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Pro Oriente

Die katholischen Ostkirchen

Historisch-Theologische Hinführung

Definition des Begriffs "katholische Ostkirchen"

Mit den "katholischen Ostkirchen" sind jene Ostkirchen bezeichnet, welche in voller Gemeinschaft mit Rom stehen, jedoch ihre eigene ostkirchliche Tradition haben. Sie sind als "unierte" Kirchen bekannt.

Einem Kirchenverständnis folgend, das die Einheit der Kirche als Einheit unter dem Bischof von Rom definierte, hat die römisch-katholische Kirche auch unter den Ostkirchen Mission betrieben. Jedoch führten diese Unionsversuche zumeist zu neuen Spaltungen anstatt zur ersehnten einen Kirche Christi. Fast aus allen Ostkirchen sind Teile herausgebrochen und mit Rom vereinigt.

Die Beweggründe zu den einzelnen Unionen sind unterschiedlich. Als Voraussetzung ist das erwähnte westliche Kirchenverständnis anzusehen. Darüberhinaus waren es aber nicht selten politische, sozio-politische und wirtschaftliche Gründe, die den Ausschlag dafür gaben, den Kontakt mit der Kirche von Rom zu suchen.

Erneuerung der Kontakte mit der Kirche von Rom

Bereits im 11./12. Jh. gab es über die Kreuzfahrer Verbindungen zwischen westlichem und östlichem Christentum im Nahen Osten. So war es zum Beispiel die maronitische Kirche, welche im Jahre 1181 formell die Gemeinschaft mit Rom bestätigte. Diese Union stellt insofern eine Besonderheit dar, als sich die maronitische Kirche ihrem Selbstverständnis nach nie von Rom getrennt hatte. Es handelt sich also um eine Erneuerung der Kontakte mit der Kirche von Rom. Grundsätzlich ging man auch bei der (Wieder-)aufnahme der Kirchengemeinschaft mit der Kirche des Ostens und den sogenannten Thomas-Christen im 16. Jh. vom gleichen Verständnis aus. Allerdings hatte die Latinisierung und Kolonisierung durch die Portugiesen in Indien fatale Kirchenspaltungen zur Folge.

Die politischen Gründe einer Union

Die politischen Gründe einer Union werden bei den zentral- und osteuropäischen Ostkirchen sichtbar. In diesen geographischen Räumen, insbesondere in Polen und in Österreich, lebten ab dem 16. Jh. lateinische und orthodoxe Christen nebeneinander. Einerseits war die Staatsmacht daran interessiert, die Christen unter einer Jurisdiktion zu haben, andererseits war den orthodoxen Gläubigen und Klerikern die wirtschaftliche und politische Gleichstellung mit der lateinischen Kirche wichtig. Aus einer Situation der Benachteiligung heraus erwuchs den Orthodoxen also die Hoffnung, durch eine Union mit der privilegierten lateinischen Kirche die eigene Lage zu verbessern. Allerdings fand in keinem der Fälle eine vollständige Union statt, sodass es jedesmal zu einer Abspaltung aus der orthodoxen Mutterkirche kam.

Die Methoden, mit welchen man Christen anderer Konfessionen zum Anschluss an die eigene Kirche zu bewegen versuchte, änderten sich im Laufe der Zeit. Auch die verlangte Angleichung des kirchlichen Lebens war nicht immer dieselbe. So gab es Zeiten mit sehr strikten Forderungen nach Übernahme lateinischer Traditionen und Riten, daneben gibt es aber auch viele Beispiele großer Toleranz den jeweiligen Sitten und Bräuchen gegenüber. Die ekklesiologische Bewertung der Unionen ist nicht in jedem Fall die gleiche, und gerade an den verschiedenen Unionen ist erkennbar, welches Kirchenverständnis jeweils als Grundlage diente.

