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Franz König

Pro Oriente

„Naher Osten braucht Geist der Vergebung und der Versöhnung”

Chaldäisch-katholischer Erzbischof Bashar Warda beim „Sonntag der Solidarität mit der verfolgten Kirche” in Polen – Emigrationsbewegung der Christen aus dem Orient ist „eine Wunde für die ganze Weltkirche”

Warschau, 15.11.16 (poi) Um im Nahen Osten den Frieden wiederherzustellen, ist „der Geist der Vergebung und der Versöhnung notwendig”: Dies betonte der chaldäisch-katholische Erzbischof von Erbil (kurdische Region des Irak), Bashar Warda, im Gespräch mit der polnischen katholischen Nachrichtenagentur KAI. Der Erzbischof war aus Anlass des „Sonntags der Solidarität mit der verfolgten Kirche” nach Polen gekommen. Dieser mit einer Sammlung verbundene Sonntag wird seit acht Jahren jeweils auf Initiative der polnischen Sektion des internationalen Hilfswerks „Kirche in Not” veranstaltet. Heuer stand der Solidaritäts-Sonntag unter dem Motto „Frieden für den Irak”.
Die Christen seien in der innerirakischen Auseinandersetzung nie eine Konfliktpartei gewesen, sondern immer Opfer, unterstrich der Erzbischof von Erbil. Das gebe den Christen des Zweistromlandes das moralische Recht, in diesem Konflikt vermittelnd und friedensstiftend aufzutreten. Warda erinnerte daran, dass seit der Irak-Invasion der USA und ihrer Verbündeten im Jahr 2003 rund 1,4 Millionen Christen ihre Heimat an Euphrat und Tigris verlassen hätten. Vor zwei Jahren – im Sommer 2014 – hätten mehr als 200.000 Christen nach dem Einmarsch der IS-Terroristen über Nacht aus Mosul und den Ortschaften der Ninive-Ebene fliehen müssen. Die chaldäisch-katholische Kirche habe damals sofort auf diese „ungeheure humanitäre Tragödie” reagiert und tatkräftige Hilfe für die Flüchtlinge geleistet.

Heute bestehe die Aufgabe der chaldäisch-katholischen Kirche – und der anderen christlichen Kirchen – vor allem darin, die Christen zu überzeugen, dass sie nicht emigrieren sollen. Die Emigrationsbewegung der Christen aus dem Nahen Osten sei „eine Wunde für die ganze Weltkirche”, unterstrich der Erzbischof von Erbil. Denn die Wurzeln des Christentums „liegen im Nahen Osten”. Daher hätten die Christen in aller Welt die Verpflichtung, diese Wurzel lebendig zu erhalten, „damit das Christentum im Orient wieder erblüht”.

Christsein bedeute im Irak heute die Bereitschaft, das Kreuz auf sich zu nehmen, sagte der chaldäisch-katholische Erzbischof und fügte wörtlich hinzu: „Im Zweistromland müssen Christen heute bereit sein, um des Glaubens willen Haus, Arbeitsstelle, Besitz aufzugeben, im Zelt oder Container zu leben, Angst um Leben und Überleben zu haben, Almosen anzunehmen. Es ist ein schwieriges und trauriges Schicksal, voll von Herausforderungen”. Die Christen des Irak seien aber voll Dankbarkeit gegenüber ihren Glaubensgeschwistern in aller Welt, deren Solidarität sie es verdanken, „dass sie in der angestammten Heimat bleiben konnten”.

Heute herrsche unter den christlichen Vertriebenen, die in der kurdischen Region des Irak Zuflucht gefunden haben, Freude über die Befreiung der christlichen Städte und Dörfer der Ninive-Ebene. Freilich sei die Situation in der Ebene erschütternd, sagte Warda und berichtete, wie er bei seinem ersten Besuch nach der Vertreibung der IS-Terroristen mit eigenen Augen gesehen habe, wieviel Verwüstung und Zerstörung durch eine „teuflische Kraft” angerichtet wurde. Der Prozess des Wiederaufbaus werde langwierig und mühsam sein. Der Erzbischof von Erbil dankte den polnischen Katholiken für ihre Solidarität und ersuchte zugleich darum, der Regierung in Bagdad klar zu machen, dass die Christen und die Angehörigen der anderen religiösen Minderheiten als Bürger mit gleichen Rechten ernstgenommen werden wollen. (ende)