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Franz König

Pro Oriente

Ein Seliger für die junge katholische Kirche in der Kasachischen Republik

Tausende Gläubige bei der Seligsprechung des Priesters Wladyslaw Bukowinskij in der Kathedrale von Karaganda – Kardinal Angelo Amato leitete den Seligsprechungsgottesdienst – Auch im „Archipel Gulag“ leistete der Priester im geheimen Seelsorge

Astana-Vatikanstadt, 13.09.16 (poi) Der katholische Priester Wladyslaw Bukowinskij (1904-1974) wurde am Sonntag in der Kathedrale „Unsere Liebe Frau von Fatima“ in der kasachischen Industriemetropole Karaganda selig gesprochen. Der Festgottesdienst wurde von Kardinal Angelo Amato, dem Präfekten der vatikanischen Heiligsprechungskongregation, geleitet, 15 Bischöfe konzelebrierten. An dem Gottesdienst nahmen tausende Gläubige aus der Kasachischen Republik teil, aber auch aus Russland, der Ukraine und Weißrussland teil, ebenso prominente Repräsentanten des kasachischen Staates, der orthodoxen und der evangelisch-lutherischen Kirche des Landes sowie der islamischen Glaubensgemeinschaft. Papst Franziskus erinnerte beim Angelus-Gebet an Bukowinskij und sagte: „Wieviel hat dieser Mann gelitten. In seinem Leben hat er immer eine große Liebe gegenüber den Schwächsten und Notleidenden gezeigt und sein Zeugnis sieht wie ein Inbegriff der geistlichen und leiblichen Werke der Barmherzigkeit aus“.

Bukowinskij wurde am 22. Dezember 1904 in der ukrainischen Stadt Berdytschew geboren, die damals ein Zentrum des jüdischen Lebens war (der berühmte Wiener Bankier Ignaz von Ephrussi stammte aus Berdytschew). Am 3. Dezember 1974 starb Bukowinskij in Karaganda. Er war ein Pionier der katholischen Seelsorge in Zentralasien, wo sich nach ihrer Entlassung aus dem „Gulag“ viele Katholiken ansiedeln mussten.

Im bewegten Lebenslauf Bukowinskijs spiegelte sich die dramatische Geschichte der Menschen Osteuropas im 20. Jahrhundert. Seine Familie, deren Mitglieder alle der katholischen Kirche des lateinischen Ritus angehörten, verstand sich deshalb als polnisch. Bukowinskij besuchte russisch- und polnischsprachige Schulen in Kiew und anderen ukrainischen Städten. Nachdem sich die kommunistische Macht auch in der Ukraine gefestigt hatte, übersiedelte die Familie nach Polen. Der künftige Selige studierte in Krakau zunächst Jus und Politikwissenschaft und engagierte sich in den studentischen Assoziationen.

Nach dem Abschluss seiner rechtswissenschaftlichen Studien begann Bukowinskij mit dem Theologiestudium. 1931 wurde er von Kardinal Adam Sapieha zum Priester geweiht. Als junger Priester war Bukowinskij vielseitig tätig, ab 1936 in Lutsk, das damals zu Polen gehörte, aber eine ethnisch und religiös gemischte Bevölkerung hatte. U.a. war Bukowinskij als Katechet, als Studentenseelsorger, als Professor am Priesterseminar, als Generalsekretär der Katholischen Aktion und als stellvertretender Chefredakteur der diözesanen Kirchenzeitung tätig. Er kümmerte sich aber auch um die Gefangenen, nicht zuletzt um die nicht wenigen politischen Gefangenen, die wegen ihrer ukrainischen Gesinnung mit den polnischen Behörden in Konflikt geraten waren.

Tröster der Betrübten

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, ernannte ihn der damalige Bischof von Lutsk, Adolf Szelazek, zum Dompfarrer an der prächtigen spätbarocken Peter-Paul-Kathedrale. Die Gläubigen schätzten ihn wegen seiner von Gottvertrauen genährten Ruhe angesichts der Kriegsereignisse (Lutsk wurde im September 1939 von der Roten Armee besetzt und anschließend in die ukrainische Sowjetrepublik integriert), seiner Intelligenz und seiner entschlossenen Verteidigung der Religionsfreiheit angesichts der neuen atheistischen Staatsmacht. Am 23. Juni 1940 wurde er erstmals vom NKWD verhaftet und zu acht Jahren Lager verurteilt. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 war Bukowinskij wie viele andere Gefangene in Gefahr, vom NKWD liquidiert zu werden, aber im Chaos des deutschen Vormarsches gelangte er wieder in Freiheit, kehrte nach Lutsk zurück und nahm seine priesterliche Tätigkeit wieder auf. Er überstand die deutsche Besatzung, am 3. Jänner 1945 – als Lutsk längst wieder in sowjetischer Hand war – wurde er neuerlich verhaftet. Diesmal wurde er wegen „Verrats“ zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt und musste den Leidensweg durch den „Archipel Gulag“ antreten. Auch im Lager übte Bukowinskij insgeheim seine priesterliche Funktion aus, spendete die Sakramente und tröstete die Verzweifelten und Kranken.

Nach seiner Entlassung 1954 musste er in Karaganda Wohnung nehmen, wo er als Wachmann auf Bauplätzen arbeitete. Er war vermutlich der erste katholische Priester in der im Aufbau befindlichen Bergbau- und Industriemetropole, deren Bevölkerung überwiegend aus den Entlassenen des „Archipel Gulag“ und aus Verbannten bestand. Bukowinskij feierte heimlich die Heilige Messe in Privatwohnungen, taufte Kinder, hörte Beichte und erteilte die Krankensalbung. Jeden Monat musste er sich bei der Miliz melden. 1955 machte man ihm den Vorschlag, sich nach Polen „repatriieren“ zu lassen, aber er lehnte ab und nahm die sowjetische Staatsbürgerschaft an. 1956/57 war er „halböffentlich“ als katholischer Priester in Karaganda und Alma-Ata tätig. Am 3. Dezember 1958 wurde er wieder verhaftet, wegen „illegaler religiöser Aktivitäten“. Im Prozess wurde er zu drei Jahren Lagerhaft verurteilt, erst 1962 konnte er nach Karaganda zurückkehren und seine priesterliche Tätigkeit wiederaufnehmen.

Zwischen 1963 und 1973 konnte er drei Mal nach Polen reisen, wo er u.a. auch in Krakau mit Kardinal Karol Wojtyla, dem künftigen Papst Johannes Paul II., zusammentraf. Bei diesen Reisen wurde er vom polnischen Staatssicherheitsdienst überwacht, der dem Verlangen des sowjetischen KGB nach „brüderlicher Hilfe“ nachkam. Die gesundheitlichen Folgen der Lagerhaft begannen sich bei Bukowinskij bemerkbar zu machen, am 25. November 1974 konnte er zum letzten Mal die Heilige Messe feiern.

Am 3. Dezember 1974 starb der Priester in einem Krankenhaus in Karaganda. Als ihn die Krankenschwestern fanden, hielt er in seinen Händen einen Rosenkranz. Das Seligsprechungsverfahren begann 2005, im Verlauf des Verfahrens wurden 100 Zeuginnen und Zeugen (darunter auch solche aus Österreich) gehört. Die als „Unterschrift des Himmels“ notwendige medizinisch nicht erklärbare Heilung auf Anrufung der Fürsprache Bukowinskijs wurde 2013 anerkannt, sie betraf den Priester Mariusz Kowalski, der 2008 von einer Gehirnblutung gerettet wurde. (ende)