Russisch-orthodoxer Theologe: Sensibler Umgang mit Sprache in Diaspora-Gemeinden
18. Februar 2026
In russisch-orthodoxer Gemeinde in Deutschland wirkender Priester Aleksei Volchkov in PRO ORIENTE-Blog über praktische Herausforderungen, "wenn Gemeinden im Kontext eines blutigen Konflikts zwischen zwei religiös, kulturell und historisch eng verbundenen Völkern existieren"
Wien, 18.02.26 (poi) Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und die damit einhergehenden Konflikte und Nöte haben auch auf die orthodoxen Diasporagemeinden immense Auswirkungen, vor allem, "wenn Gemeinden im Kontext eines blutigen Konflikts zwischen zwei religiös, kulturell und historisch eng verbundenen Völkern existieren", wie es der orthodoxe Theologe Aleksei Volchkov in einem neuen Beitrag im PRO ORIENTE-Blog "Healing of Wounded Memories" formuliert – wenn also sowohl ukrainische als auch russische Mitglieder zur Gemeinde gehören.
Volchkov wirkt derzeit als Priester in der orthodoxen Pfarre "Hl. Maria von Ägypten" im deutschen Tübingen, die zum Moskauer Patriarchat gehört. Er reflektiert über das Verhältnis von Sprache, Krieg und Gemeindeleben in der Erfahrung seiner Gemeinde, in deren Leben neben der russischen und der ukrainischen Sprache ebenso die deutsche und (in der Liturgie) die kirchenslawische Sprache eine Rolle spielen.
Für die meisten Gemeindemitglieder bleibe Russisch die Hauptkommunikationssprache, so Volchkov. Es sei die Sprache, "in der ihre Mütter freundlich mit ihnen gesprochen haben. Es ist die Sprache, in der sie zum ersten Mal Worte der Liebe gehört haben." Für Geflüchtete aus der Ukraine hingegen könne Russisch mit Aggression und Tod assoziiert sein, was zu emotional komplexen und manchmal auch traumatischen Situation führen könne.
Unter solchen Umständen werde die "Rehabilitierung" der Sprache zu einer wichtigen Aufgabe: "Eine Sprache, die von vielen als Sprache des Feindes wahrgenommen wird, kann in einem christlichen Kontext zu einer Sprache der Brüderlichkeit, Vergebung und gegenseitigen Unterstützung werden." In Deutschland sei dies besonders deutlich zu sehen: Viele Freiwillige, die Flüchtlinge aufgenommen haben, konnten kein Ukrainisch. Dank freiwilliger Dolmetscher sei die Unterstützung in Behörden, bei Arztterminen und in Sprachkursen oft auf Russisch angeboten worden.
Für das kirchliche Leben sei klar: Obwohl Russisch nach wie vor die Hauptkommunikationssprache ist, sei es unerlässlich, der ukrainischen Sprache einen vollwertigen und legitimen Platz im Gemeindeleben einzuräumen, so Volchkov. Er plädiert etwa dafür, dass die Gemeindeleitung die freie Verwendung der ukrainischen Sprache in Gesprächen fördert. Weiters könne der Kirchenraum mit Zeichen ausgestattet werden, die die Menschen an ihre Heimat erinnern: traditionelle Stickereien, dekorative Tücher, Volksmelodien im Gesang. An wichtigen Feiertagen wie Weihnachten und Ostern könne das Evangelium nicht nur auf Russisch und Deutsch, sondern auch auf Ukrainisch gelesen werden. In den Fürbitten könnten die Regionen erwähnt werden, aus denen die Gemeindemitglieder stammen: Ukraine, Weißrussland, Moldawien, Kasachstan.
Im Blick auf die Liturgie sei auch noch zu beachten, so Volchkov, dass in vielen orthodoxen Gemeinden in Deutschland, die der "russischen Tradition" angehören, die Liturgie in kirchenslawischer Sprache gefeiert wird. Für manche klinge diese Sprache "wie ein Symbol einer imperialen Kirche, die ihr Volk verraten hat". Doch Kirchenslawisch gehöre nicht zu einer bestimmten Nation, sondern sei eine Sprache, die zum gemeinsamen Erbe der Völker Osteuropas gehöre. Heute sei ihr verbindendes und tröstendes Potenzial besonders spürbar.
"Erinnerung an den Frieden"
Orthodoxe Gemeinden russischer Tradition in Deutschland stellten oft einen Versuch dar, die Welt zu bewahren, die vor 2022 existierte: "Die gleiche Liturgie, die gleiche Sprache, der gleiche Kalender mit den gleichen Heiligen - aus Weißrussland, Russland und der Ukraine." Die Nachfrage nach einer solchen "Erinnerung an den Frieden" sei nicht nur unter älteren Emigranten groß, sondern auch unter neu angekommenen Geflüchteten aus der Ukraine und Russland, die in der Liturgie nach Stabilität für ihr Leben suchen. Der Kontrast zwischen äußerem Chaos und innerer Stabilität der Liturgie könne ihnen ein Gefühl der Sicherheit geben.
Als Fazit hält Volchkov fest, dass die Praxis in seiner Gemeinde sicher nicht perfekt sei, dass aber trotz aller Konflikte, Missstände und mit Leidenschaft ausgetragener Konflikte sich Geistliche und Laien unter oft schwierigen Umständen gemeinsam um das bemühten, wofür die Kirche im Wesentlichen existiert: "einander anzunehmen, zu vergeben, Mitgefühl zu zeigen und zu teilen, was sie haben".
Aleksei Volchkov nahm an der jüngsten ökumenischen PRO ORIENTE-Konferenz "Healing Wounded Memories: The Responsibility of Churches to Heal" teil, die vom 13. bis 16. November in Wien stattfand. Für die Konferenz waren 70 Teilnehmende aus 25 Ländern nach Wien gekommen, darunter Geistliche und Laien aus verschiedenen Kirchen sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen und Arbeitsfeldern.
Zum Blog-Beitrag von Aleksei Volchkov: https://www.pro-oriente.at/blog/language-war-and-parish-life-the-experience-of-an-orthodox-community-of-the-russian-tradition-in-germany