Versöhnung in Südosteuropa: Theologe betont unersetzliche Rolle der Laien
12. Februar 2026
Serbisch-orthodoxer Theologe Zeljkovic sieht in Beitrag im PRO ORIENTE-Blog bei Partizipation der Laien in der Orthodoxen Kirche noch Raum für Entwicklung - Deren Beiträge im ökumenischen und interreligiösen Dialog sind auf der anderen Seite nicht hoch genug einzuschätzen
Theologe Zeljkovic - Foto: PRO ORIENTE
Wien/Belgrad, 12.02.26 (poi) In Südosteuropa sind Fragen der Gerechtigkeit, Versöhnung und Erinnerung nach wie vor eng mit dem kirchlichen Leben verflochten. Dabei will der serbisch-orthodoxe Theologe Stefan Zeljkovic den Blick vor allem auf die unersetzliche Rolle der Laien lenken, wie er in einem neuen Beitrag im PRO ORIENTE-Blog "Healing of Wounded Memories" ausführt. Dialog und Versöhnung würden täglich in lokalen Gemeinschaften, Bildungsinitiativen und zwischenmenschlichen Begegnungen gelebt. "In diesem Bereich hat sich die Rolle der Laien als bedeutend und unersetzlich erwiesen", so Zeljkovic: "Als orthodoxe Laientheologen, Pädagogen, Jugendarbeiter, Journalisten und Akteure der Zivilgesellschaft stehen Laien oft an vorderster Front des Dialogs und der Versöhnung."
Während kirchliche Hierarchien aufgrund historischer Belastungen, institutioneller Verantwortlichkeiten oder der Angst vor Fehlinterpretationen manchmal allzu vorsichtig agierten, würden Laien häufig zu den ersten Vermittlern von Begegnung. Zeljkovic: "Gerade weil sie nicht Teil der formalen Hierarchie sind, können sie freier Gespräche initiieren, informelle Räume des Vertrauens schaffen und sensible Themen wie Traumata, Schuld, Verantwortung und Koexistenz ansprechen."
Er habe diese Dynamik bei verschiedenen interreligiösen und ökumenischen Initiativen auf dem Balkan miterlebt, insbesondere bei Projekten, die orthodoxe, katholische und protestantische Christen sowie Muslime und Juden zusammenbrachten.
Bei diesen Begegnungen habe die Versöhnung selten mit einer Klärung der Glaubenslehre begonnen. "Stattdessen entstand sie durch gemeinsame Erfahrungen, aufmerksames Zuhören und das Anerkennen der Wunden des anderen." Die Heilung verletzter Erinnerungen habe sich weniger als eine Frage theologischer Präzision erwiesen, sondern vielmehr als Prozess menschlicher Empathie. In diesem Sinne dienen Laien oft als "Brückenbauer", die theologische Erkenntnisse in gelebte Realität umsetzen, so Zeljkovic.
In den Beziehungen zwischen den Kirchenleitungen bzw. dem Klerus und den Laien sieht der Theologe noch Raum für Entwicklung. In der orthodoxen Tradition sei die Kirche sowohl hierarchisch als auch konziliar verfasst. Synodalität gehöre zur orthodoxen Ekklesiologie. In der Praxis seien synodale Prozesse jedoch oft auf Bischöfe und Geistliche beschränkt. Dem hält Zeljkovic entgegen, dass Laien fachliche Kompetenz, soziale Sensibilität und Offenheit gegenüber der Gesellschaft einbringen können: "Wenn diese Gaben willkommen sind, gewinnt die Kirche an Vitalität. Wenn sie mit Misstrauen betrachtet werden - insbesondere im ökumenischen oder interreligiösen Kontext -, gehen Chancen für Heilung und Versöhnung verloren."
Die Unterstützung für das Engagement von Laien komme oft weniger von formellen kirchlichen Strukturen als vielmehr von persönlichen Netzwerken, Stiftungen und internationalen ökumenischen Programmen. Diese Programme befähigten die teilnehmenden Laien, theologisch über Gerechtigkeit und Versöhnung nachzudenken und dabei in der konkreten sozialen Realität verankert zu bleiben.
Vonseiten der Kirchenleitungen ortet der Theologe hingegen bislang nur eine begrenzte Anerkennung der Beiträge von Laien. Zudem hält er die Strukturen für die theologische Ausbildung von Laien innerhalb der Orthodoxie noch für unzureichend, und außerdem gebe es von den Hierarchien bisweilen immer noch ein Misstrauen gegenüber ökumenischem Engagement von Laien.
Der Theologe plädiert für eine "wahrhaft synodale Kirche". Eine solche könne ohne die Laien nicht existieren. Für die Orthodoxie und für die gesamte christliche Gemeinschaft bestehe die Herausforderung darin, "von einer rein beratenden Rolle der Laien zu einer echten Beteiligung an Entscheidungsprozessen überzugehen". Wann immer die Laien dazu ermutigt würden, zu sprechen, zu dienen und zu gestalten, werde die Kirche lebendiger.
Stefan Zeljkovic promoviert derzeit in orthodoxer Theologie an der Fakultät für orthodoxe Theologie der Universität Belgrad. Er hat zudem Master-Abschlüsse in Kirchenrecht, Soziologie und kirchlicher Diplomatie. Er nahm an internationalen Austauschprogrammen statt und zuletzt auch an der jüngsten ökumenischen PRO ORIENTE-Konferenz "Healing Wounded Memories: The Responsibility of Churches to Heal" teil, die vom 13. bis 16. November in Wien stattfand. Für die Konferenz waren 70 Teilnehmende aus 25 Ländern nach Wien gekommen, darunter Geistliche und Laien aus verschiedenen Kirchen sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen und Arbeitsfeldern.
Zum Blog-Beitrag von Stefan Zeljkovic: https://www.pro-oriente.at/blog/the-role-of-laity-in-bridging-the-gap-towards-a-more-synodal-approach-testimonies-from-the-ground