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Franz König

Pro Oriente

Neues Buch dokumentiert Dialog zwischen orthodoxen und orientalisch-orthodoxen Kirchen

Präsentation am Sitz des Weltkirchenrats in Genf, Herausgeberin ist die Schweizer orthodoxe Theologin Christine Chaillot – Nach Klärung der theologischen Kontroversen um die christologischen Definitionen des Konzils von Chalcedon geht es um die Wiederherstellung der „vollen kirchlichen Gemeinschaft“ zwischen den beiden Kirchenfamilien

Genf, 21.11.16 (poi) Das soeben vom Verlag der Theologischen Akademie von Volos (Griechenland) herausgebrachte Buch über den Dialog zwischen den (byzantinischen) orthodoxen Kirchen und den orientalisch-orthodoxen Kirchen wurde am Sitz des Weltkirchenrats in Genf präsentiert. Herausgeberin des Buches ist die Schweizer orthodoxe Theologin Christine Chaillot. Sie schilderte in Genf gemeinsam mit dem Repräsentanten des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel beim Weltkirchenrat, Erzbischof Job (Getcha), und dem Theologen Nikolaos Asproulis von der Akademie in Volos die Bedeutung des Sammelbandes für die Zukunft des Dialogs zwischen den beiden Kirchenfamilien. Das Ziel sei die endgültige Überwindung des Bruchs, der die beiden Kirchenfamilien seit dem Konzil von Chalcedon mit der theologischen Kontroverse über das Verhältnis von menschlicher und göttlicher Natur in Christus trenne. Es gehe um die Wiederherstellung der „vollen kirchlichen Gemeinschaft“.

Der inoffizielle Dialog zwischen den beiden Kirchenfamilien wurde 1964 aufgenommen (in den sechziger Jahren war an diesem Dialog auch ein damals junger armenisch-apostolischer Theologe aus Wien, der heutige emeritierte Erzbischof Mesrob Krikorian, beteiligt, der dann auch der Stiftung „Pro Oriente“ den Impuls zur Aufnahme des inoffiziellen Dialogs zwischen römisch-katholischen und orientalisch-orthodoxen Theologen gab). 1985 kam dann der offizielle theologische Dialog zwischen den orthodoxen und den orientalisch-orthodoxen Kirchen in Gang. Im Rahmen dieses Dialogs wurde 1993 in Chambesy festgestellt, dass beide Kirchenfamilien immer den authentischen Christus-Glauben in der „ungebrochenen Kontinuität der apostolischen Tradition“ treu bewahrt hätten, auch wenn sie christologische Begriffe in unterschiedlicher Weise gebrauchten. Der offizielle theologische Dialog zwischen den beiden Kirchenfamilien hat aber auch andere Fragen behandelt. So wurde festgestellt, dass „politische, soziologische, kulturelle, linguistische und sogar psychologische Faktoren“ bei der Trennung eine Rolle spielten. Auch diese Faktoren müssten behandelt werden, wenn man die volle kirchliche Gemeinschaft wiederherstellen wolle.

Mit dem Buch solle der Dialog zwischen den beiden Kirchenfamilien weithin bekannt gemacht werden, damit er nicht nur Sache von Theologen und Spezialisten bleibe, sondern auch das Volk Gottes erreiche, so Christine Chaillot. Darüberhinaus verstehe sich das Buch auch als Handreichung an andere Kirchen für deren eigene bilateralen ökumenischen Dialoge mit den orientalisch-orthodoxen Kirchen.

