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Franz König

Pro Oriente

Assisi-Treffen: Was wäre eine Welt ohne Dialog, ohne Gebet?

„Weltgebetstag für den Frieden“ mit Papst Franziskus soll noch „prophetischer“ werden als die erste Assisi-Versammlung vor 30 Jahren – Ehrendoktorat für den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I.

Rom-Assisi, 17.09.16 (poi) „Was wäre die Welt ohne Dialog, was wäre die Welt ohne Gebet?“: Mit diesen Fragen antwortet der Gründer der Gemeinschaft Sant’Egidio, Prof. Andrea Riccardi, auf die skeptischen Anmerkungen im Hinblick auf den „Weltgebetstag für den Frieden“ (18. bis 20. September), der von Sant’Egidio gemeinsam mit den Franziskanern und der Diözese Assisi organisiert wird; bei diesem Treffen wird Papst Franziskus mit den führenden Persönlichkeiten der Weltreligionen zusammentreffen. 30 Jahre nach dem ersten, von Papst Johannes Paul II. einberufenen „Weltgebetstag der Religionen für den Frieden“ (Oktober 1986), zeige sich die Richtigkeit der Intuition des Wojtyla-Papstes, so Riccardi: „Damals dachten alle, dass sich die Säkularisierung überall durchsetzen und die Religion auf einen Nebenfaktor reduzieren würde. Johannes Paul II. dagegen war überzeugt von der historischen Rolle der Religionen und dass sie Trägerinnen einer Friedensbotschaft sein müssen“. Papst Franziskus habe in seiner „fliegenden Pressekonferenz“ bei der Rückkehr aus Krakau im Sommer deutlich gemacht, dass es nicht die Religionen sind, die den Krieg wollen. Riccardi: „Das ist der ‚Geist von Assisi‘ und es ist höchst bedeutsam, dass nach 30 Jahren Papst Franziskus diesen Geist aufnimmt, der nichts anderes ist als die kreative Weiterführung des vom Zweiten Vatikanischen Konzil gewollten interreligiösen Dialogs“. Der „Geist von Assisi“ komme zum Ausdruck, wenn zum Beispiel bei Angriffen auf Gotteshäuser die Geistlichen verschiedener Religionen mit Entschiedenheit zusammenstehen. Mit dem „Geist von Assisi“ habe es aber auch zu tun, wenn am 20. September – gleichzeitig mit der Präsenz von Papst Franziskus in Assisi – in 50 Ländern das 30-Jahr-Gedenken des ersten „Weltgebetstags der Religionen für den Frieden“ begangen wird.

Beim „Geist von Assisi“ gehe es um eine „Einheit ohne Konfusion“, so Prof. Riccardi: „Die Identitäten, die Traditionen, die Spiritualitäten sind unterschiedlich. Aber es geht um die Entdeckung des gemeinsamen Grundes, der Botschaft des Friedens, die allen Religionen gemeinsam ist. Jede authentische religiöse Dimension ist immer mit dem Einsatz für den Frieden verbunden. Aber nicht alle religiösen Erfahrungen wollen den Frieden, ich denke an den Fanatismus, den Radikalismus, den Missbrauch des Glaubens zum Töten. In diesem Zusammenhang gibt es eine Verantwortung der religiösen Führungspersönlichkeiten, Widerstand zu leisten und den Frieden aufzubauen“. Sant’Egidio habe seit 1986 versucht, den „Geist von Assisi“ weiterzuverbreiten: „Das ist ein großes Erbe, das nicht nur den Katholiken gehört, sondern allen Weltreligionen“. Der Gründer von Sant’Egidio ist überzeugt, dass der „Geist von Assisi“ den Religionen geholfen hat, sich nicht von der „Logik des Krieges“ vereinnahmen zu lassen und eine Kultur des Zusammenlebens zu fördern, die in einer Epoche der Globalisierung von besonderer Bedeutung sei. Gerade im Hinblick auf Syrien sei es notwendig, dass die Religionen „eine Bewegung für den Frieden“ in Gang setzen: „Die Leute sind zu zerstreut, zu desinteressiert, sie halten sich für machtlos. Wir müssen sie aufwecken, damit sie mit Interesse und Teilnahme auf die tragischen Bilder vor unseren Augen schauen“.

