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Franz König

Pro Oriente

Befreiung von Mosul und der Ninive-Ebene: Christen in freudiger Erwartung

Chaldäischer Patriarch warnt vor gegenseitigen Anklagen und Schuldzuweisungen und nimmt im Hinblick auf den Wiederaufbau auch die westlichen Regierungen in die Pflicht

Bagdad, 20.10.16 (poi) Die Christen im Irak sind im Hinblick auf die Befreiung der Millionenstadt Mosul und der Ninive-Ebene in freudiger Erwartung. Der chaldäisch-katholische Patriarch Mar Louis Raphael Sako betonte in einer Botschaft am Mittwoch, „alle Bewohner des Irak“ seien in dieser Stunde „trotz aller Unterschiede eine einzige Familie“. Die Situation verlange es, sich der „historischen und moralischen Verantwortung“ zu stellen und „nach innen und außen ausgewogene Beziehungen herzustellen“. Gegenseitige Anklagen und Schuldzuweisungen müssten vermieden werden. Wörtlich stellte der Patriarch fest: „Wir müssen unter alle Auseinandersetzungen das Wort Ende setzen, die Egoismen und die persönlichen Eigeninteressen einbremsen“. Das Gemeinwohl des Landes und aller seiner Bewohner müsse über allem anderen stehen.

Auf diese Weise werde es gelingen, der wirklichen Versöhnung im Zeichen von Nächstenliebe und Frieden den Weg zu bereiten, so der Patriarch. Zugleich könnten so Vertrauen und Hoffnung auf eine rasche Lösung des seit Jahren andauernden irakischen Dilemmas wachsen. Es gehe darum, eine wahre Demokratie zu begründen, in denen die Rechte aller respektiert werden. Nur so sei eine „Auferstehung des Irak“ möglich.

Er hoffe sehr, dass die Befreiung von Mosul und der Orte der Ninive-Ebene bald erfolgreich beendet sein werde, betonte der chaldäische Patriarch. Nach der Befreiung sei es die Pflicht der westlichen Regierungen, die Rückkehr der Vertriebenen in ihre Heimstätten zu unterstützen, sie zu schützen, für die Wiederherstellung ihrer Rechte zu sorgen und zum Wiederaufbau der Städte und Dörfer beizutragen, damit das „religiöse und kulturelle Erbe“ aller Ethnien des Gebiets wieder sichtbar wird.

Mar Louis Raphael Sako richtete einen Appell an die internationale Gemeinschaft, damit sie Initiativen zur Wiedergewinnung von Sicherheit und Frieden für den Irak „und die ganze nahöstliche Region“ in Gang setzt. Dafür bete er um den Segen Gottes.

„Wir möchten zurückkehren“

Der aus seiner Bischofsstadt vertriebene syrisch-katholische Erzbischof von Mosul, Youhanna Boutros Mouche, bezeichnete eine Befreiung von Mosul als ein „großes Zeichen der Hoffnung“: „Wir möchten in unsere Häuser zurückkehren und unser Eigentum zurückerhalten, in Mosul wie auch in den Städten und Dörfern der Ninive-Ebene. Wir lieben dieses Land und möchten das durch unsere Anwesenheit unter Beweis stellen, aber unsere Sicherheit und die aller anderen Bewohner muss garantiert sein. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass wir mit den anderen in Respekt und Würde leben können“. Nach der Befreiung von Mosul und der Ninive-Ebene müsse die „nationale Versöhnung“ erste Priorität haben, so der Erzbischof. Dazu sei eine „einige und starke irakische Regierung“ notwendig, es dürfe keine Racheakte geben. „Wir wollen einen einigen Irak, wo alle – sunnitische und schiitische Muslime, Christen, Jeziden, Mandäer usw. - in Respekt und Toleranz miteinander leben“.

Im Gespräch mit „Radio Vatikan“ verwies auch Erzbischof Georges Casmoussa (Amtsvorgänger von Erzbischof Mouche und heute Apostolischer Visitator für die syrisch-katholischen Christen in Westeuropa) auf die notwendigen kommenden Schritte: „Sobald die Rückeroberung von Mosul und der Ninive-Ebene beendet ist, wird die Diskussion losgehen, wer denn die gesamte Provinz regieren wird“. Wahrscheinlich werde die Provinz geteilt werden; Pläne dafür habe es schon vor dem Einfall der IS-Terroristen gegeben. Es gebe die Interessen der sunnitischen Araber, der sogenannten „Turkmenen“, der Kurden, der Jeziden und der Christen unterschiedlicher konfessioneller Zugehörigkeit. Diese Aufteilung der Provinz Ninive werde nach seiner Überzeugung „sehr schmerzlich“ von statten gehen. Deshalb sei es wichtig, bereits im Vorfeld der Befreiung von Mosul und der Städte der Ninive-Ebene das Fundament eines friedlichen Zusammenlebens zu legen: „Alle müssen in der ersten Phase aufpassen, nicht mit Rache auf die Nachbarn zuzugehen. Es ist Tatsache, dass es Sympathisanten und Kollaborateure des IS gab. Es ist nicht einfach, dann so zu tun, als ob nichts geschehen wäre. Aber es muss eine rechtsstaatliche Verfolgung der Täter geben, nicht eine Rachekampagne“.

