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Franz König

Pro Oriente

Vollversammlung der internationalen katholisch-orthodoxen Dialogkommission tagt im italienischen Chieti

Unmittelbar davor traf Metropolit Hilarion, der Leiter der russisch-orthodoxen Delegation, im Vatikan mit Papst Franziskus zusammen und überbrachte ein Geschenk des Patriarchen – Im Hinblick auf das zur Diskussion stehende Dokument „Auf dem Weg zu einem gemeinsamen Verständnis von Synodalität und Primat im Dienst der Einheit der Kirche“ könnte es zu einem Konsens kommen

Rom-Vatikanstadt, 16.09.16 (poi) In Chieti (Region Abruzzen) hat am Donnerstagabend die 14. Vollversammlung der Internationalen Kommission für den theologischen Dialog zwischen katholischer und orthodoxer Kirche begonnen. An der Vollversammlung, die von Kardinal Kurt Koch, dem Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, und Erzbischof Job (Getcha), dem Repräsentanten des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel beim Weltkirchenrat in Genf, geleitet wird, nehmen je 28 katholische und 28 orthodoxe Repräsentanten teil, unter ihnen auch einige Theologinnen. Hauptthema der Vollversammlung ist die Behandlung des Entwurfs des Dokuments „Auf dem Weg zu einem gemeinsamen Verständnis von Synodalität und Primat im Dienst der Einheit der Kirche“. Der Basistext des Dokuments war bei der 13. Vollversammlung der Internationalen Kommission für den theologischen Dialog zwischen katholischer und orthodoxer Kirche im September 2014 in Amman dem Koordinationskomitee der Kommission zur weiteren Behandlung überwiesen worden. Der im September 2015 bei einer Sitzung in Rom erarbeitete Text des Koordinationskomitees liegt jetzt der Vollversammlung in Chieti vor. Wie es in einem vatikanischen Kommunique heißt, müssten die Kommissionsmitglieder jetzt prüfen, ob der Entwurf in entsprechender Weise „den derzeit bestehenden Konsens über die schwierige Frage des theologischen und ekklesiologischen Verhältnisses zwischen Primat und Synodalität im Leben der Kirche“ spiegelt oder ob es notwendig ist, die Thematik weiter zu vertiefen.

Im Vorfeld von Chieti waren Vermutungen aufgetaucht, dass von Seiten des Moskauer Patriarchats die Vollversammlung wieder mit der Auseinandersetzung um die unierten Kirchen belastet würde. Ausgelöst wurden diese Vermutungen durch ein am 1. August veröffentlichtes Kommunique des Außenamts des Moskauer Patriarchats, in dem die Behandlung der „kanonischen und pastoralen Konsequenzen“ des Agierens der unierten Kirchen (katholische Ostkirchen des byzantinischen Ritus) eingefordert wurde. Tatsächlich traf aber der Leiter des Außenamts, Metropolit Hilarion (Alfejew), am Donnerstag auf dem Weg nach Chieti im Vatikan mit Papst Franziskus zusammen. Der Metropolit überreichte dem Papst als Geschenk von Patriarch Kyrill Reliquien des Heiligen Seraphim von Sarow, die in ein Osterei aus kostbarem Material nach dem Vorbild der berühmten Faberge-Eier eingearbeitet sind. Papst Franziskus war tief bewegt über das Geschenk.

Laut Bericht des Außenamts des Moskauer Patriarchats stand im Mittelpunkt des Gesprächs zwischen dem Papst und dem Metropoliten die Entwicklung der orthodox-katholischen Beziehungen seit dem historischen Treffen in Havanna im Februar. Dabei sei es vor allem auch um die „tragische Situation der christlichen Bevölkerung im Nahen Osten“ gegangen. Papst Franziskus und Metropolit Hilarion hätten die positiven Erfahrungen bei der Zusammenarbeit in der Hilfe für die verfolgten Christen hervorgehoben. Metropolit Hilarion habe dem Papst die Initiativen der russischen Kirche für die Hilfe an die Not leidende Bevölkerung Syriens dargelegt und Papst Franziskus zugleich für dessen Bemühungen um die Wiederherstellung des Friedens gedankt. Auch die „fruchtbare Zusammenarbeit“ im Bereich der Kultur – für die es eine gemeinsame Arbeitsgruppe gibt - sei behandelt worden. Besonderer Wert sei den akademischen Reisen von Priestern und Theologiestudenten nach Rom bzw. Moskau beigemessen worden, weil auf diese Weise Einblicke in die Tradition und das Alltagsleben beider Kirchen vermittelt werden könnten.

