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Franz König

Pro Oriente

Orthodoxie:

Flammender Appell des Ökumenischen Patriarchen für Einheit der Orthodoxie

Flammender Appell des Ökumenischen Patriarchen für Einheit der Orthodoxie

Bartholomaios I. zeichnete bei der Eröffnung der „Synaxis“ im Phanar ein dramatisches Bild der Situation der orthodoxen Kirche – Klares Votum des Ökumenischen Patriarchen für Mehrheitsprinzip bei einem Panorthodoxen Konzil

Istanbul, 06.03.14 (poi) Mit einem flammenden Appell zur Einheit der orthodoxen Kirche hat der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. am Donnerstag die von ihm einberufene Versammlung („synaxis“) der Oberhäupter der autokephalen (selbständigen) orthodoxen Kirchen im Phanar eröffnet. Die innere Einheit der orthodoxen Kirche sei eine fundamentale Voraussetzung dafür, der Welt von heute das Evangelium verkünden zu können, so der Patriarch. Die Orthodoxie habe eine „vollkommene Lehre von der Kirche“, aber „bisweilen weigern wir uns, sie anzuwenden“. Es gebe eine präzise, von den Ökumenischen Konzilen festgelegte Ordnung in der orthodoxen Kirche. Und doch werde den Außenstehenden bisweilen der Eindruck vermittelt, dass die Orthodoxen sich nicht einmal darüber einig sind, wer „der Erste“ unter ihnen ist. Es gebe „Zeichen der Auflösung“, bedauerte Bartholomaios I. Die orthodoxe Kirche habe zur Bewahrung ihrer Einheit kein anderes Instrument als die Synodalität. Daher sei jeder weitere Aufschub der Einberufung des Panorthodoxen Konzils (nach orthodoxer Zählung das 8. Ökumenische Konzil) eine „schwere Verletzung“ der Einheit.

Eingangs hatte der Ökumenische Patriarch ein dramatisches Bild der Situation der orthodoxen Kirche gezeichnet. „Ungestüme Veränderungen“ seien besonders in jener geographischen Region des Nahen Ostens spürbar, in denen die Kirche entstanden sei und geblüht habe. Hier dominiere die Gewalttätigkeit, die „oft im Namen der Religion“ alle Menschen bedrohe, die an Christus glauben. Die Verfolgung der Christen, die sakrilegische Zerstörung von Kirchen, die Entführung von Klerikern – „wie etwa die der beiden Metropoliten Boulos Yazigi und Mar Gregorios Youhanna Ibrahim“ – erfüllten ihn mit Kummer und Sorge, betonte Bartholomaios I. Angesichts dieser Phänomene, die die Existenz der Kirche bedrohen, müsse die ganze weltweite orthodoxe Kirche ihre „Stimme des Protests“ erheben.

Die Verfolgung gegen den christlichen Glauben sei aber nicht auf die „Formen provokativer Unterdrückung“ beschränkt, so der Ökumenische Patriarch. Genauso groß sei die aus der Säkularisierung früher christlicher Gesellschaften erwachsende Gefahr, dass die Kirche an den Rand des öffentlichen Lebens gedrängt wird, während „fundamentale spirituelle und moralische Prinzipien des Evangeliums aus dem Leben der Menschen verbannt werden“. Die orthodoxe Kirche habe sich nie dafür eingesetzt, den Menschen die Prinzipien des Evangeliums aufzudrängen, Zwang aller Art gehöre nicht zur Natur der Orthodoxie. Trotzdem müsse die orthodoxe Kirche ihrer Verpflichtung zur Verbreitung der Prinzipien des Evangeliums in der Welt von heute entsprechen, „auch wenn diese Prinzipien im Gegensatz zu vorherrschenden Ideen stehen“.

Die orthodoxe Kirche beachte die Traditionen der Vergangenheit, aber das bedeute nicht, dass sie eine „verknöcherte Kirche“ sei, die sich um die aktuellen Herausforderungen nicht kümmere, betonte Bartholomaios I. Eine dieser Herausforderungen sei die von der raschen Entwicklung der Technik geförderte Globalisierung. Die orthodoxe Kirche sei immer weltweit in ihrer Orientierung und Struktur gewesen, aber diese Haltung sei Hand in Hand mit dem Respekt vor Mentalitäten und Traditionen der Völker gegangen. Heute vereine die Technik alle Menschen, das habe zweifellos positive Auswirkungen auf die Verbreitung von Kenntnissen und Informationen. Aber zugleich sei dies ein Kanal, um „besondere kulturelle Modelle“, die mit den Traditionen der Völker nicht immer vereinbar sind, zu verbreiten und indirekt aufzudrängen.