Zwei verschiedene Grundtendenzen

Zwei verschiedene Grundtendenzen sind in diesem Sinne herauszulesen. Die meisten Unionen entstanden in einer Zeit, in der sich die getrennten Kirchen trotz aller Verständnisschwierigkeiten noch als Kirchen anerkannten. Jede der Kirchen definierte die jeweils andere zwar als fehlerhaft, jedoch sprach man sich gegenseitig das Kirche-Sein nicht ab. Dieses Denken bewog dazu, auf die "fehlerhaft" gewordene Kirche einzuwirken und sie zur Rückkehr zum wahren Glauben zu bewegen. Meist beschränkte man sich auf die Annahme bestimmter theologischer Formeln (Christologie von Chalzedon, Filioque etc.) und den Verzicht auf einige liturgische Bräuche (unvermischter Wein, ungesäuertes Brot etc.). Westlicherseits stand immer auch die Anerkennung des Bischofs von Rom als Oberhaupt der Kirche im Vordergrund. Bezüglich anderer Unterschiede übte man weitgehend Toleranz. Auf diese Weise entstanden Kirchen, die einerseits noch in der Tradition jener Kirchen standen, mit welchen sie nach dem Unionsabschluß die Gemeinschaft verloren hatten, und andererseits aber nicht die Lebensform jener Kirche übernahmen, mit der sie in Gemeinschaft traten.

Die sich im Westen allmählich durchsetzende Überzeugung, die einzig wahre Kirche sei die römisch-katholische Kirche, führte sodann auch zu Einzelkonversionen. Wer zur heilbringenden und seligmachenden Kirche gehören wollte, musste zur Kirche mit dem Bischof von Rom an der Spitze gehören. Es wurde als Gewissenspflicht erachtet, jenen Christen, die sich außerhalb dieser Kirche befanden, den Weg zur wahren Kirche zu zeigen. Eine solche Tendenz war jedoch nicht ausschließlich eine lateinische Spezialität. Auch auf Seiten der Ostkirchen sah man das westliche Christentum als vom wahren Glauben abgekommen. Es galt also das Heil der Verlorenen durch Konversion zu retten.

Gemeinsamkeiten beider Formen des Uniatismus

Beiden Formen des Uniatismus - die "Rückgewinnung" möglichst großer Teile von Kirchen und die Einzelkonversionen - ist gemeinsam, daß sie ekklesiologisch und soteriologisch unzulänglich sind. Man begegnet sich nicht als gleichwertige Partner und man erkennt die andere Kirche nicht als Kirche an. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) entspricht der Uniatismus nicht mehr der römisch-katholischen Theologie. Auch in der römisch-katholischen Kirche ist nun der Begriff "Schwester-Kirchen" in Verwendung, der in der Orthodoxie seit jeher gebräuchlich ist.

Auswirkungen der politischen Umbrüche in Osteuropa

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in den kommunistischen Ländern die katholischen Ostkirchen unter Zwang in die entsprechenden orthodoxen Kirchen eingegliedert. Die unierten Kirchen existierten offiziell nicht mehr. Als Folge des Niedergangs der totalitären Staaten und des Fallens des Eisernen Vorhanges wurden Anfang der 1990er Jahre die katholischen Ostkirchen wieder zugelassen. Als Reaktion auf diese politischen Umbrüche in Osteuropa bemühte man sich seitens des Vatikans, die nun wieder in Freiheit lebenden katholischen Ostkirchen neu zu organisieren, um auf die pastoralen Bedürfnisse der sich zu diesen Gemeinschaften bekennenden Gläubigen eingehen zu können. Sie hatten unter der stalinistischen Zeit zum Teil mit großer Kompromisslosigkeit ihre Treue zu Rom beibehalten.