In Erbil – der Hauptstadt der kurdischen Region – waren am Mittwoch bereits hunderte vertriebene Christen aus Baghdida (oft auch Karakosch genannt) in der Kirche Mar Shimun zusammengetroffen, um die Befreiung eines großen Teils ihrer Heimatstadt durch irakische Regierungstruppen zu feiern. Baghdida hatte vor dem Einmarsch der IS-Terroristen im August 2014 rund 50.000 fast ausschließlich christliche Einwohner. In der Stadt gab es zehn – teilweise in die Antike zurückreichende – Kirchen. Im August flohen alle Einwohner. Der neugeweihte chaldäisch-katholische Priester Martin Baani sagte im Gespräch mit dem „Kirche in Not“-Informationsdienst: „Als erstes möchte ich Gott danken für die Befreiung meiner Heimatstadt. Ich bin so glücklich. Ich war immer überzeugt, dass das eines Tages geschehen würde, ich kann es kaum erwarten, Baghdida wieder zu sehen. Als ich von der Einnahme der Stadt durch Regierungstruppen hörte, habe ich mir gesagt: Gott triumphiert über das Böse. Gott will nicht, dass sein Volk weiterhin unglücklich ist. Wir beten, dass wir bald in unsere Heimstätten zurückkehren können“.

Aber den vertriebenen Christen aus der Ninive-Ebene, die in Erbil Zuflucht gefunden haben, ist klar, dass es noch lange dauern kann, bis sie wirklich in ihre Heimatorte zurückkehren können. Der „Corriere della Sera“ zitierte am Donnerstag den chaldäisch-katholischen Priester Paulos Thabat Mekko, der aus Karamles, einem der Städtchen der Ninive-Ebene, stammt. Er gehört seit sechs Monaten einer kirchlichen Kommission an, die den Wiederaufbau der christlichen Orte nach der Befreiung organisieren soll. Nach seinen Angaben ist ein Drittel bis die Hälfte der ursprünglich 150.000 Christen der Ebene mittlerweile im Ausland, in Jordanien, im Libanon, in der Türkei, auch in Frankreich, Kanada und Australien. Aber die große Mehrheit der in der kurdischen Region verbliebenen Vertriebenen sei entschlossen zur Rückkehr. Ein großes Problem werde darin bestehen, dass wegen der Emigration viele junge Leute fehlen und die Last des Wiederaufbaus auf den Schultern der älteren Generation liegen wird. Allein in Karamles schätzt der Priester die Kosten für die ersten Wiederaufbaumaßnahmen auf mehr als zehn Millionen US-Dollar. All das werde trotz der Hilfe durch den Vatikan, durch katholische Hilfsorganisationen aus westlichen Ländern und durch die chaldäische Emigration vor allem in Amerika schwer zu stemmen sein.

Andere christliche Vertriebene, die im „Corriere“ zu Wort kamen, schilderten ihre großen Verluste, wie der 23-jährige Yousif Georgis, vor dem August 2014 ein wohlhabender junger Bauer mit mehr als 40 Kühen und 100 Schafen. Der 34-jährige Tischler Jamil Louai berichtete, dass die IS-Terroristen in den christlichen Dörfern Tunnel zwischen den Kellern der Häuser gegraben und alles mit Benzin und Sprengstoff angefüllt hätte. Alle Häuser seiner Familie seien zerstört: „Wenn wir zurückkommen, müssen wir von Null wieder anfangen“. Der syrisch-katholische Priester Jalal Yako aus Karakosch wird mit den Worten zitiert: „Es gibt Gerüchte, dass alle Kirchen in der Ebene in Moscheen verwandelt oder niedergebrannt worden sind. Wir hatten Klöster, Kirchen, Basiliken, die 1.000 oder 1.500 Jahre alt waren. Wir wissen, dass sich in unseren Städtchen und Dörfern tschetschenische, tunesische, algerische Dschihadisten eingenistet hatten. Wir befürchten das Schlimmste. Diese Leute wollten unseren Glauben, unsere christliche Kultur zerstören“.

Laut „Corriere“ gibt es bei den christlichen Vertriebenen in Erbil seit Montagmorgen kein anderes Gesprächsthema mehr als die Kämpfe gegen die IS-Terroristen in der Ninive-Ebene. Der Einzug von Regierungstruppen und kurdischen „Pesch Merga“ in Bartella, Karamles, Hamdaniyeh und anderen Orten sei mit stürmischem Jubel begrüßt worden. Besondere Begeisterung löste die Einholung der IS-Flagge vom Dach des St. Barbara-Klosters aus, wo jetzt das Banner der „Pesch Merga“ wehe. (ende)