orthodoxe Kirche besitzt etwa mit der St.-Marien-Gemeinde seit über 35 Jahren eine Niederlassung in Wien. Die Gemeinde umfasst rund 25 Familien. Unter der Leitung von P. Joshua Markose Vettikkattil unterhält sie enge Beziehungen zu anderen orientalischen Kirchen und engagiert sich im ökumenischen Dialog. Mit der katholischen Kirche verbindet sie ein langjähriges herzliches Verhältnis, was sich in gemeinsamen liturgischen und kulturellen Begegnungen zeigt.
Die autokephale Malankara- bzw. Indisch-orthodoxe syrische Kirche ist in Österreich seit den frühen 1980er Jahren durch die St.-Thomas-Gemeinde vertreten. Rund 35 Familien (etwa 80 Personen) gehören der Wiener Gemeinde an, vereinzelt gibt es Gläubige auch in anderen Bundesländern. Wie ihre syrisch-orthodoxe Schwesterkirche ist auch die St.-Thomas-Gemeinde ökumenisch engagiert, und so wurde die Indisch-orthodoxe syrische Kirche vor wenigen Wochen in den Ökumenischen Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) aufgenommen.
Einen Sonderfall bildet die im 19. Jahrhundert entstandene Mar-Thoma-Kirche, die ihre Liturgie nach dem westsyrischen Ritus feiert, aber in voller Gemeinschaft mit der Anglikanischen und Altkatholischen Kirche steht. In Wien gibt es aktuell fünf Familien, allerdings keinen Priester. Die Gläubigen nehmen deshalb auch an Gottesdiensten in katholischen oder orthodoxen malankarischen Gemeinden teil.
Der Beitrag über die indischen Kirchen in Österreich wurde von zwei Fachleuten geschrieben, die in ihrer täglichen Arbeit eng mit diesen Kirchen zusammenarbeiten: Alexander Kraljic, Nationaldirektor der katholischen anderssprachigen Seelsorge in Österreich, sowie Olha Uhryn, Theologin im Ordinariat für die Gläubigen der Katholischen Ostkirchen in Österreich. Für die weiteren Beiträge über die Ursprünge und geschichtlichen Entwicklungen des indischen Christentums sowie die bereits genannte Mar-Thoma Kirche konnten mit Prof. Dietmar Winkler (Salzburg) und Prof. Karl Pinggera (Marburg) zwei herausragende, für das indische Christentum international anerkannte Experten als Autoren gewonnen werden.
Weitere Informationen zum PRO ORIENTE-Magazin: https://www.pro-oriente.at/publikationen/magazin