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Franz König

Pro Oriente

„Verlust der spirituellen Werte“ führte zum Erfolg der Oktoberrevolution

Moskauer Patriarch Kyrill I. betont bei Eröffnung des traditionellen Weihnachts-Symposions an die Notwendigkeit einer „systematischen und ausgewogenen“ Untersuchung der Vorgänge von 1917 und ihrer Konsequenzen – Erinnerung an das Zeugnis der neuen Märtyrer soll die Erziehung der neuen Generationen prägen

Moskau, 28.01.17 (poi) Den Verlust der spirituellen Werte sieht der Moskauer Patriarch Kyrill I. als tiefste Ursache für den Erfolg der Oktoberrevolution. Bei der Eröffnung des 25. Internationalen Weihnachts-Symposions im Kreml, das heuer der Interpretation der russischen Umwälzungen vor 100 Jahren gewidmet ist. Wörtlich sagte der Patriarch. „Die Ereignisse von 1917 und ihre dramatischen Konsequenzen hatten zutiefst spirituelle Ursachen. Es geht nicht um das administrative oder politische Modell. Der fundamentale Bruch mit dem traditionellen Lebensmodell, mit der spirituellen und kulturellen Identität der Menschen wurde möglich, weil das tägliche Leben, vor allem das der Eliten, etwas Wesentliches verloren hatte: Den echten Glauben an Gott und das Bewusstsein der entscheidenden Bedeutung der Bewahrung der spirituellen und moralischen Werte“.
Die große Tragödie habe darin bestanden, dass das Volk mit „zweifelhaften populistischen Ideen“ vergiftet wurde, unterstrich der Patriarch. Man habe die Verfälschung der geschichtlichen Tradition des Volkes erlaubt, die eigenen Traditionen seien verachtet worden, die Menschen hätten sich in einander bekriegenden Fraktionen gesammelt und den politischen und sozialen Unterschieden den Vorrang vor der nationalen Einheit und dem kulturellen Zusammenhalt gegeben. Die Geschichte Russland in den letzten hundert Jahren verlange nach einem „systematischen und ausgewogenen Verständnis der Ursachen und Konsequenzen der Ereignisse“ auf der Basis „umfassender und ehrlicher Untersuchungen“.

Kyrill I. betonte, dass es in den Ereignissen von 1917 und der folgenden Jahrzehnte nicht nur viele Beispiele des Abfalls vom Glauben, des Verlustes der spirituellen Grundlagen und der Zurückweisung der christlichen moralischen Orientierung gegeben habe, sondern auch viele Beispiele des „aufopfernden Dienstes für Christus und seine Botschaft“. Auf dieser Grundlage sei es dann an der Wende zum 21. Jahrhundert zur Rückkehr vieler Menschen zu Gott, zu einer „spirituellen Wiedergeburt und Transformation des russischen Volkes“ gekommen. In diesem Zusammenhang erinnerte der Patriarch an die Auswirkungen der „geistlichen Taten“ der neuen Märtyrer, die in der Sowjetzeit für den christlichen Glauben gestorben seien. Die russisch-orthodoxe Kirche habe bisher 1.700 neue Märtyrer – Priester und Laien – heilig gesprochen.

Märtyrerkirche bei der Ljubianka

Dabei gehe es nicht in erster Linie um die Heiligsprechung, sondern darum, ihr Gedächtnis lebendig zu halten, ihr Erbe zu erforschen und die jungen Generationen im Respekt vor dem Zeugnis der neuen Märtyrer zu erziehen, so Kyrill I. Das Moskauer Patriarchat errichte viele Gotteshäuser, die den neuen Märtyrern geweiht sind. Demnächst werde eine solche Kirche auch in Moskau in unmittelbarer Nähe der Ljubianka entstehen, wo sich das Hauptquartier der kommunistischen Geheimpolizei mit ihren wechselnden Namen Tscheka, NKWD, GPU, KGB befand. Dieses Gotteshaus werde den Namen Auferstehung Christi-Kirche „auf dem Blut“ tragen.

Der „Schock des 20. Jahrhunderts“ lehre, dass der Wunsch nach Konsolidierung der Gesellschaft – und nicht der Trend zur Trennung nach sozialen, politischen oder anderen Interessen – die Basis jeglicher Veränderung bilden müsse, so der Patriarch. Wörtlich stellte Kyrill I. fest: „Wir können das menschliche Leben und die Gesellschaft nicht ohne Gott aufbauen. Gott-lose Gesellschaften sind nach den Worten der Heiligen Schrift ‚auf Sand gebaute Häuser‘“. Die Menschen könnten nur eine Nation werden, wenn sie mit gemeinsamen spirituellen und moralischen Werten leben, ihre Verbindung mit der Vergangenheit anerkennen und offen für eine Zukunft in Solidarität sind. Eine solche Gesellschaft sei imstande, Katastrophen zu vermeiden, wie sie Russland in den letzten hundert Jahren erleben musste. (forts)