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Franz König

Pro Oriente

„Clash of Civilizations“ um die Hagia Sophia

Tauziehen um die Basilika der „Heiligen Weisheit“, die einstige Hauptkirche der Christenheit, spitzt sich zu – Türkische Religionsbehörde arbeitet an Re-Islamisierung der Hagia Sophia

Konstantinopel/Istanbul, 07.11.16 (poi) Das Tauziehen um die Hagia Sophia in Istanbul/Konstantinopel – einst die bedeutendste Kirche der Christenheit, dann osmanische Reichsmoschee, heute offiziell ein Museum – wird dramatischer. Dabei geht es letztlich darum, wer symbolhaft im vielberufenen „clash of civilizations“ in der Öffentlichkeit die Oberhand behält. Deutlich wird dies in den Äußerungen des türkischen Kunsthistorikers Murat Ozer. Es sei traditionell so, dass der Eroberer die Gotteshäuser übernehme und für seinen eigenen Glauben nütze, meint Ozer. Deswegen seien auch fast alle byzantinischen Kirchen in Istanbul zu Moscheen gemacht worden, die Sultane hätten aber der christlichen Bevölkerung geholfen, neue Kirchen zu bauen. Den Osmanen sei es nicht darum gegangen, etwas zu zerstören, sondern ihre Macht und ihr Prestige gegenüber den christlichen Feinden deutlich zu machen. Allerdings plädiert Ozer „unter den heutigen Bedingungen“ dafür, Lösungen zu suchen, wie sie auch für andere Kirchen in Konstantinopel gefunden wurden, die „teils als Moscheen, teils als Museen“ genutzt werden. Eine solche Lösung würde auch dem Erhaltungszustand der Basilika gut tun.

Im Rahmen des Tauziehens wurde jetzt vom „Diyanet“ – der offiziellen türkischen Religionsbehörde – ein neuer Schritt gesetzt: Die 1936 eingerichtete, aber seit Jahrzehnten vakante Position des Imams der kleinen Moschee im von Murad III. im 16. Jahrhundert erbauten rechten Nebengebäude der Hagia Sophia wurde neubesetzt. Der neuernannte junge Imam Önder Soy ist auch als Kickboxer und Karate-Kämpfer populär. Zugleich soll von den Minaretten der Hagia Sophia wieder fünf Mal am Tag der Gebetsruf erklingen, während dies bis jetzt nur zwei Mal am Tag der Fall war, wie türkische Medien berichten. Der für den Bezirk Fatih zuständige Mufti (in diesem Fall so viel wie Dechant) habe eine entsprechende Entscheidung getroffen.

Dass die Ernennung des neuen Imams am 23. Oktober bekanntgegeben wurde – einen Tag nach dem 25-Jahr-Gedenken der Wahl des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. – wurde in kirchlichen Kreisen Konstantinopels als Provokation empfunden. Präsident Recep T. Erdogan gratulierte dem „Diyanet“ zu der Ernennung. Die regierungsnahen Medien begrüßten die Einsetzung von Imam Soy als "Erfüllung eines Wunsches des türkischen Volkes".

Die Auseinandersetzung um die Hagia Sophia, die Kirche der „Heiligen Weisheit“, hatte sich bereits im Juni zugespitzt, als das „Diyanet“ im Ramadan für die Religionssendungen des türkischen Fernsehens TRT die tägliche Übertragung des Gebetsrufs und der Koran-Rezitation aus der Hagia Sophia arrangierte, nicht aus dem im 16. Jahrhundert errichteten Nebengebäude. Der erste Gast der Ramadan-Sendereihe am 6. Juni war ausgerechnet Sektionschef Mehmet Görmez, der Leiter des „Diyanet“, der in seiner kurzen Predigt zum Fastenbeginn die Bedeutung der Hagia Sophia für die islamische Tradition der Türkei erläuterte.

Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. erklärte damals in einer Predigt in der Kyriakos-Kirche im konstantinopolitanischen Bezirk Kontoskali, dass die Christen „das Fest des Islam und seinen Glauben respektieren. Aber wir möchten auch, dass die Muslime unseren christlichen Glauben und die Gotteshäuser unserer Vorfahren respektieren“. Der Respekt müsse gegenseitig sein, so der Patriarch. Monumente wie die Hagia Sophia hätten Jahrhundert hindurch nicht nur die Architektur der christlichen Kirchen geprägt, sondern auch die Geschichte und die Identität eines ganzen Volkes, „unseres Volkes“. Ein Land wie die Türkei sollte das Erbe respektieren und ehren und seine Bürger aus diesem Volk – „auch wenn sie nur mehr eine kleine Minderheit darstellen“ – nicht beleidigen. Jede Verletzung des Respekts vor den Heiligen Stätten des christlichen Glaubens sei ein Schlag gegen die „weltweite Kultur“.

Auch von griechischer Seite wurden schwerwiegende Bedenken vorgebracht. Der griechische Außenminister Nikos Kotzias wandte sich an die UNESCO. In einem Kommunique des griechischen Außenministeriums hieß es wörtlich: „Die bigotte Obsession, muslimische Zeremonien in einem Bauwerk abzuhalten, das zum Erbe der Menschheit gehört, ist unverständlich und zeigt einen Mangel an Respekt und an Kontakt mit der Realität“. Solche Initiativen seien mit den Prinzipien eines „modernen säkularen Staates und einer demokratischen Gesellschaft“ nicht vereinbar. Der Sprecher des türkischen Außenministeriums, Tanju Bilgic, bezeichnete daraufhin die griechischen Äußerungen als inakzeptabel und forderte Griechenland auf, in Sachen Religionsfreiheit vor der eigenen Tür zu kehren, wo es doch noch immer keine neue Moschee in Athen gebe.

Weil die offiziellen griechischen Proteste relativ zahm waren, legte die oppositionelle „Nea Dimokratia“ nach: Durch die Koran-Lesungen sei die Hagia Sophia de facto zum ersten Mal seit 80 Jahren in eine Moschee verwandelt worden. Das sei ein „provokanter und unverständlicher“ Akt, durch den Verachtung gegenüber den orthodoxen Christen in aller Welt zum Ausdruck komme; diese Vorgangsweise stehe nicht im Einklang mit dem „europäischen Kurs“ der Türkei.

Auch in den USA gab es Proteste. Der stellvertretende Sprecher des State Department, Mark Toner, meinte, die USA würden die Hagia Sophia als ein Bauwerk von außerordentlicher Bedeutung betrachten. Washington erwarte von der Türkei, die Hagia Sophia so zu bewahren, dass deren Tradition und komplexe Geschichte respektiert werden. Auch die griechisch-orthodoxe Kirche in den USA stellte fest, als Teil des UNESCO-Weltkulturerbes müsse die Basilika „auf eine Weise genutzt werden, die diesen Status nicht infrage stellt“. Einen scharfen Protest formulierte die AHEPA, die größte US-amerikanische Organisation der Bürger griechischer Herkunft. Die Hagia Sophia gehöre zum UNESCO-Welterbe, ihr Wert sei universal und überschreite religiöse Grenzen. Durch die tägliche Koran-Lesung aus der Hagia Sophia im Ramadan habe die Türkei ihre Verpflichtungen zur Bewahrung des Charakters der Basilika verletzt.

Die Bestrebungen, aus der Hagia Sophia wieder eine Moschee zu machen, hatten seit dem 11. April 2015 Auftrieb erhalten, als – ausgerechnet einen Tag vor dem orthodoxen Ostersonntag, der damals mit dem Geburtstag Mohammeds zusammenfiel – zum ersten Mal seit Jahrzehnten eine Koran-Rezitation in der Basilika ertönte. Im November betete ein junger Mann aus Urfa in der Hagia Sophia und verbreitete das Foto von seinem Gebet mit dem Hashtag #AyasofyayaOzgurlu (Freiheit für die Hagia Sophia) in den „social media“. Am diesjährigen 28. Mai kam es dann zu einer großangelegten Demonstration vor der Basilika, bei der die neuerliche Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee gefordert wurde..