Bartholomaios I. nannte vor den im Phanar versammelten Patriarchen und Bischöfen drei Bereiche, in denen die orthodoxe Kirche ihre Stimme vernehmbar machen müsse: Die Biotechnik, wobei er bedauerte, dass das bei der letzten „Synaxis“ von 2008 begründete „Interorthodoxe bioethische Komitee“ wieder eingeschlafen sei, den Einsatz für den Umweltschutz, bei dem das Ökumenische Patriarchat seit 1989 federführend sei, und die Finanzkrise. Wörtlich sagte der Patriarch im Hinblick auf die Finanzkrise: „Jugendarbeitslosigkeit, Zunahme der Armut, Zukunftsangst, all dies zeigt, wie weit sich die gegenwärtige Menschheit von der Anwendung der Prinzipien des Evangeliums entfernt hat. Auch wir Bischöfe sind dafür verantwortlich, weil wir oft unsere Seelsorge auf ‚spirituelle‘ Dinge beschränken und die Tatsache vernachlässigen, dass es auch materieller Ressourcen bedarf, um in würdiger Weise als nach dem Bild Gottes geschaffene Menschen leben zu können“.

Orthodoxie beruht auf synodalem System

Ausführlich nahm der Ökumenische Patriarch in seiner Eröffnungsansprache zu Fragen der Kirchenstruktur Stellung. Die weltweite orthodoxe Kirche umfasse eine „Gemeinschaft autokephaler orthodoxer Kirchen, die sich ohne jede äußere Einmischung selbst verwalten“, betonte er. Dieses von den Vätern überkommene System sei ein „Segen, den wir wie unseren Augapfel hüten müssen“. Denn durch dieses System könne jede Abweichung in Richtung auf Konzeptionen vermieden werden, die der orthodoxen Lehre von der Kirche fremd sind und „die Ausübung universaler Autorität durch irgendeine Ortskirche und ihren Ersthierarchen“ betreffen.

Bartholomaios I. ließ aber keinen Zweifel daran, dass es im Hinblick auf die „Gemeinschaft“ der orthodoxen Kirchen Probleme gibt. Ohne einzelne Situationen beim Namen zu nennen, sprach der Patriarch von autokephalen Kirchen, die „eigenmächtig Beziehungen mit Nichtorthodoxen anknüpfen“, von Kirchen, die sich nicht an Aktivitäten beteiligen, die auf panorthodoxer Ebene beschlossen wurden (ein Hinweis auf jene orthodoxen Kirchen, die sich von der Mitarbeit im Weltkirchenrat zurückgezogen haben), aber auch von Schwesterkirchen, die „kanonische Grenzen anderer Schwesterkirchen in Frage stellen und dadurch Bitterkeit und Unruhe erzeugen“. All dies sei ein Hinweis auf die Bedeutung der Synodalität in der orthodoxen Kirche.

Das synodale System habe seit jeher einen „grundlegenden Aspekt des kirchlichen Lebens“ dargestellt, erinnerte der Ökumenische Patriarch. Innerhalb der autokephalen orthodoxen Kirchen sei es auch „mehr oder weniger“ getreu aufrechterhalten worden, aber es sei in den Beziehungen zwischen diesen Kirchen „völlig abwesend“. Das habe dazu geführt, dass es nicht das Bild „einer orthodoxen Kirche“ gebe, sondern die Vorstellung von „vielen Kirchen“.

Vor mehr als 50 Jahren habe der damalige Ökumenische Patriarch Athenagoras die ersten Schritte für die Einheit der Orthodoxie gesetzt: Die Panorthodoxen Konsultationen seien eingerichtet worden und hätten gemeinsame Entscheidungen gefällt. Diese Entscheidungen seien als für alle orthodoxen Kirchen bindend erachtet worden, erinnerte Bartholomaios I. Heute würden manche dieser Entscheidungen von „Segmenten innerhalb der orthodoxen Kirchen in Frage gestellt“, dies werde auch von der Hierarchie einzelner Kirchen toleriert, „mit unabsehbaren Konsequenzen für die Einheit ihrer Herde“. Synodale Entscheidungen müssten aber von allen respektiert werden, denn dies sei „der einzige Weg, um die Einheit der Kirche zu bewahren“. Der Ökumenische Patriarch räumte ein, dass die in den letzten Jahrzehnten auf panorthodoxer Ebene erarbeiteten Entwürfe für Konzilsdokumente teilweise der Revision bedürfen, weil sich die Umstände geändert hätten, etwa im Hinblick auf die soziale Situation, die Beziehungen zu den nichtorthodoxen Christen und die Ökumenische Bewegung.

