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Die Ökumene muss
weitergehen!

Franz König

Pro Oriente

Panorthodoxes Treffen zum 70. Geburtstag des Moskauer Patriarchen Kyrill

Große Bedeutung für den weiteren Weg der weltweiten orthodoxen Kirche – Der russisch-orthodoxe Patriarch will mit den Oberhäuptern und Repräsentanten der anderen orthodoxen Kirchen über deren Einschätzungen und Erfahrungen im Hinblick auf die „Heilige und Große Synode“ auf Kreta reden

Moskau, 17.11.16 (poi) Aus Anlass des 70. Geburtstags des Moskauer Patriarchen Kyrill I. kommen am Sonntag, 20. November, höchste Repräsentanten der Weltorthodoxie in die russische Hauptstadt, unter ihnen die Patriarchen Theodoros II. (Alexandrien), Theophilos III. (Jerusalem), Irinej (Belgrad), Ilia II. (Tiflis) sowie die Oberhäupter der Kirchen von Zypern (Erzbischof Chrysostomos II.), von Albanien (Erzbischof Anastasios), von Polen (Metropolit Sawa) und von Tschechien und der Slowakei (Metropolit Rastislav). Auch die Kirchen von Konstantinopel, Antiochien, Rumänien, Griechenland und Bulgarien entsenden hochrangige Vertreter. Es ist die bedeutendste panorthodoxe Versammlung seit der „Heiligen und Großen Synode“ auf Kreta, auch wenn sie nur inoffiziellen Charakter hat. Auch die Ökumene wird bei den Feiern in Moskau prominent vertreten sein, u.a. durch den Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch, und den armenisch-apostolischen Katholikos-Patriarchen Karekin II. Für den Islam wird der kaukasische Scheich-ul-Islam Allahshukur Paschazade erwartet.

Bei den panorthodoxen Gesprächen rund um den Geburtstag des Moskauer Patriarchen wird zweifellos die „Heilige und Große Synode“ auf Kreta im Mittelpunkt stehen. Der stellvertretende Leiter des Außenamtes des Moskauer Patriarchats, Archimandrit Filaret Bulekow, sagte im Gespräch mit der Nachrichtenagentur RIA-Nowosti, der Patriarch werde die Oberhäupter der anderen orthodoxen Kirchen nach ihren Einschätzungen und Erfahrungen im Hinblick auf die Synode auf Kreta fragen. Es sei sehr wichtig, dass Kyrill I. Eindrücke und Ansichten „aus erster Hand“ höre. Auch der Pressesprecher des Patriarchen, Pfarrer Alexander Wolkow, bezeichnete die Feiern zum 70. Geburtstag von Kyrill I. als „gute Gelegenheit für den Dialog“ innerhalb der Orthodoxie

Ökumenische Beobachter schreiben daher dem Moskauer Treffen große Bedeutung für den weiteren Weg der weltweiten orthodoxen Kirche zu. Mit der Entscheidung, nicht an der Synode auf Kreta teilzunehmen, habe sich das Patriarchat von Moskau gewissermaßen „selbst aus dem Spiel genommen“, weil man offensichtlich damit gerechnet habe, dass das Fernbleiben der zahlenmäßig stärksten orthodoxen Kirche eine Absage der Synode bewirken würde, was dann nicht der Fall war. Jetzt strebe man offensichtlich an, wieder ins Gespräch zu kommen, wofür die Geburtstagsfeiern für Kyrill I. eine gute Gelegenheit bieten.

Das Moskauer Patriarchat hat sich bisher nicht offiziell zu den auf Kreta unter dem Vorsitz des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. beschlossenen Dokumenten geäußert. Der Heilige Synod des Moskauer Patriarchats begnügte sich im Juli damit, die Synode als wichtiges Ereignis zu bezeichnen, dem freilich wegen der Abwesenheit von vier autokephalen orthodoxen Kirchen kein panorthodoxer Charakter zukomme. Die synodale biblisch-theologische Kommission wurde beauftragt, die Dokumente von Kreta zu analysieren, sobald die offizielle Endfassung vorliege.

Am Freitag, 18. November, wird im Museum der Moskauer Erlöserkathedrale die Ausstellung „Sohn der Kirche“ über Patriarch Kyrill I. eröffnet werden. Höhepunkt der Feiern ist die Göttliche Liturgie am Sonntag, 20. November, in der Erlöserkathedrale. Am Montag, 21. November, findet dann ein Festakt mit den Gästen aus der Weltorthodoxie und aus der Ökumene statt, am Dienstag, 22. November, ein Festkonzert. Es gehe nicht darum, Personenkult zu betreiben, hielt Pfarrer Wolkow fest. Vielmehr sollen an Hand des Dienstes des Patriarchen die Entwicklungen im Leben der russisch-orthodoxen Kirche und die Perspektiven für die Zukunft aufgezeigt werden.

Aus einer Priesterfamilie

Kyrill I. (bürgerlicher Name Wladimir Gundjajew) wurde 1946 im damals noch Leningrad genannten St. Petersburg geboren, sein Vater war Priester, seine Mutter Deutschlehrerin. Sein älterer Bruder Nikolai ist ebenfalls Priester. Auch der Großvater Wasilij war Priester, wegen seines Einsatz gegen die Umtriebe der regimetreuen „Erneuerer“ in der orthodoxen Kirche wurde er in der Zwischenkriegszeit von den Kommunisten auf den Solowki-Inseln inhaftiert.

1969 empfing Wladimir Gunjajew die Mönchstonsur, noch im selben Jahr wurde er zunächst zum Diakon und dann zum Priester geweiht. Seine Theologiestudien an der Geistlichen Akademie schloss er „cum laude“ ab. Ab 1970 war er Sekretär des berühmten Metropoliten Nikodim (Rotow). 1971 bis 1974 vertrat er die russisch-orthodoxe Kirche beim Weltkirchenrat in Genf, 1974 bis 1984 war er Rektor der Geistlichen Akademie in St. Petersburg, 1976 wurde er zum Bischof geweiht, ab 1977 war er Erzbischof von Wyborg, 1984 wechselte er auf den Bischofssitz von Smolensk, von 1991 bis 2009 war er Metropolit von Smolensk und Königsberg. Zugleich war er von 1989 bis 2009 Leiter des Außenamtes des Moskauer Patriarchats, wobei das Außenamt damals wesentlich mehr Kompetenzen hatte als heute. Seine Wahl zum Patriarchen erfolgte am 27. Jänner 2009.

Patriarch Kyrill kommt – ebenso wie sein Amtsvorgänger, Patriarch Aleksij II. – aus der Schule von Metropolit Nikodim, der eine der eindrucksvollsten Persönlichkeiten der russisch-orthodoxen Kirche im 20. Jahrhundert war. Als Metropolit Nikodim 1978 bei seinem Gratulationsbesuch beim neugewählten Papst Johannes Paul I. in den Armen des Luciani-Papstes starb, war der junge Bischof Kyrill (Gundjajew) anwesend. Metropolit Nikodim hatte großen Wert auf die Entwicklung der Beziehungen zwischen russisch-orthodoxer und römisch-katholischer Kirche gelegt. Seinem Einfluss war es zuzuschreiben, dass das Moskauer Patriarchat in den 1960er und 1970er Jahren die Zulassung von Katholiken zu den Sakramenten in der orthodoxen Kirche ermöglichte, eine pastoral überaus wichtige Maßnahme, weil es in den Weiten der damaligen Sowjetunion viele Gebiete gab, in denen keine katholischen Priester wirken konnten. (forts mgl)