Ökumene: Was in der Ukraine vor dem Krieg möglich war
06. März 2026
Ukrainische orthodoxe Theologin Lidiya Lozova gibt im PRO ORIENTE-Blog "Healing of Wounded Memories" Einblicke in ökumenische Initiativen und Veränderungen des ökumenischen Klimas in den vergangenen Jahren
Foto: PRO ORIENTE
Wien/Kiew, 06.03.26 (poi) Von ökumenischen Aufbrüchen in der Ukraine, die mit dem Krieg aber vielfach ein Ende fanden, berichtet die ukrainische orthodoxe Theologin Lidiya Lozova in ihrem Beitrag im PRO ORIENTE-Blog "Healing of Wounded Memories". Sie gibt darin auch Einblicke in aktuelle Entwicklungen innerhalb der Orthodoxie in der Ukraine. Bis 2022 arbeitete Lozova beim Forschungsverband und Verlag "Geist und Buchstabe" sowie im "St. Clement's Centre" zur Förderung von Gemeinschaft und Dialog der Kulturen, die beide von dem ukrainischen orthodoxen Philosophen Constantin Sigov mitbegründet wurden und mit dem "European Humanities Research Centre" an der Nationalen Universität Kiew-Mohyla Akademie verbunden sind, dessen Direktor Prof. Sigov ist.
Die Arbeit habe verschiedene Ziele verfolgt: den akademischen und informellen ökumenischen Dialog zu fördern, den Dialog zwischen Kirche und Kultur sowie zwischen Kirche und Wissenschaft zu stärken und informelle theologische Bildung für alle Interessierten anzubieten. Dies geschah u.a. durch die Publikation von Büchern, internationale ökumenische Sommertreffen und eine jährliche internationale ökumenische Konferenz. Lozova: "Wir arbeiteten mit katholischen Seminaren und theologischen Fakultäten in Italien und Frankreich, den Gemeinschaften von Taizé und Bose sowie dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen zusammen. Kardinäle, Bischöfe, Priester, Nonnen und Laien-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler nahmen daran teil."
Die Themen der Bücher, Sommertreffen und Konferenzen "waren miteinander verbunden und immer auf das ausgerichtet, was verbindet und nicht trennt: nicht nur die Kirchen untereinander, sondern auch Kirche und Kultur". Das Team sei überzeugt gewesen, "dass die beiden Lungen Europas, die orthodoxe und die katholische Kirche, sowohl auf institutioneller als auch auf persönlicher Ebene gemeinsam atmen müssen".
Die Kooperation mit kirchlichen Strukturen sei jedoch oft fragil gewesen. Viele orthodoxe Institutionen hätten einer solchen Ökumene gleichgültig oder feindselig gegenübergestanden, räumt Lozova ein. Auch wenn die Ukraine seit jeher multikonfessionell und vergleichsweise offen war, hätte die dortige Koexistenz der Kirchen nicht automatisch den Wunsch nach Annäherung mit sich gebracht.
Finanziell sei man auch von internationalen katholischen und protestantischen Partnern abhängig gewesen, da die Buchverkäufe nicht ausreichten, um die Gehälter zu bezahlen. Die orthodoxe Kirche in der Ukraine sei ärmer und selten daran interessiert, ökumenische Bildung zu finanzieren; bestenfalls habe man moralische Unterstützung und den Segen angeboten. Die meisten ihrer damaligen Kollegen hätten der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats (UOK-MP) angehört. Man habe auch nur mit dieser orthodoxen Kirche zusammengearbeitet, während man die Orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats als schismatisch betrachtet habe – ein Vorurteil, das auch sie selbst damals geteilt habe, so Lozova.
Wie Lozova weiter berichtet, habe man mit der Kirchenleitung der UOK-MP unterschiedliche Erfahrungen gemacht: Unter Metropolit Volodymyr habe eine sehr ökumenisch aufgeschlossene Atmosphäre vorgeherrscht; die Bischöfe hätten gerne an den Ökumene-Veranstaltungen teilgenommen, auch das Kirchenoberhaupt selbst.
Unter seinem Nachfolger Metropolit Onuphriy sei eher eine Tendenz der Vermeidung von Ökumene zu verzeichnen gewesen. Lozova: "Die Bischöfe zogen sich zurück, und sogar der Pfarrer in Lyshnia, wo wir unsere Sommertreffen abhielten, distanzierte sich allmählich von unseren Aktivitäten."
Später, als die meisten Mitglieder von "Geist und Buchstabe" der 2018/19 unabhängig gewordenen "Orthodoxen Kirche der Ukraine" beitraten, habe man die Pfarre in Lyshnia nicht mehr nutzen können. In den Jahren 2019 und 2020 wurden die Sommertreffen in das von den Dominikanern gegründete katholische Institut St. Thomas von Aquin in Kiew verlegt; 2021 fanden sie nicht statt. "Wir hofften, eine Zusammenarbeit mit der neuen 'Orthodoxen Kirche der Ukraine' aufzubauen, aber 2022 stoppte die russische Invasion diese Arbeit".
Ökumenische Initiativen von Laien würden zwar auch jetzt in der Ukraine fortgesetzt, "aber sie sind jetzt oft eher von kriegsbedingten Bedürfnissen als vom Dialog als solchem geprägt", so Lozova. Man veröffentliche auch weiterhin Bücher, aber weitaus weniger.
Seit sie in Deutschland und Großbritannien lebt, habe sie jedenfalls dort in orthodoxen Kreisen nichts mit der früheren Situation in der Ukraine Vergleichbares gesehen. "In der Diaspora betonen orthodoxe Gemeinschaften oft ihre Besonderheit, insbesondere unter Konvertiten, anstatt Gemeinsamkeiten mit Katholiken zu suchen. Das ist das Gegenteil von dem, was ich erwartet hatte, als ich die Ukraine verließ." Vor diesem Hintergrund würden ihre Erfahrungen in Kiew umso einzigartiger erscheinen: "Ein fragiler, unvollkommener, aber realer Raum, in dem Laien, Geistliche und Gelehrte versuchten, über Konfessionsgrenzen hinweg zusammenzuarbeiten, und in dem Freundschaft und gemeinsames Leben zu einer Form der praktizierten Theologie wurden."
Lozova nahm an der jüngsten ökumenischen PRO ORIENTE-Konferenz "Healing Wounded Memories: The Responsibility of Churches to Heal" teil, die vom 13. bis 16. November in Wien stattfand. Für die Konferenz waren 70 Teilnehmende aus 25 Ländern nach Wien gekommen, darunter Geistliche und Laien aus verschiedenen Kirchen sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen und Arbeitsfeldern.