Pro Oriente Logo

Die Ökumene muss
weitergehen!

Franz König

Pro Oriente

Pseudo-Synode von Lemberg 1946: Orthodoxe Christen bitten um Vergebung

„Wir bitten demütig um Vergebung für all das Unrecht, das die griechisch-katholischen Opfer unter dem Deckmantel der orthodoxen Kirche erleiden mussten und verneigen uns vor den Märtyrern“

Kiew-Paris, 09.03.16 (poi) Eine Initiativgruppe orthodoxer Christen aus verschiedenen Ländern - an der Spitze der französische Historiker Antoine Arjakovsky, früherer Direktor am „College Universitaire Francais“ in Moskau, Vizedirektor am „Institut Francais“ in Kiew und Gründer des Instituts für Ökumenische Studien an der katholischen Universität Lemberg (Lwiw) – hat die ukrainischen griechisch-katholischen Christen um Vergebung für die Pseudo-Synode von Lemberg 1946 gebeten. Bei der Pseudo-Synode war die „Rückkehr“ der Unierten in die Orthodoxie beschlossen worden. Wörtlich heißt es in der Erklärung der Initiativgruppe: „Am 10. März 1946 hat die russisch-orthodoxe Kirche unter Druck der sowjetischen Regierung mit Gewalt die ukrainische griechisch-katholische Kirche integriert und die Jurisdiktion über sie beansprucht. Als die Synodenteilnehmer am 8. und 9. März 1946 für die ‚Wiedervereinigung‘ ihrer Kirche mit dem Moskauer Patriarchat stimmten, waren alle griechisch-katholischen Bischöfe bereits im Gefängnis“. Die 216 Priester und 19 Laien, die vom NKWD (Narodni Komisariat Wnutrenich Djel, Volkskommissariat des Inneren) in der Lemberger Georgskathedrale versammelt worden seien, wären ganz dem Belieben von drei zur Orthodoxie konvertierten Priestern – den zu Bischöfen beförderten Geistlichen Antonij Pelwetskyj und Myhailo Melnyk sowie des Erzpriesters Gavrylo Kostelnyk – ausgeliefert gewesen. Aus den Archivbeständen gehe hervor, dass Stalin persönlich bereits im Februar 1945 die Eliminierung der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche angeordnet habe.

Alle „ernsthaften Historiker und Theologen“ hätten keine Zweifel, dass die Synode vom 8. bis 10. März 1946 eine Täuschung gewesen sei.
Die Initiativgruppe orthodoxer Christen verweist auf die Forschungen des kanadisch-ukrainischen Historikers Bohdan Bociurkiw, auf die Feststellungen von Papst Benedikt XVI. im Jahr 2006 und auf die Erkenntnisse des französischen orthodoxen Theologen Nicolas Lossky. Wörtlich heißt es in der Erklärung der Initiativgruppe weiter: „Wegen der Unterdrückung im Jahr 1946 wurde die ukrainische griechisch-katholische Kirche mit ihren fünf Millionen Gläubigen das hauptsächliche Opfer des Sowjetregimes, aber auch die wichtigste Oppositionsgruppe gegen dieses Regime. Wir appellieren an die heutigen orthodoxen Autoritäten in Russland und in der Ukraine und anderswo, die Ungültigkeit der tragischen Entscheidungen der Synode von Lemberg anzuerkennen“.

Die russisch-orthodoxe Kirche als ganze könne nicht für die Entscheidungen verantwortlich gemacht werden, die von kirchlichen Autoritäten getroffen wurden, die vom NKWD „manipuliert oder in Schrecken versetzt wurden“, wird in der Erklärung weiter betont: „Als orthodoxe Christen, die 70 Jahre nach den Ereignissen leben, fühlen wir uns aber verantwortlich für das schuldhafte Schweigen über die Zerstörung der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche durch das Sowjetregime unter Beteiligung des Moskauer Patriarchats. Wir wissen, dass Millionen orthodoxer Christen in aller Welt die religionsfeindliche Verfolgung durch die sowjetische Regierung entschieden verurteilen. Daher versichern wir an diesem 70. Gedenktag des 10. März 1946 und am Vorabend des orthodoxen Versöhnungstages am 13. März die ukrainische griechisch-katholische Kirche unserer Solidarität und des Gebets für die schuldlosen Opfer aus dieser Kirche, die durch die Sowjetregierung inhaftiert, gefoltert, deportiert und ermordet wurden. Wir bitten demütig um Vergebung für all das Unrecht, das sie unter dem Deckmantel der orthodoxen Kirche erleiden mussten und verneigen uns vor den Märtyrern der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche“.

