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Franz König

Pro Oriente

Türkei: „Katholische Kirche leistet Erstaunliches“

Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Schick, zog positive Bilanz seiner jüngsten Türkei-Reise – Gerüchte über angebliche Beteiligung des Ökumenischen Patriarchen an Gülen-Putsch gegen Erdogan Fantastereien

Istanbul, 04.09.16 (poi) Die katholische Kirche in der Türkei leistet Erstaunliches – trotz ihrer kleinen Zahl und geringer Mittel: Diese Überzeugung gewann der Vorsitzende der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick, bei seiner jüngsten Türkei-Reise. Im Gespräch mit „Radio Vatikan“ sagte er: „Der stärkste Eindruck war, dass diese kleine Kirche Großes leistet. Und das hat natürlich auch positive Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft. Die christlichen Werte, die vermittelt werden, die gehen ja auch über die Christen hinaus und wirken sich in der Gesellschaft aus. Die Christen bilden dort sehr kleine Gruppen, halten aber doch sehr gut zusammen und bringen dann wirklich Erstaunliches zustande. Das hat mich gefreut und das ist der stärkste Eindruck, den ich mit nach Hause bringe“.

Ihre heutige Minderheitensituation nähmen die Christen auf dem Hintergrund einer ganz anderen historischen Erfahrung „sehr gelassen“. Eine Verkündigung des Evangeliums an Nichtchristen werde auch heute mit scheelen Augen gesehen, aber „nach innen“ seien die Kirchen frei, was Liturgie, Katechese und Vorbereitung auf die Sakramente betreffe. Sie könnten sich auch problemlos um die Christen kümmern, die aus dem Irak, aus Syrien, auch aus afrikanischen Ländern in die Türkei kommen.

Im Verlauf der Reise war Erzbischof Schick u.a. mit dem neuen Erzbischof von Izmir, Lorenzo Piretto, dem neuen Apostolischen Vikar für Istanbul, Bischof Ruben Tierrablanca Gonzalez, und mit dem Patriarchalvikar der chaldäisch-katholischen Kirche, Francois Yakan, zusammengetroffen. Zusammen mit dem ebenfalls neuen Apostolischen Vikar für Anatolien, Paolo Bizetti, dem armenisch-katholischen Erzbischof Levos Boghos Zekiyan sowie dem Patriarchalvikar der syrisch-katholischen Kirche, Yusuf Sag, bilden sie die Türkische katholische Bischofskonferenz. „Man kann die kleine katholische Kirche in ihrer historisch gewachsenen Vielfalt für ihr mutiges Zeugnis in der Türkei nur bewundern“, sagte Erzbischof Schick zum Abschluss seines Besuchs, der auch den in Istanbul ansässigen katholischen Ordensgemeinschaften und insbesondere den Projekten der katholischen Flüchtlingshilfe galt. „Mit großem Gottvertrauen“ säe diese Kirche immer neu „kleine Samenkörner“ aus , die trotz schwieriger Umstände „immer wieder aufgehen und unerwartet reiche Frucht bringen“.

Als Beispiel nannte Erzbischof Schick syrische und irakische Flüchtlingskinder, die in der Schule der Salesianer Don Boscos in Istanbul ausgebildet werden. Nach dem zweiten Golfkrieg begannen die Salesianer, in Istanbul eine Schule für Flüchtlinge aufzubauen. Bei den Flüchtlingen handelt es sich fast ausschließlich um Christen, weil sich die Kirche unter den gegebenen Rahmenbedingungen nicht um muslimische Flüchtlinge kümmern kann und weil die christlichen Flüchtlinge in noch weit höherem Maße auf die Hilfe der Kirche angewiesen sind. In der Don Bosco-Schule geht es zunächst darum, die Kinder und Jugendlichen nicht der Straße zu überlassen, wie die selbst als Flüchtling gekommene Lehrerin erklärt. Zweitens dient die Schule als Ankerpunkt für ganze Familien, die zum Teil mehrstündige Busfahrten auf sich nehmen, um wenigstens ab und zu die Solidarität und Gemeinschaft der Christen zu erfahren. Obwohl ferienbedingt kein Unterricht staatfindet, kommen die Kinder täglich zu Sport und Spiel zusammen und können wenigstens dabei ihr oft dramatisches Schicksal vergessen. Schließlich lernen die Kinder hier neben den anderen üblichen Fächern vor allem Englisch, denn an die Rückkehr in ihre Heimat ist nicht zu denken. Sie alle werden, so die Einschätzung der Lehrer, nur im Ausland eine Zukunft haben, vor allem in den USA und in Australien. Erzbischof Schick lernte Flüchtlinge kennen, die im Irak oder in Syrien als Lehrerinnen oder Lehrer tätig waren und sich jetzt wieder zur Verfügung stellen. Mit geringen Mitteln, „sehr spontan, sehr engagiert“, werde wirklich Erstaunliches geleistet, so der Erzbischof.

