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Franz König

Pro Oriente

Libanon: Präsident Aoun führt Gespräche mit Kirchenvertretern

Maronitischer Kardinal-Patriarch Rai drängt auf rasche Regierungsbildung, Kampf um Positionen und Kompetenzen muss der Vergangenheit angehören

Beirut, 18.11.16 (poi) Der neugewählte libanesische Präsident Michel Aoun hat nach dem Treffen mit dem maronitischen Patriarchen, Kardinal Boutros Bechara Rai, seine Gespräche mit Vertretern der verschiedenen Kirchen fortgesetzt. Dabei stehen vor allem die derzeitige Lage im Land und die schrittweise Überwindung der politischen Lähmung im Mittelpunkt. Am 16. November empfing Aoun die Delegation der melkitischen griechisch-katholischen Kirche unter Leitung des Patriarchen Gregorios III. Laham und die syrisch-katholische Delegation unter Leitung des Patriarchen Ignace Yousif III. Younan. Bereits am 10. November war eine syrisch-orthodoxe Delegation unter Leitung des Patriarchen Ignatius Aphrem II. bei Aoun, die den Präsidenten auch um neue Initiativen für die beiden entführten Metropoliten von Aleppo – Mar Gregorios Youhanna Ibrahim und Boulos Yazigi – ersuchte.

Die beiden Patriarchen Ignatius Aphrem II. und Ignace Yousif III. Younan waren bereits im Jänner mit Aoun in dessen Eigenschaft als Vorsitzender der Patriotischen Freiheitsbewegung (CPL) zusammengetroffen. Damals ging es darum, dass für die syrisch-orthodoxen und für die syrisch-katholischen Gläubigen jeweils ein Sitz im libanesischen Parlament vorgesehen werden sollte.

Für die neu zu bildende Regierung wird es eine vordringliche Aufgabe sein, ein Wahlrecht zu verabschieden, das die angemessene Vertretung aller Komponenten der libanesischen Gesellschaft garantiert. Dies betonte auch der Rat der katholischen Patriarchen und Bischöfe im Libanon, der am 14. November im maronitischen Patriarchat in Bkerke seine 50. Vollversammlung abhielt. An der Versammlung nahmen u.a. auch der griechisch-katholische Patriarch Gregor III. Laham, der syrisch-katholische Patriarch Ignace Yousif III. Younan und der armenisch-katholische Patriarch Krikor Bedros XX. sowie der Apostolische Nuntius im Libanon, Erzbischof Gabriele Caccia, teil. Kardinal Rai schilderte dabei die dramatische Situation vieler kirchlicher Sozialwerke im Libanon angesichts der doppelten Belastung durch die Verarmung weiter Teile der Bevölkerung und den Zustrom syrischer Flüchtlinge.

Tags zuvor, am 13. November, hatte der maronitische Patriarch in seiner Sonntagspredigt zur Bildung einer „auf Konsens beruhenden und effizienten“ Regierung unter Leitung des designierten Ministerpräsidenten Saad Hariri aufgerufen. Sein Wunsch sei es, dass diese Regierung noch vor dem Unabhängigkeitstag am 22. November zustande komme, sagte Kardinal Rai. Es müsse eine „inklusive“ Regierung sein, die alle wichtigen Strömungen des Landes repräsentiere und ihre Verantwortung im Geist der Verfassung und des „Pacte National“ von 1943 wahrnehme. Ausdrücklich warnte der Kardinal-Patriarch davor, das alte Spiel der „politischen Klasse“ des Landes mit dem Hickhack um Positionen und Kompetenzen neuerlich in Gang zu setzen.

Bereits in seiner Sonntagspredigt am 6. November hatte Rai betont, dass die wirtschaftliche Lage und der soziale Notstand im Libanon weitere Verzögerungen bei der Regierungsbildung nicht zulassen. In seiner Predigt erinnerte der Kardinal daran, dass die Kirche immer wieder zum Gebet um die Beendigung des Vakuums im Präsidentenamt aufgerufen hatte. “Nun beten wir erneut zu Gott, damit er auf die Fürsprache Unserer Lieben Frau vom Libanon gewähre, dass dem designierten Premierminister Saad Hariri die baldige Bildung einer Regierung gelingen möge“, sagte der Kardinal-Patriarch wörtlich. Die wirtschaftlichen Umstände und die Lebensbedingungen, die Erfordernisse der Entwicklung und der Sicherheit würden keine weiteren Verzögerungen dulden.

Präsident Michel Aoun war – nach mehr als zwei Jahren des Interregnums - am 31. Oktober gewählt worden. Nur wenige Tage später, am 3. November, beauftragte er Saad Hariri mit der Regierungsbildung. Aoun, ein maronitischer Christ, entsprach damit den Vorgaben des „Pacte National“, demzufolge der Ministerpräsident ein sunnitischer Muslim sein soll. Im Gespräch mit „Radio Vatikan“ sagte Kardinal Rai daraufhin, dass nun „alles wieder funktioniert“ und somit das Land sich endlich mit den Alltagsproblemen der Bürgerinnen und Bürger auseinandersetzen könne. Wörtlich stellte der maronitische Patriarch – der zugleich eine politische Zentralfigur des Landes ist – fest: „Die Herausforderungen sind enorm! Zweieinhalb Jahre lang gab es keinen Präsidenten, alles war blockiert. Jetzt geht es zuerst darum, eine nationale Versöhnung in Gang zu setzen – und das scheint mir übrigens nicht schwierig zu sein –, dann geht es um die wirtschaftlichen Angelegenheiten. Die Staatsschulden sind extrem angestiegen. Und ein dritter Punkt betrifft die syrischen Flüchtlinge in unserem Land. Das sind eineinhalb Millionen Syrer und hinzu kommen noch eine halbe Million palästinensische Flüchtlinge. Die Hälfte der Bevölkerung im Libanon sind also Flüchtlinge“.