Nach der Begegnung mit Papst Franziskus traf Metropolit Hilarion mit Kardinal-Staatssekretär Pietro Parolin zusammen. Auch hier stand die Situation der Christen im Nahen Osten im Mittelpunkt. Kardinal Parolin und Metropolit Hilarion äußerten übereinstimmend die Hoffnung, dass die jüngsten Vereinbarungen zwischen der Russischen Föderation und den Vereinigten Staaten in Syrien gute Früchte bringen werden. Positiv bewerteten beide Seiten auch die konkreten Schritte zur Umsetzung der zwischen Papst Franziskus und Patriarch Kyrill bei ihrem Treffen in Havanna im Februar getroffenen Vereinbarungen. In diesem Zusammenhang wurde insbesondere auf den gemeinsamen Besuch von Repräsentanten beider Kirchen im Libanon und in Syrien im April verwiesen, bei dem mit den örtlichen christlichen Gemeinschaften humanitäre Projekte vereinbart worden seien.

Auch das Thema Ukraine wurde behandelt. Kardinal Parolin und Metropolit Hilarion begrüßten es, dass zum 25. Jahrestag der ukrainischen Unabhängigkeitserklärung sowohl Papst Franziskus als auch Patriarch Kyrill zu Frieden und Versöhnung in dem osteuropäischen Land aufgerufen hatten. Es sei notwendig, die Friedensanstrengungen fortzusetzen, um den Konflikt in Übereinstimmung mit der „Gemeinsamen Erklärung“ von Havanna zu lösen.

Der Vizesekretär des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Msgr. Andrea Palmieri, sagte am Donnerstag im Gespräch mit „Radio Vatikan“, das in Chieti zu behandelnde Thema des Verhältnisses von Synodalität und Primat sei zweifellos „eines der heikelsten“ im ökumenischen Dialog zwischen katholischer und orthodoxer Kirche. Er hoffe aber, dass es zu einem Konsens kommen wird, damit die Kommission zum ersten Mal seit 2007 („Ravenna-Dokument“) wieder eine gemeinsame Erklärung veröffentlichen kann.
Die theologischen Dialoge seien nicht einfach „akademische Diskussionen“, die vom Leben der Kirche getrennt seien, unterstrich Palmieri. Vielmehr beträfen sie die Herzmitte des kirchlichen Lebens. Das Thema von Synodalität und Primat stehe im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, weil es um die Frage gehe, wie man das eine Prinzip in Bezug auf das andere auszuüben habe. Diese Themen zu diskutieren, bedeute, gemeinsam darüber nachzudenken, auf welche Weise eine versöhnte Kirche die Aufgabe, das Evangelium zu allen Menschen zu bringen, besser erfüllen kann.

Als positive Entwicklungen bezeichnete Palmieri das Panorthodoxe Konzil auf Kreta, wo die dort vertretenen zehn orthodoxen Kirchen deutlich gemacht hätten, dass die Orthodoxie gewillt sei, den theologischen Dialog sowohl mit den Katholiken als auch mit anderen Christen fortzusetzen, aber auch die Havanna-Begegnung zwischen Papst Franziskus und Patriarch Kyrill. Solche Begegnungen würden einen „positiven Kontext“ schaffen, in dem die Theologen ihren Dialog vorantreiben können.

Gastgeber der Vollversammlung der Dialogkommission in Chieti ist Erzbischof Bruno Forte, einer der führenden katholischen Theologen Europas und selbst Mitglied der Internationalen Kommission für den offiziellen theologischen Dialog zwischen katholischer und orthodoxer Kirche. Am Samstag, 17. September, wird in der Justinuskathedrale in Chieti die katholische Heilige Messe gefeiert. Die orthodoxe Göttliche Liturgie findet am Sonntag, 18. September, in der berühmten katholischen Wallfahrtskirche des „Heiligen Antlitzes“ (Volto Santo) von Manoppello statt. Das „Volto Santo“ wurde in den letzten Jahrzehnten wiederentdeckt; Erzbischof Forte ist überzeugt, dass es sich dabei um das „Sudarion“ (Schweißtuch) handelt, das im Johannes-Evangelium erwähnt wird. Wissenschaftliche Untersuchungen haben bestätigt, dass es sich beim „Heiligen Antlitz“ um kein Gemälde handelt. Christen aus allen Weltgegenden – unter ihnen nicht wenige Orthodoxe – pilgern in steigender Anzahl nach Manoppello. Im Rahmen der 14. Vollversammlung werden die Delegationsmitglieder auch die Stadt Vasto und die Abtei San Giovanni in Venere in Fossacesia besuchen. (ende)