Weltweites Gedenken an Völkermord an Pontus-Griechen
20. Mai 2026
Rund 300.000 christliche Pontus-Griechinnen und -Griechen wurden zwischen 1915 und 1923 im damaligen Osmanischen Reich ermordet, hunderttausende mussten fliehen - Auch Ökumenischer Rat der Kirche erinnert an dramatische Ereignisse von mehr als 100 Jahren
Symbolbild: unsplash.com
Athen, 20.05.26 (poi) In Griechenland und der weltweiten griechischen Diaspora wurde am Dienstag der Opfer des Völkermordes an den Pontus-Griechen vor rund 100 Jahren im Osmanischen Reich gedacht. Wissenschaftliche Untersuchungen besagen, dass zwischen 1915 und 1923 insgesamt rund 300.000 christliche Pontus-Griechen ermordet wurden. Hunderttausende mussten fliehen. Die griechische Regierung veröffentlichte eine Botschaft zum Gedenktag, in der von einem der "tragischsten Kapitel in der Geschichte des Hellenismus" die Rede ist. Auch zahlreiche Kirchenvertreter nahmen an Gedenkveranstaltungen teil.
Der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) hat in einer Erklärung des Völkermordes gedacht, festgehalten im Schlussdokument der Konferenz der Kommission für Internationale Angelegenheiten (CCIA) des ÖRK, die vom 18. bis 20. Mai in Athen stattfand und von der Griechisch-orthodoxen Kirche ausgerichtet wurde. Die Konferenzteilnehmenden stimmten einstimmig der erstmaligen Aufnahme eines Verweises auf den Pontischen Genozid zu, einem Vorschlag der Griechisch-orthodoxen Kirche folgend. Die Kommission ist ein beratendes Gremium des Ökumenischen Rates für globale Krisen, Frieden und Menschenrechte.
Umkämpfter Pontus
Der Pontus war bis zum Ersten Weltkrieg ein stark griechisch geprägtes Gebiet. Im Vilayet (Provinz) Trapezunt (Trabzon) wurden bei der Volkszählung 1910 eine Million Muslime und mehr als 450.000 Christen (zumeist Griechen, aber auch Armenier) ermittelt. Das im Pontus gesprochene Griechisch galt als eine der reinsten Spielarten der griechischen Sprache. Im 17./18. Jahrhundert war ein Teil der griechischen Bevölkerung des Pontus zum Islam übergetreten. Diese Gruppe behielt aber die griechische Sprache bei. Noch heute gibt es in der Schwarzmeerregion Dörfer und Kleinstädte, in denen Griechisch die Haussprache ist.
Ab Beginn des Ersten Weltkriegs verdächtigten die jungtürkischen Machthaber des "Komitees für Einheit und Fortschritt" (Ittihad ve Terakki) die christliche griechische Bevölkerung des Pontus, mit Russland im Bunde zu stehen. Es kam zu Verfolgungen, die mit dem Vorgehen gegen die armenische Bevölkerung zu vergleichen waren. 1916 eroberten russische Truppen Trapezunt.
Mit dem Zusammenbruch der russischen Front infolge der Revolutionen des Jahres 1917 begannen Planungen für die Schaffung eines autonomen Nachkriegsstaates in der von Pontus-Griechinnen und -Griechen bevölkerten Region. Die Republik Pontus oder Pontische Republik war zwischen 1917 und 1920 der Versuch der Gründung eines griechischen Staates in der Pontus-Region am Schwarzen Meer. Es kam allerdings nur zur Bildung einer provisorischen Interimsregierung.
Anfang 1918 gelang den Osmanen die Rückeroberung des Gebietes. Nach der osmanischen Kapitulation besetzten allerdings 1919 armenische Truppen das Gebiet, das als Teil Großarmeniens betrachtet wurde. In Samsun landeten britische Truppen, griechische Truppen hielten kurzzeitig nur Zonguldak jenseits der Westgrenze der Pontus-Region besetzt. Die Briten zogen bald wieder ab, und die Armenier wurden Ende 1920 von den Kemalisten geschlagen. Fortan blieb das Gebiet unter türkischer Kontrolle.
Infolge des im Friedensvertrag von Lausanne 1923 oktroyierten Bevölkerungsaustausches scheiterten die Pläne für einen unabhängigen Staat der Pontus-Griechen endgültig. Die orthodoxe Bevölkerung, die die Kampagnen der Ittihadisten und Kemalisten überlebt hatte, musste ihre Heimat verlassen. Als in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunehmend Christinnen und Christen aus der Türkei sowie anderen Staaten des Nahen Ostens nach Deutschland gelangten, befanden sich unter ihnen viele, die von Überlebenden des Genozids abstammten.
Die griechische Regierung hat 1994 den 19. Mai als "Gedenktag des an den Griechen des Pontus verübten Genozids" bestimmt. An diesem Tag erinnern Pontos-Griechen weltweit an den Genozid, der am 19. Mai 1919 mit der dauerhaften Vertreibung der griechisch-orthodoxen Bevölkerung aus der Schwarzmeerregion seinen Höhepunkt erreichte.