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Franz König

Pro Oriente

Patriarch Kyrill diskutierte mit Königin Elizabeth II. Situation des Christentums

Bei seiner Abschieds-Pressekonferenz auf dem Londoner Flughafen Luton betonte der Moskauer Patriarch seine Überzeugung, dass heute die anglikanische Kirche, die römisch-katholische Kirche und die russisch-orthodoxe Kirche „gemeinsam bereit sind, sich für das Wohl der ganzen Welt einzusetzen“

London, 19.10.16 (poi) Die Situation des Christentums in Europa stand am Dienstag im Mittelpunkt der Begegnung zwischen der britischen Königin Elizabeth II. und dem Moskauer Patriarchen Kyrill I. Bei der Begegnung im Buckingham Palace waren auch der anglikanische Primas, Erzbischof Justin Welby, der anglikanische Bischof von London, Richard Chartres, der für Großbritannien zuständige russisch-orthodoxe Hierarch, Erzbischof Jelisej (Ganaba), und der Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats, Metropolit Hilarion (Alfejew), anwesend. Der Moskauer Patriarch beglückwünschte die Queen nachträglich zum 90. Geburtstag und überreichte ihr eine kostbare Marienikone. Ausführlich informierte Kyrill I. die Monarchin über den kirchlichen Wiederaufbau in Russland nach den Jahrzehnten des Staatsatheismus, über die Rekonstruktion des Pfarrsystems, die Entwicklung neuer Formen des kirchlichen Dienstes im sozialen Bereich usw. Der Pressesprecher des Patriarchen, Aleksander Wolkow, sagte nach der Audienz, Kyrill I. habe sich durch die Resultate der Begegnung mit Elizabeth II. „sehr inspiriert“ gefühlt. Bereits im Vorfeld der Begegnung hatte Wolkow angekündigt, dass der Moskauer Patriarch auch die schwierige Situation der orientalischen Christen zur Sprache bringen werde. Wörtlich meinte Wolkow: „Wir erhoffen uns, dass diese Begegnung konkrete Ergebnisse für den Aufbau der Beziehungen zwischen dem russischen und dem britischen Volk erbringen wird. Kirche und Monarchie sind eine Basis für die Bewahrung der Werte, die heute leider in den Augen vieler Leute an Bedeutung verlieren“.

Am Montag war Patriarch Kyrill im Lambeth Palace mit dem anglikanischen Primas zusammengetroffen. Auch bei diesem Treffen waren Erzbischof Jelisej, Metropolit Hilarion und Bischof Chartres anwesend. Bei der Begegnung wurde eine Übereinkunft über die Zusammenarbeit zwischen russisch-orthodoxer und anglikanischer Kirche im humanitären Bereich erzielt. Zugleich wurde die Notwendigkeit gemeinsamer Anstrengungen zum Schutz der Christen im Nahen Osten betont. Der Moskauer Patriarch brachte aber auch die Sorge über „Liberalisierungstendenzen“ in der anglikanischen Kirche von England im Hinblick auf die kirchliche Ordnung und auf die moralischen Überzeugungen vor allem im Familienbereich zum Ausdruck. Kyrill I. betonte seine Hoffnung, dass die Kirche von England sich den „Herausforderungen der modernen Welt stellen“ und „die Lehre des Evangeliums bewahren“ werde. Einmütig unterstrichen der russisch-orthodoxe Patriarch und der anglikanische Primas die Rolle der beiden Kirchen bei der Unterstützung und Stärkung der Beziehungen zwischen dem russischen und dem britischen Volk.

Bei seiner Abschiedspressekonferenz auf dem Londoner Flughafen Luton nahm der Patriarch zu Fehlinterpretationen früherer seiner Worte im Hinblick auf Syrien in den britischen Medien Bezug. Er habe nie über einen „Heiligen Krieg“ in Syrien gesprochen, sondern den Titel jenes eindrucksvollen Musikstücks zitiert, das nach dem NS-deutschen Überfall im Jahr 1941 bis Kriegsende jeden Tag im sowjetischen Rundfunk ausgestrahlt wurde und auch heute noch bei den Paraden zum „Tag des Sieges“ jeweils am 8. Mai gesungen wird. Dieses Musikstück mit den Anfangsworten „Wstawaj, strana ogromnaja“ (Musik von Aleksander Aleksandrow und Text von Wasilij Lebedew) sei das erste Mal am 26. Juni 1941 am Weißrussischen Bahnhof in Moskau erklungen. In diesem Musikstück gehe es um einen „Heiligen Krieg gegen den Terrorismus“, die kriegerische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus sei heilig gewesen, weil die Menschen um ihr Leben, ihre Unabhängigkeit, ihre Lebensweise, insgesamt ihre Zukunft gekämpft hätten. In diesem Sinn habe er auch den heutigen „Krieg gegen den Terrorismus“ einen „heiligen Krieg“ genannt, betonte Kyrill I.: „Das muss unsere gemeinsame Sache sein, nicht nur eine russische Angelegenheit, das ist eine Sache aller Länder, wir müssen zusammenstehen, um dieses Böse zu besiegen“.

Zugleich betonte der Moskauer Patriarch auf dem Flughafen Luton seine Überzeugung, dass heute die anglikanische Kirche, die römisch-katholische Kirche und die russisch-orthodoxe Kirche gemeinsam bereit sind, sich für das Wohl der ganzen Welt einzusetzen. In der letzten Zeit habe es „radikale Veränderungen“ und „gefährliche globale Herausforderungen“ gegeben. Es sei nicht zu leugnen, dass die Menschheit eine sehr schwierige Phase ihrer Entwicklung durchlebe. Es gebe die nukleare Bedrohung, die Umweltkrise, den Konflikt zwischen arm und reich und andere Bedrohungen. Man müsse sich die Frage stellen, ob die Kirchen da einfach zuschauen können oder ob sie nicht eine gemeinsame Sprache finden müssen, um diesen Entwicklungen entgegenzutreten. Deshalb sei er im Februar in Havanna mit Papst Franziskus zusammengetroffen, so Patriarch Kyrill I. Dieses Treffen habe „zur richtigen Zeit am richtigen Ort“ stattgefunden, bewusst außerhalb des europäischen Kontexts, der mit der Trennung zwischen orthodoxer und katholischer Kirche verbunden sei.

Nie zuvor habe es eine Begegnung zwischen einem römischen Papst und einem Moskauer Patriarchen gegeben, erinnerte Kyrill I. Er habe sich gefreut, dass es im Hinblick auf die großen Sorgen über die globale Entwicklung volles Einverständnis gegeben habe. Das gleiche habe er auch bei der Begegnung mit dem anglikanischen Primas gespürt: Die Sorge über die aktuellen Ereignisse in der Welt von heute und die Entschlossenheit, die Situation zu verbessern. (forts)