Überaus deutlich wurde Bartholomaios I. im Hinblick auf eine der delikatesten Fragen der Vorbereitung des 8. Ökumenischen Konzils: Jede der autokephalen orthodoxen Kirche sollte demnach beim Konzil (dessen Einberufung der Ökumenische Patriarch für das Jahr 2015 anstrebt) mit einer bestimmten Zahl von Delegierten vertreten sein, die „wenn möglich“ von der jetzt tagenden „Synaxis“ festzulegen sei. Unabhängig von der Zahl der Delegierten sollte jede Kirche bei den Schlussabstimmungen eine einzige Stimme haben, die der jeweilige Ersthierarch abzugeben hätte. Der springende Punkt dabei sei, ob die Letztentscheidungen des Konzils „einstimmig“ oder „mit Mehrheit“ erfolgen sollen, unterstrich Bartholomaios I. Wenn man der alten kanonischen Tradition der Kirche folge, dann müsse es Mehrheitsentscheidungen geben können, was die Möglichkeit einer „immer wünschenswerten“ Einstimmigkeit nicht ausschließe. Auch darüber müsse die „Synaxis“ entscheiden.

Metropolit Hilarion: „Nur Konsensbeschlüsse“

Bei der am Mittwoch zu Ende gegangenen Sitzung der Vorbereitungskommission der „Synaxis“ hatte der Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats, Metropolit Hilarion (Alfejew), bereits dargelegt, dass er sich – ausgehend von den Voten des Bischofskonzils der russisch-orthodoxen Kirche im Jahr 2013 – nur Konsens-Entscheidungen, also einstimmige Beschlüsse, eines panorthodoxen Konzils vorstellen könne. Wörtlich sagte der Metropolit: „Wir sollten nicht nur über den Erfolg des Konzils nachdenken, sondern auch über die Akzeptanz seiner Resultate durch die einzelnen orthodoxen Kirchen“.

Die Einheit der Orthodoxie sei „ohne administrative Instrumente“ zweitausend Jahre bewahrt worden, betonte der Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats. Das sei ein „so kostbares Erbe“, dass es „zunächst und vor allem“ erhalten und gestärkt werden müsse.

Hagia Sophia darf nicht Moschee werden

Unmittelbar vor der „Synaxis“ hatte Patriarch Bartholomaios unmissverständlich betont, dass eine neuerliche Öffnung der Hagia Sophia für den islamischen Gottesdienst nicht in Frage kommt. Wie die katholische Nachrichtenagentur „AsiaNews“ meldet, erfolgte die Wortmeldung des Ökumenischen Patriarchen bei einer Predigt vor einer großen Gruppe von Wissenschaftlern und Studenten, die den Phanar besuchten. Wörtlich sagte der Patriarch: „Zeugnis der historischen und dauerhaften Präsenz des christlichen Denkens in diesem Land ist auch die Hagia Sophia…Die zuletzt in bestimmten Sektoren der türkischen Gesellschaft zirkulierenden Stimmen, die auf eine Wiedereröffnung der Hagia Sophia als Moschee drängen, werden Ihnen sicher nicht entgangen sein. Wir werden uns dem entgegenstellen – und mit uns alle Christen, ob es nun Orthodoxe, Katholiken oder Evangelische sind. Die Hagia Sophia wurde erbaut, um den christlichen Glauben zu bezeugen und wenn sie wieder dem Gottesdienst dienen soll, dann kann das nur der christliche sein“.

Die Idee einer Umwidmung der 1934 zum Museum erklärten Hagia Sophia zur Moschee war im Herbst des Vorjahrs von einem türkischen Historiker zunächst in der Hochglanzzeitschrift der „Turkish Airlines“ dargelegt worden. In den letzten Wochen wurde in den türkischen Medien spekuliert, Ministerpräsident Recep T. Erdogan strebe im Hinblick auf die Präsidentschaftswahlen im August (erstmals wählt das Volk den Präsidenten) eine „Re-Islamisierung“ der Hagia Sophia an. Um die Reaktion der westlichen Welt abzufedern, wolle er gleichzeitig die seit Jahren versprochene, aber immer wieder verschleppte Wiedereröffnung der orthodoxen Theologischen Hochschule und des Priesterseminars auf der Marmara-Insel Chalki durchführen.

Die Hagia Sophia wurde im 6. Jahrhundert an Stelle eines konstantinischen Vorgängerbaus unter Kaiser Justinian I. errichtet. Sie diente auch als Krönungskirche der oströmischen Herrscher. Nach der osmanischen Eroberung 1453 wurde die Hagia Sophia zur Reichsmoschee der Osmanen. 1934 erfolgte die Umwandlung in ein Museum unter dem Namen „Museum der Hagia Sophia-Moschee“. Noch vor einem Jahr sagte Erdogan auf entsprechende Fragen von Funktionären seiner Partei, direkt vis-a-vis von der Hagia Sophia stehe die Sultan-Ahmet-Moschee („Blaue Moschee“). Sie sei beim islamischen Freitagsgebet nahezu leer: „Denken wir zuerst daran, sie zu füllen. Dann können wir an die Hagia Sophia denken“. (ende)