Wichtiger Bestandteil der Reise von Erzbischof Schick waren auch die Besuche in den Pfarrgemeinden, die vor allem in Istanbul wachsen. Es kommen neue Gruppen aus Afrika und Asien, aber auch aus Polen und südeuropäischen Ländern hinzu. Sie bringen Veränderungen und neue Impulse in das Pfarrleben, was als Bereicherung erfahren wird (zuletzt waren die katholischen Pfarrgemeinden in der Türkei in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg stark gewachsen). Durch die Flüchtlinge und Migranten im Land wachse die Zahl der Christen, beobachtete Schick: „Es kommen Gastarbeiter aus Afrika, Polen und anderen Ländern, die beleben auch die bestehenden Gemeinden wieder neu. Es bilden sich auch charismatische Gruppen, vor allen Dingen unter den Afrikanern. Die Ordensleute, die Franziskaner, Kapuziner, Vinzentiner leisten eigentlich erstaunlich gute Arbeit in jederlei Hinsicht. Und das ist bei uns gar nicht so bekannt. Das ist auch sehr unterstützenswert, was sie dort in der Gesellschaft mit ihren kleinen Mitteln zustande bringen“.

Begegnung mit dem Ökumenischen Patriarchen

Ökumenischer Höhepunkt des Aufenthaltes in der Türkei war die von Herzlichkeit und Freundschaft geprägte Begegnung mit dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios I.. Auf persönliche Einladung des Patriarchen nahm Erzbischof Schick im Anschluss an die Begegnung an der feierlichen Vesper teil, die der Patriarch am Vorabend des Beginns des neuen orthodoxen Kirchenjahrs (1. September) zelebrierte. Dieser Tag wird mittlerweile von vielen christlichen Kirchen – auch der katholischen Kirche – nach orthodoxem Vorbild als „Tag der Schöpfung“ begangen. Erzbischof Schick bezeichnete die türkischen Schlagzeilen (etwa in der nationalistischen Zeitung „Aksam“) über eine angebliche Beteiligung des Patriarchen am Putschversuch der Gülen-Gruppe gegen Staatspräsident Recep T. Erdogan als Fantastereien: „Ich habe Bartholomaios I. persönlich besucht, und ich habe auch mit den Verantwortlichen im Patriarchat gesprochen. Die sehen diesen Vorwurf erst einmal sehr gelassen. Der ist von einer einzigen Zeitung erhoben worden und die Quellen, auf die sich diese Zeitung beruft, denen haben alle widersprochen. Und man hört auch seit Tagen schon gar nichts mehr davon. Es ist auch deshalb absurd: Bartholomaios I. hat sich nie in die Politik eingemischt. Das ist auch unmöglich für diese kleine Gruppe und Bartholomaios I. und die Christen sind auch immer staatstreu gewesen. Das heißt, die Regierung, die gewählt wurde, die haben sie auch akzeptiert mit allen Schwierigkeiten, die es da auch gegeben hat. Von daher ist dieser Vorwurf aus der Luft gegriffen und ich habe auch den Eindruck, dass den niemand so richtig ernst genommen hat“. (ende)