Neues Buch spürt "Sakralisierung der Geschichte" nach
29. Mai 2026
PRO ORIENTE und Central European University luden zur Präsentation des Sammelbandes "Die Sakralisierung der Geschichte in Krisenzeiten im modernen Osteuropa"
Foto: PRO ORIENTE
Wien, 29.05.26 (poi) "Die Sakralisierung der Geschichte in Krisenzeiten im modernen Osteuropa" (Sacralization of History in Times of Crisis in modern Eastern Europe) lautet der Titel eines geschichtswissenschaftlichen Sammelbandes, der am 27. Mai in Wien präsentiert wurde. Die beiden Herausgeberinnen Liliya Berezhnaya (Wien) und Heidi Hein-Kircher (Herne/Bochum) erläuterten eingangs der Präsentation dieses Phänomen der "Sakralisierung von Geschichte": Geschichte, vielmehr bestimmte Geschichten, würden sakrosankt erklärt und damit gleichsam "unberührbar" und der Arbeit der historisch-kritischen Wissenschaft entzogen.
"Heilige Geschichten" bestimmten und erhöhten die Bedeutung eines Kollektivs, oder eines politischen Konstrukts wie der Nation und des Imperiums, und erklärten Kritik zum Sakrileg. In tatsächlichen oder vermeintlichen Krisenzeiten würden die alten Geschichten erneut sakralisiert und umgedacht. Um die eigene Geschichte werde eine Mauer gezogen, Revision als Verrat und Verfälschung gebrandmarkt.
Die so gezogenen Grenzen seien zugleich sozialer Natur, denn es werde auch festgelegt, wer dazu gehört (und gehörte), und wer nicht. Diese "Sicherstellung" (securitization) wirke folglich in mehrfacher Hinsicht polarisierend und spitze Konflikte zu. Sobald die - realen und empfundenen - Bedrohungen wieder abebbten, würden auch die Sakralisierungen weniger prägnant.
Wie der Prozess der "Sakralisierung von Geschichte" im konkreten Fall funktioniert, wird im Buch in einer Reihe empirisch gut untermauerter Einzelstudien aus verschiedenen Ländern Osteuropas ausgeführt: vom Baltikum über Polen, die Ukraine, Rumänien und Russland bis in die Balkanregion und den Kaukasus.
In der anschließenden, von Prof. Alfons Brüning (Radboud-Universität Nijmegen, Niederlande) moderierten Diskussion wurden einige Aspekte vertieft. Dabei wurde deutlich, dass die Frage, was genau "Sakralisierung" meint, und wie der Prozess zu verstehen ist, ein interessantes, vielleicht notwendiges Thema für weitere interdisziplinäre Studien sein könnte, wobei sich geschichtswissenschaftliche, theologische, anthropologische sowie religions- und sozialwissenschaftliche Perspektiven möglicherweise sinnvoll kombinieren ließen.
Die Sakralisierung von Geschichte(n) sei jedenfalls zum einen eine Reaktion auf Wahrnehmungen von ideologisch-weltanschaulichem Vakuum und andererseits auf Verlust, Zerstörung und Krieg, die nach Sinngebung verlangen. Immer gebe es eine doppelte Richtung: Von unten nach oben, gleichsam aus dem Volk, und von oben nach unten, wenn politische Machthaber Geschichtsnarrative verordnen, wie dies etwa im gegenwärtigen Russland der Fall sei.
Oft übersehen würden Gender-Aspekte: Die Helden der Geschichten, aber auch die Machthaber, seien meistens Männer, Frauen blieben meist im Hintergrund. Aber gerade sie seien es, die die "Kette der Erinnerung" (chain of memory), oft in den Familien, intakt hielten und die Geschichten weitergeben.
Freilich: Zu glauben, dass Geschichte nur als nüchterne Chronologie erzählt wird, sei eine Illusion. Ein wenig von solchen Mechanismen, und von "sakrosankten Geschichten" gebe es immer, hieß es in der Diskussion. In Zeiten der Krisen, des post-säkularen Pluralismus und politischer Unsicherheit, würden die "heiligen Geschichten" aber umso vehementer verteidigt. Mit dieser Tendenz müsse man umgehen. Das Buch bietet dazu einen kompetenten Einstieg.
Das Buch ist 2025 bei Central European University Press (CEU Press) erschienen. Zur Präsentation ins Michaelerkloster hatten PRO ORIENTE und die Central European University. Für die Stiftung sprach Programmdirektorin Viola Raheb einige Begrüßungsworte. Sie zeigte sich erfreut über diese erste Kooperationsveranstaltung mit der CEU.
Das Buch gibt es auch im Open Access Format kostenlos zum Download: www.taylorfrancis.com/books/oa-edit/10.5117/9789048570171/sacralization-history-times-crises-liliya-berezhnaya-heidi-hein-kirchner