Die Wiederzulassung führte nun zur erheblichen Belastung der Beziehungen zwischen der orthodoxen und der römisch-katholischen Kirche. Der seit 1978 offiziell geführte fruchtbare Dialog scheiterte beinahe, blieb aber durch die Konferenzen der Dialogkommission der orthodoxen und der katholischen Kirche 1990 in Freising (Deutschland) und vor allem 1993 in Balamand (Libanon) aufrecht. Einerseits begrüßte die Kommission die durch die Umbrüche in Osteuropa erlangte Religionsfreiheit, sowohl für die orthodoxen als auch für die katholischen Christen, andererseits ist man sich auch der großen Schwierigkeiten bewusst, die durch die Wiederzulassung der unierten Kirchen entstanden sind. Im Dokument von Freising formulierte man deshalb: "Der Ausdruck 'Uniatismus' bezeichnet hier den Versuch, die Einheit der Kirche durch Trennung von Gemeinden und orthodoxen Gläubigen von der orthodoxen Kirche zu verwirklichen, ohne zu bedenken, dass nach der Ekklesiologie die orthodoxe Kirche eine Schwesterkirche ist, die selbst Gnaden- und Heilsmittel anbietet. In diesem Sinn und entsprechend dem von der Unterkommission von Wien (1990) erstellten Dokument verwerfen wir den 'Uniatismus' als Weg zur Einheit, weil er der gemeinsamen Tradition unserer Kirchen widerspricht" (Pkt. 6b).

Drei Arbeitskommissionen erarbeiten Diskussiongrundlagen

In den darauffolgenden Jahren 1990-1993 beschäftigten sich drei Arbeitskommissionen damit, die Diskussionsgrundlagen für die nächste Vollversammlung zu erarbeiten. 1991 wies Johannes Paul II. in seinem Brief "An die Bischöfe des europäischen Kontinents über die Beziehungen zwischen Katholiken und Orthodoxen in der neuen Lage Mittel- und Osteuropas" auf diese Problematik hin. Auf Basis der Dekrete des Zweiten Vatikanischen Konzils plädierte der Papst für einen brüderlichen Umgang und sprach sich gegen jeden Versuch der gewaltsamen Missionierung in den Gebieten Osteuropas aus. Auch das 1992 von der päpstlichen Kommission "Pro Russia" verfasste Schreiben "Allgemeine Prinzipien und praktische Normen für die Koordinierung der Evangelisierung und des ökumenischen Engagements der katholischen Kirche in Rußland und in den anderen Ländern der GUS" spricht sich für den brüderlichen Dialog mit den Ortsbischöfen der orthodoxen Kirche und der Zusammenarbeit in allen Bereichen aus.

In Balamand tagte die Dialogkommission im Juni 1993 und unterstrich noch einmal die Erklärung von Freising. Der Uniatismus wird als Einheitsmethode verurteilt, gleichzeitig aber den unierten Kirchen das legitime Recht der Existenz eingeräumt. Im Schlussdokument erklärte man ausdrücklich, dass der Versuch, durch Uniatismus die Einheit der Kirche wiederherzustellen, fehlschlug und zusätzliche Spannungen und Spaltungen erzeugte.

Die katholische Kirche befindet sich in der schwierigen Situation, einerseits die ökumenischen Beziehungen zur orthodoxen Kirche nicht zu belasten oder gar abzubrechen, und andererseits die katholischen Ostkirchen nicht im Stich zu lassen. Ohne den Uniatismus der Vergangenheit und die damit verbundenen Kirchenspaltungen gutzuheißen, muss man doch heute, im Zeitalter der ökumenischen Dialoge, den katholischen Ostkirchen ihren Platz in der Kirche Christi zugestehen. Nicht das gegenseitige Aufrechnen darf hier im Mittelpunkt des Dialogs stehen, sondern die geschwisterlichen Beziehungen zwischen den Kirchen mit dem Ziel der vollen Gemeinschaft in Glaube, Leben und Zeugnis.

Quelle: Dietmar W. Winkler - Klaus Augustin: Die Ostkirchen (Andreas Schnider-Verlagsatelier, Graz 1997)

Sektion: Wien