Die maronitischen Bischöfe hatten am 2. November bei ihrer monatlichen Tagung in Bkerke die Wahl von Präsident Aoun begrüßt und zugleich die Bildung einer „kompetenten Regierung“ gefordert. Die Wahl Aouns wurde von den Bischöfen als Beweis dafür bezeichnet, dass die Libanesen das Wohl des Landes verwirklichen können, wenn sie kleinliche Parteiinteressen beiseitelassen. Jetzt gehe es darum, den schönen Worten entsprechende Taten folgen zu lassen und insbesondere die staatlichen Institutionen vor „Klientenwirtschaft und Korruption“ zu bewahren.

Wer ist Aoun?

Michel Aoun, maronitischer Christ, wurde am 18. Februar 1935 in Haret Hreik geboren, einer Vorstadt von Beirut, die später zu einer Hochburg der „Hizbollah“ werden sollte. Nach dem Studium an der Militärakademie in Beirut wurde er Offizier und erreichte in seiner Karriere den Aufstieg zum jüngsten Oberbefehlshaber der libanesischen Armee im Alter von 48 Jahren. Im libanesischen Krieg verteidigte er beim Einmarsch der israelischen Truppen im Jahre 1982 den Präsidentenpalast Baabda. Nach der israelischen Invasion weigerte er sich, mit den israelischen Kommandeuren zusammenzuarbeiten.

Im September 1988 wurde General Aoun vom ausscheidenden Präsidenten Amin Gemayel zum Ministerpräsidenten bis zur Neuwahl ernannt. Diese Ernennung war nicht unumstritten, da das Amt der Ministerpräsidenten ja im „Pacte National“ für einen sunnitischen Muslim vorgesehen ist. Es gab allerdings einen Präzedenzfall: 1952 war General Fouad Chehab, ebenfalls Christ und Chef der Armee, nach dem Sturz von Bechara el-Khoury zum Interims-Premier ernannt worden, um die Wahl von Camille Chamoun zum Präsidenten zu ermöglichen. Aoun wurde aber nur in einem Teil des Landes als Ministerpräsident anerkannt. Der schiitische General Jabr Lotfi schlug - wie andere muslimische Persönlichkeiten - einen Eintritt in Aouns Kabinett aus. Demgegenüber versicherte der alte schiitische Verteidigungsminister Adel Osseiran Aoun seine Loyalität. Im Zuge der Massenproteste zugunsten Aouns hielten sich bis zu 10.000 christliche und muslimische Studenten und Jugendliche um den von Aoun besetzten Präsidentenpalast in Baabda auf, wo sie friedlich für den General demonstrierten.

Zum Ende des Libanon-Krieges führte Aouns Armee Kämpfe gegen die „Forces Libanaises“, eine christliche Miliz, und erklärte im Jahre 1989 den Krieg gegen Syrien, welches sich als Besatzungsmacht etablierte. 1989/90 kam es vor allem in den christlich kontrollierten Gebieten des Libanons zu Massenprotesten überwiegend junger, im Bürgerkrieg aufgewachsener Menschen für den teilweise auch bei muslimischen Libanesen damals ungeheuer populären "General", der die Rhetorik der antikommunistischen Bürgerbewegungen Osteuropas mit der der palästinensischen "Intifada" geschickt verknüpfte ("De Prague à Beyrouth - un seul combat pour la Liberte: Alexandre Dubcek - Michel Aoun").

Allerdings hatten im Herbst 1990 weder Israel noch die USA, mit denen sich Aoun überworfen hatte, ein Interesse an einem Sieg des Generals. Sie griffen deshalb nicht ein, als die syrische Armee und ihre libanesischen Alliierten im Oktober 1990 den Präsidentenpalast in Baabda stürmten und damit offiziell das Ende des 15-jährigen Bürgerkrieges einläuteten. Aoun ging als Flüchtling in die französische Botschaft und später nach Frankreich ins Exil und agitierte von dort aus bis zu seiner Rückkehr gegen die Besetzung des Libanons durch Syrien.

Nach dem Abzug der syrischen Truppen im April 2005 kam Aoun am 7. Mai 2005 aus einem 15-jährigen Exil zurück in den Libanon. Mit seiner neuen Partei, der "Patriotischen Freiheitsbewegung" (CPL), beteiligte er sich an den Parlamentswahlen. Die Partei CPL verfolgte im Prinzip die Ziele, die Aoun schon während des von ihm proklamierten „Befreiungskrieges“ vertreten hatte: einen von den Einflüssen anderer Mächte unabhängigen Libanon. Allerdings überraschte Aoun dabei Freunde und Gegner mit seinem Bündnis mit ehemals pro-syrischen Kräften (Michel Murr) und der „Hisbollah“ gegen den politischen Block der Hariri-Familie. (ende)