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Franz König

Pro Oriente

Katholisch-orthodoxe Dialogkommission tagt im italienischen Chieti

Gastgeber ist Erzbischof Bruno Forte, einer der angesehensten katholischen Theologen der Gegenwart – Kommunique des Außenamts des Moskauer Patriarchats vom 1. August löste Befürchtungen aus, dass die “Unierten-Frage” die bereits erzielten Fortschritte im Dialog über “Synodalität und Primat in der Kirche” wieder zudecken könnte

Rom, 08.09.16 (poi) Am Freitag, 16. September, wird in Chieti, einer Universitätsstadt in der italienischen Region Abruzzen, die Vollversammlung der Internationalen Kommission für den offiziellen theologischen Dialog zwischen katholischer und orthodoxer Kirche eröffnet. Gastgeber ist Erzbischof Bruno Forte, einer der führenden europäischen katholischen Theologen der Gegenwart, der selbst Mitglied der Dialogkommission ist. Hauptthema der Vollversammlung sollte die Behandlung des Entwurfs des Dokuments „Auf dem Weg zu einem gemeinsamen Verständnis von Synodalität und Primat in der Kirche des ersten Jahrtausends“ sein. Allerdings zeichneten sich dunkle Wolken über der Vollversammlung in Chieti ab, als das Außenamt des Moskauer Patriarchats am 1. August ein Kommunique veröffentlichte, in dem die Behandlung der „kanonischen und pastoralen Konsequenzen“ des Agierens der unierten Kirchen (katholische Ostkirchen des byzantinischen Ritus) eingefordert wurde. Ursache des Kommuniques – das allerdings keine „prominente“ Unterschrift trug - waren Äußerungen des griechisch-katholischen ukrainischen Großerzbischofs Swjatoslaw Schewtschuk und seines Amtsvorgängers, Kardinal Lubomyr Husar, im Hinblick auf die „allukrainische Kreuzprozession für Frieden, Liebe und Gebet“, die von der autonomen ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats im Juli veranstaltet wurde. Diese Äußerungen in Interviews mit dem Pressedienst der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche seien von einer „noch nie dagewesenen Aggressivität“ gegenüber der kanonischen ukrainisch-orthodoxen Kirche und dem Moskauer Patriarchat insgesamt gewesen. Wörtlich hieß es im Kommunique des Außenamts des Moskauer Patriarchats: „Ist es möglich, zu einem Zeitpunkt, in dem das Problem der Unierten weiterhin eine blutende Wunde darstellt und führende Persönlichkeiten der Unierten ihre blasphemische und politisierte Rhetorik gegen die kanonische ukrainisch-orthodoxe Kirche nicht einstellen, mit der römisch-katholischen Kirche einen Dialog über andere theologische Fragen zu führen?“

Erzbischof Bruno Forte ist aber offensichtlich entschlossen, alles zu tun, um gute Voraussetzungen für die Vollversammlung in seiner Bischofsstadt zu schaffen. So wird die Göttliche Liturgie der orthodoxen Mitglieder der Dialogkommission am Sonntag, 18. September, in der berühmten katholischen Wallfahrtskirche des „Heiligen Antlitzes“ (Volto Santo) von Manoppello stattfinden. Das „Volto Santo“ wurde in den letzten Jahrzehnten wiederentdeckt; Erzbischof Forte ist überzeugt, dass es sich dabei um das „Sudarion“ (Schweißtuch) handelt, das im Johannes-Evangelium erwähnt wird. Wissenschaftliche Untersuchungen haben bestätigt, dass es sich beim „Heiligen Antlitz“ um kein Gemälde handelt. Christen aus allen Weltgegenden – unter ihnen nicht wenige Orthodoxe – pilgern in steigender Anzahl nach Manoppello.

Wie bei allen Vollversammlungen der Dialogkommission üblich, werden die katholischen Mitglieder bereits am Samstagnachmittag, 17. September, in der Kathedrale San Giustino in Chieti in Konzelebration die Heilige Messe zum Auftakt der Versammlung feiern. Bei beiden Gottesdiensten – dem katholischen wie dem orthodoxen – sind auch die Mitglieder der jeweils anderen Kirche anwesend.

Die Unierten-Frage hatte bei der Vollversammlung im Mount Saint Mary’s Seminary in den USA im Jahr 2000 zu einer vorübergehenden Blockade der Internationalen Kommission für den offiziellen theologischen Dialog zwischen katholischer und orthodoxer Kirche geführt, nachdem man sich zuvor im libanesischen Balamand bereits darauf geeinigt hatte, dass die Methode der Kirchenunionen früherer Zeit abzulehnen sei. Nach mehrjähriger Pause trat die Kommission 2006 in Belgrad unter neuer Leitung (Kardinal Walter Kasper und Metropolit Ioannis Zizioulas) wieder zusammen; Thema war jetzt nicht mehr die unlösbare Unierten-Frage, vielmehr ging es um die „Ekklesiologischen und kanonischen Konsequenzen der sakramentalen Natur der Kirche: Konziliarität und Autorität“. In der Folge kam es 2007 zum Ravenna-Dokument (das allerdings aus protokollarischen Gründen vom Moskauer Patriarchat abgelehnt wurde). Seither hat sich die Internationale Kommission auf das Verhältnis von Konziliarität (Synodalität) und Primat im ersten Jahrtausend konzentriert.

Das Koordinationskomitee der Internationalen Kommission für den offiziellen theologischen Dialog zwischen katholischer und orthodoxer Kirche erteilte bei einem Treffen im Vatikan vom 15. bis 18. September 2015 dem Entwurf des Dokuments „Auf dem Weg zu einem gemeinsamen Verständnis von Synodalität und Primat in der Kirche des ersten Jahrtausends“ einmütig seine Zustimmung. Zuvor hatten die Mitglieder des Koordinationskomitees, das unter dem Vorsitz von Kardinal Kurt Koch (Päpstlicher Rat für die Einheit der Christen) und Altmetropolit Ioannes (Zizioulas) von Pergamon tagte, einige „notwendige Verbesserungen“ vorgenommen, die auf orthodoxer Seite die Zustimmung sowohl von Konstantinopel als auch von Moskau fanden.

Der Basistext des Dokuments war bei der 13. Vollversammlung der Internationalen Kommission für den offiziellen theologischen Dialog im September 2014 in Amman dem Koordinationskomitee zur weiteren Behandlung überwiesen worden. Der im September 2015 erarbeitete Text soll bei der 14. Vollversammlung der Internationalen Kommission für den offiziellen theologischen Dialog in Chieti endgültig beschlossen werden. Inhaltlich geht es in dem Dokument um die sowohl innerorthodox als auch im Verhältnis zwischen katholischer und orthodoxer Kirche überaus heikle Frage des Primats. Die Primats-Frage wird als der größte Stolperstein auf dem ökumenischen Pfad betrachtet, auch wenn sich in den beiden letzten Jahrzehnten sowohl die orthodoxe als auch die katholische Seite „bewegt“ hat: Viele Orthodoxe räumen ein, dass es auch auf universaler Ebene einen „Protos“ (einen „Ersten“) geben muss, die Katholiken entdecken die Bedeutung des synodalen Prinzips wieder. Wenn die Unierten-Frage neuerlich in den Vordergrund tritt, könnten diese Fortschritte nach Meinung von ökumenischen Beobachtern aber wieder zugedeckt werden. (forts mgl)