Tragische Zentralfigur: Gavrylo Kostelnyk

Die Zentralgestalt der Pseudo-Synode von Lemberg war der Priester Gavrylo Kostelnyk, der dort auch den Vorsitz führte. Er stammte aus Ruski Krstur, einem der ruthenischen Dörfer in der damals noch ungarischen Vojvodina, wo er 1886 geboren wurde. Seine Schulzeit verbrachte er im damals ebenfalls noch ungarisch kontrollierten Kroatien. Seine Studien absolvierte er am Lemberger griechisch-katholischen Seminar und an der katholischen Universität im Schweizer Fribourg. Der vielsprachige junge Theologe heiratete 1913, im selben Jahr wurde er zum griechisch-katholischen Priester geweiht. Er war anschließend als Seelsorger an der Lemberger Verklärungskathedrale tätig, aber auch als Professor am Seminar und an der Theologischen Akademie.

Ende der zwanziger Jahre profilierte sich Kostelnyk als Gegner der „Latinisierungstendenzen“ in der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche. 1930 musste er daher seine Professur zurücklegen, er trat aber weiter aktiv in der Öffentlichkeit für seine Überzeugungen ein, die auf eine klare Ablehnung des „Uniatismus“ hinausliefen. Kostelnyk gelang es, Anhänger im Klerus und unter den engagierten Laien zu sammeln. Nach Kriegsende – im Mai 1945 – trat der Priester an die Spitze einer vom NKWD inspirierten „Initiativbewegung“ für die „Wiedervereinigung“ mit dem Moskauer Patriarchat. Unter massivem Druck der sowjetischen Behörden traten bis zum Frühjahr 1946 viele griechisch-katholische Priester der Bewegung bei.

Am 23. Februar 1946 wurde Kostelnyk gemeinsam mit zwölf anderen Priestern vom damaligen orthodoxen Metropoliten von Kiew in die orthodoxe Kirche aufgenommen, zwei von ihnen - Antonij Pelwetskyj und Myhailo Melnyk – wurden später zu Bischöfen geweiht. Aus Dokumenten des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Ukraine geht hervor, dass der ganze Vorgang vom Ersten Sekretär der Partei, Nikita S. Chruschtschow, kontrolliert und gelenkt wurde, der bei wichtigen Detailfragen die ausdrückliche Zustimmung Stalins suchte. Bis heute ungeklärt ist, ob alles nach dessen Wünschen verlief, denn Chruschtschow hatte nach der Synode einen Karriere-Knick zu verzeichnen, er wurde bis Ende 1947 als Erster Sekretär abgelöst.

In der „Encyclopedia of Ukraine“ wurde als mögliches Motiv für das Handeln von Gavrylo Kostelnyk eine Mischung aus Sorge um seinen Sohn (der im Gewahrsam des NKWD war), lang gehegten „anti-lateinischen“ Gefühlen und persönlichen Überzeugungen im Hinblick auf Theologie und Kirchengeschichte genannt. Wegen dieser Überzeugungen hatte Kostelnyk schon während der ersten sowjetischen Besetzung der Westukraine 1939-41 die Aufmerksamkeit der „Organe“ erregt, die ihn schon damals veranlassen wollten, ein Schisma in der griechisch-katholischen Kirche herbeizuführen. Nach der neuerlichen Besetzung der Westukraine 1944 wurde der Priester – der vielfach auch als literarischer Autor hervorgetreten war – verstärkt unter Druck gesetzt, bis er orthodox wurde und sich an die Spitze der „Initiativbewegung“ setzte.

Seine Geschichte endete tragisch: Am 20. September 1948 wurde der Priester nach der Feier der Göttlichen Liturgie auf den Stufen der Verklärungskathedrale angegriffen und tödlich verletzt, der Täter Wasilij Pankiw richtete sich am Tatort selbst. Die offizielle Version der Sowjetbehörden lautete, Pankiw sei ein Mitglied der ukrainischen nationalistischen Untergrundbewegung UPA gewesen, deren Exponenten aber jede Beteiligung am Mord an Kostelnyk leugneten. Später wurde sogar die Version von einem „vatikanischen Agenten“ in Umlauf gesetzt. In Lemberg aber hielt sich beharrlich das Gerücht, der Mord sei vom NKWD inszeniert worden, weil Kostelnyk mittlerweile „unbequem“ und „überflüssig“ geworden war. (ende)