Nikolaos Asproulis unterstrich seinerseits, dass in dem 519-Seiten-Sammelband herausragende orthodoxe und orientalisch-orthodoxe Fachleute versucht hätten, die „schwierigen theologischen Fragen“ rund um das Konzil von Chalcedon des Jahres 451 und um die Zukunft des Dialogs „fruchtbar und kritisch“ aufzuarbeiten. Das Buch gliedere sich in vier Sektionen. Nach dem Vorwort des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. und der allgemeinen Einführung von Christine Chaillot werde zunächst die orthodoxe Sicht auf die historischen und theologischen Aspekte der Christus-Frage dargelegt, wie sie in Chalcedon gesehen wurde. Es werde aber auch über die „vergangenen und heutigen“ Hindernisse des Dialogs, seine Perspektiven und seine Zukunft reflektiert. In der zweiten Sektion erfolge die Darlegung des orientalisch-orthodoxen Standpunkts in Sachen Christologie, wobei die verschiedenen Traditionen (koptisch, syrisch, armenisch, äthiopisch usw.) zum Tragen kommen. In beiden Sektionen werde auch die Liturgie in den Blick genommen, da beide Kirchenfamilien – als Erbinnen der frühen Kirche – die Liturgie nicht als Aktion, sondern als Dienst am Aufbau des „Leibes Christi im Rahmen der Heilsökonomie“ sehen. Die dritte Sektion behandelt praktische Aspekte des Dialogs zwischen den beiden Kirchenfamilien vor allem im Kontext der Erfahrungen der Diaspora in den USA, in Frankreich, Schweden usw. Die vierte Sektion dokumentiert offizielle Stellungnahmen zum Dialog sowie Auszüge aus wichtigen theologischen Texten antiker und zeitgenössischer Autoren.

Das Verzeichnis der Autoren der Artikel in den vier Sektionen liest sich wie ein „Who is who“ der Theologie der beiden Kirchenfamilien. Auf orthodoxer Seite haben u.a. Metropolit Emmanuel (Adamakis) von Paris, Metropolit Hilarion (Alfejew) von Wolokolamsk, Metropolit Georges (Khodr) von Jbail (Byblos), Prof. John Behr (Saint-Vladimir’s), Prof. Pantelis Kalaitzidis (Volos) beigetragen, auf orientalisch-orthodoxer Seite u.a. Katholikos Aram I. von Kilikien, Bischof Mar Polycarpus Augin Aydin (Niederlande), Prof. P. Michael Findikyan (Saint-Nerses New Rochelle) usw.

Nach Ansicht von Nikolaos Asproulis zeichnen sich die Beiträge durch einen „irenischen und inklusiven“ Charakter aus, es werde eine umfassende historische, patristische und systematische Information über verschiedene Aspekte der christologischen Kontroverse gegeben, um den „polemischen Zugang“ der Vergangenheit zu überwinden. Die „inklusive“ Interpretation zeige sich auch im Geist der „Einheit in Verschiedenheit“, der in den Beiträgen zum Ausdruck komme. Vor allem einige Beiträge von orthodoxer Seite zeichneten sich auch durch eine selbstkritische Haltung aus, wenn Tendenzen wie „anti-ökumenische Trends, Fundamentalismus usw.“ beim Namen genannt werden, die die gegenseitige Anerkennung der beiden Kirchenfamilien verhindern. In den Beiträgen aller Autoren aus beiden Kirchenfamilien werde die feste Entschlossenheit deutlich, die von „verschiedenen außerkirchlichen Faktoren“ verursachten Probleme zu überwinden, die trotz der schon erreichten Übereinstimmung auf theologischer Ebene an der Wiederaufnahme der vollen kirchlichen Gemeinschaft hindern.

An der Präsentation des Buches am Sitz des Weltkirchenrats nahmen mit dem orthodoxen Metropoliten der Schweiz, Jeremias (Caligiorgis), und dem Direktor der Weltkirchenrats-Kommission für Glaube und Kirchenverfassung („Faith and Order“), Pfarrer Odair Pedroso Mateus, an der Spitze zahlreiche Persönlichkeiten aus der Ökumene und viele Studierende des Orthodoxen Zentrums des Ökumenischen Patriarchats in Chambesy teil. (Infos: Nikolaos Asproulis, E-Mail: asproulisnik@yahoo.gr). (ende)