Freilich gibt es auch Bestrebungen, die Hagia Sophia wieder offiziell zur Kirche zu machen. Diese Bestrebungen gehen vom Ökumenischen Patriarchat, von russischen Duma-Abgeordneten und von orthodoxen Basis-Bewegungen aus.

1919 zelebrierte ein Militärgeistlicher in der Basilika

Die bisher letzte Göttliche Liturgie in der Hagia Sophia hat möglicherweise nicht – wie in den Geschichtsbüchern betont – am 29. Mai 1453 stattgefunden. Nach Angaben griechischer Websites vom Mai 2015 – die sich auf frühere Berichte stützen – zelebrierte der griechische Militärgeistliche Lefteris Noufarakis aus Rethymnon 1919 in der Hagia Sophia die Göttliche Liturgie. Noufarakis gehörte der griechischen 2. Division an, die mit einem alliierten Expeditionskorps auf dem Weg in die Ukraine war. Konstantinopel war zu diesem Zeitpunkt von alliierten Truppen (Großbritannien, Frankreich, Italien, USA, Griechenland, Serbien) besetzt. Gemeinsam mit einigen Offizierskameraden – mit General Frantzis an der Spitze – fasste der Militärgeistliche den Entschluss, in der Hagia Sophia – damals noch osmanische Reichsmoschee und Sitz des Scheich-ul-Islam – die Göttliche Liturgie zu zelebrieren.

Als die anderen Offiziere zögerten, habe Noufarakis erklärt: „Dann gehe ich allein“. Er brauche nur einen Kantor, sagte der Militärgeistliche und fragte Major Konstantin Liaromati, ob er als Kantor zur Verfügung stehe, was dieser bejahte. Der kleine Trupp in griechischer Uniform folgte daraufhin dem Militärgeistlichen, schüchterte die osmanischen Türsteher ein und strebte dem Ort zu, wo einst der Altar gestanden haben dürfte. Noufarakis habe einen kleinen Tisch gefunden und ihn zum Altar erklärt. In seinem Militär-Rucksack hatte der Geistliche die liturgischen Gewänder und Gefäße mitgebracht. In kürzester Frist sei er im Messgewand am Altar gestanden, während seine Kameraden nur gehofft hätten, die Göttliche Liturgie an diesem besonderen Ort in Ruhe beenden zu können.

Tatsächlich hatten sich bereits viele Türken versammelt, die aber zunächst still blieben. Bald seien aber auch konstantinopolitanische Griechen aufgetaucht, die ihren Augen nicht trauen wollten, „überrascht und bewegt“ waren. Noufarakis habe die Liturgie rasch, aber würdevoll zelebriert. Bei der Kommunion traten alle anwesenden Griechen hinzu – 466 Jahre, nachdem zum letzten Mal in der Hagia Sophia die Heilige Kommunion empfangen worden war.

Gegen Ende der Göttlichen Liturgie sei die Situation für Noufarakis und seine Freunde brenzlig geworden, weil sich die anwesenden Türken vom Schock erholt hatten. Ein türkischer Offizier, der zwar auch empört war, aber zugleich verstanden hatte, dass ein womöglich tödlicher Angriff auf fünf griechische Offiziere in der Hagia Sophia dramatische politische Auswirkungen haben würde, sorgte dafür, dass die Griechen die Kathedrale unverletzt verlassen konnten. Außerhalb der Hagia Sophia wurden die griechischen Offiziere – und vor allem der Priester - noch einmal attackiert, aber es sei ihnen gelungen, das griechische Kriegsschiff zu erreichen, auf dem sie untergebracht waren. Der Vorfall habe zu diplomatischen Verwicklungen geführt, weil die West-Alliierten keine Schwierigkeiten mit dem muslimischen Establishment wollten. Der griechische Ministerpräsident Eleftherios Venizelos musste P. Noufarakis offiziell abmahnen, habe ihm aber privat gratuliert, weil er in der Hagia Sophia „den Traum aller Griechen“ verwirklicht hätte.(ende)