Bei der Eröffnung des „Weltgebetstags“ am Sonntag, 18. September, um 16.30 Uhr werden – in Anwesenheit des italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella – Prof. Andrea Riccardi und der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. die „keynote speeches“ halten. Weitere Beiträge werden u.a. der polnisch-jüdische Philosoph und Soziologe Zygmunt Bauman, der Präsident der Zentralafrikanischen Republik, Faustin-Archange Touadera, und der Erzbischof von Rouen, Dominique Lebrun, leisten.

Insgesamt werden n Assisi rund 30 Panels unterschiedliche Aspekte des Ringens um Frieden in der Welt von heute behandeln. U.a. leitet der Bischof von Assisi, Domenico Sorrentino, am 19. September um 9.30 Uhr Panel 3 zum Thema „1986/2016, gestern wie heute: Die Bedeutung des Geistes von Assisi“. Dabei kommen Bischof Miguel Angel Ayuso Guixot, Sekretär des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog, Erzbischof Vincenzo Paglia, Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben, und Abraham Skorka, Rabbiner aus Buenos Aires, der zum engeren Freundeskreis von Papst Franziskus zählt, zu Wort. Panel 5 ist dem Thema „Christen und Juden im Dialog“ gewidmet, unter dem Vorsitz von Rabbiner David Rosen sprechen u.a. der Mailänder Rabbiner Alfonso Arbib, der Erzbischof von Lyon, Kardinal Philippe Barbarin, und der emeritierte Bischof von Aachen, Heinrich Mussinghoff. Die interreligiöse Koexistenz in Israel behandeln u.a. Omar Kayal, der Repräsentant der „Union der Imame“, der in Nazareth residierende Weihbischof Giacinto Boulos Marcuzzo und Cesare Marjieh, der Direktor für christliche Angelegenheiten in der Religionsabteilung des israelischen Innenministeriums.

Panel 10 ist am 19. September um 16.30 Uhr dem heiklen Thema „Migranten und Integration“ gewidmet. Beiträge liefern u.a. Prof. Zygmunt Bauman (ausdrücklich als Vertreter der Agnostiker), der türkische Schriftsteller Nedim Gürsel und Kardinal Antonio Maria Veglio‘, der Präsident des Päpstlichen Migranten-Rates. In Panel 12 wird unter Leitung des unkonventionellen neuen Erzbischofs von Bologna, Matteo Zuppi, über „Die Religionen und die Armen“ diskutiert; beteiligt sind u.a. der belgische Oberrabbiner Albert Guigui, der griechisch-katholische Bischof von Oradea mare in Rumänien, Virgil Bercea, und der Generalsekretär der „Konferenz Europäischer Kirchen“ (CEC), der finnische orthodoxe Pfarrer Heikki Theodoros Huttunen. Im Hinblick auf die Aktualität und auf die seit Jahren andauernden Bemühungen von Prof. Riccardi steht Panel 15 im Zeichen des Appells „Save Aleppo!“ Teilnehmende sind u.a. die Augenzeugin Tamar Mikalli, der griechisch-orthodoxe Politologe Prof. Tarek Mitri und der armenisch-apostolische Erzbischof von Aleppo, Shahan Sarkissian. Panel 19 betont die Überzeugung, dass es keine Zukunft ohne Erinnerung an die leidvolle Vergangenheit gibt: Zu diesem Thema spricht der israelische Oberrabbiner Israel Meir Lau, der aus der polnischen Stadt Piotrkow Trybunalski stammt; als Kinder waren sein Bruder und er die einzigen Familienmitglieder, die die Shoah überlebt haben.

Das Martyrium der Christen im 20. Jahrhundert schildern u.a. der armenisch-apostolische Erzbischof von Tawusch, Bagrat (Galsdanian), der albanische orthodoxe Metropolit von Elbasan, Andon (Merdani), und der albanische Franziskanerpater Ernest Troshani, ein Augenzeuge der kommunistischen Kirchenverfolgung. Dem „Ökumenismus der Barmherzigkeit“ ist Panel 21 gewidmet: Unter dem Vorsitz von Kardinal Walter Kasper diskutieren u.a. der Erzbischof von Perugia, Kardinal Gualtiero Bassetti, der Vorsitzende der Protestantischen Förderation Frankreichs, Francois Clavairoly, der in den USA tätige syrisch-orthodoxe Erzbischof Mar Dionysios Jean Kawak, der anglikanische Primas, Erzbischof Justin Welby, und Anders Wejryd, lutherischer Alterzbischof von Uppsala und einer der Ko-Präsidenten ders Weltkirchenrats.

Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. steht – aus Anlass seines silbernen Amtsjubiläums – mehrere Male im Mittelpunkt des „Weltgebetstags für den Frieden“. Am Montag, 19. September, wird Bartholomaios I. auf Einladung von Kardinal Gualtiero Bassetti um 9.45 Uhr einem ökumenischen Gebetsgott nst in der Laurentiuskathedrale von Perugia vorstehen. Kardinal Bassetti hat aus Anlass der Präsenz des Ökumenischen Patriarchen eine Diözesanversammlung in die Laurentiuskathedrale einberufen. Zum Abschluss des Gebetsgottesdienstes wird Kardinal Bassetti an den Patriarchen eine Kopie des in der Laurentiuskathedrale verehrten Gnadenbildes der „Madonna delle Grazie“ überreichen. Im Anschluss wird der Patriarch die Kirche San Gerasimo besuchen, die vor zehn Jahren von der Erzdiözese Perugia an das Ökumenische Patriarchat übergeben wurde, um den orthodoxen Gläubigen in der Stadt eine Gottesdienststätte zu geben.

Danach wird der Patriarch an der Ausländer-Universität in Perugia das Ehrendoktorat entgegennehmen (die Universität bildet seit Jahrzehnten Studierende aus aller Welt aus, vor allem aus dem mediterranen und lateinamerikanischen Bereich). Die Laudatio wird vom Präsidenten der Gemeinschaft Sant’Egidio, Prof. Marco Impagliazzo, vorgelegt. Bartholomaios I. hält eine „lectio doctoralis“. Mit dem Ehrendoktorat will die „Universita‘ per Stranieri“ die Verdienste des Ökumenischen Patriarchen um den ökumenischen und den interreligiösen Dialog sowie seinen Einsatz für die „Bewahrung der Schöpfung“ würdigen.

Am Montagnachmittag steht um 17 Uhr Panel 13 unter dem Titel „Patriarch Bartholomaios: 25 Jahre im Dienst der Christen und der Welt“. Vorsitzender dieses Panels ist der anglikanische Primas Justin Welby. Kardinal Walter Kasper und Prof. Andrea Riccardi werden das Wort ergreifen. Weitere Beiträge sind seitens des stellvertretenden italienischen Außenministers Mario Giro und von Rabbiner David Rosen vorgesehen.

Sechs Friedensnobelpreisträger werden in Assisi anwesend sein: Die irische Aktivistin Mairead Maguire, der frühere polnische Präsident – und „Solidarnosc“-Vorkämpfer – Lech Walesa, die US-amerikanische Aktivistin (und Vorkämpferin gegen die Antipersonenminen) Jody Williams, die jemenitische Politikerin Tawakkul Karman und zwei Vertreter des tunesischen „Quartetts“, das 2015 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde ( Hacine Abassi und Amer Meherzi).

Insgesamt werden in Assisi mehr als 500 religiöse und politische Führungspersönlichkeiten sowie 12.000 Teilnehmende erwartet. Der „Weltegebetstag für den Frieden“ hat nach den Worten von Bischof Domenico Sorrentino einen noch "prophetischeren" Charakter als je zuvor. 30 Jahre nach der ersten, von Johannes Paul II. initiierten Begegnung während des Kalten Kriegs befinde sich die Welt in einem Zustand, den Papst Franziskus als "Dritten Weltkrieg auf Raten" bezeichne, sagte der Bischof bei der Vorstellung des Programms in Rom. Der Vorsitzende von Sant'Egidio, Marco Impagliazzo, sagte, die Religionen hätten sich den Problemen zu stellen, die durch die Globalisierung und den Terrorismus entstanden seien. Es gehe darum, sich von der Gewalt zu distanzieren.

Bischof Sorrentino betonte, man wolle jeden Eindruck eines "Religionssalats" vermeiden. Die einzelnen Gemeinschaften beteten daher getrennt nach ihrer je eigenen Tradition; "aber Hauptsache ist, dass gebetet wird". Franziskus stelle sich mit seiner Unterstützung der Initiative in die Tradition seiner Vorgänger Johannes Paul II. und Benedikt XVI. Zum Nutzen einer solchen Veranstaltung sagte Sorrentino, die Bilanz der Geschichte werde nicht allein mit Statistiken und Nachrichten gemacht.(ende)