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Die Ökumene muss
weitergehen!

Franz König

Pro Oriente

Treffen zwischen Papst Franziskus und Patriarch Kyrill hat die Ökumene vorangebracht

Schweizer Theologin Barbara Hallensleben analysiert die Wirkung des historischen Augenblicks von Havanna – „Es zeigt sich eine Theologie, die die nichttheologischen Faktoren der Trennung nicht einfach abtut, sondern in ihre Arbeit einbezieht“ – Wechselseitige Besuche von Papst und Patriarch in Moskau beziehungsweise Rom „in absehbarer Zeit vorstellbar“

Bern-Vatikanstadt, 14.02.17 (poi) Was bleibt von dem historischen Treffen zwischen Papst Franziskus und dem Moskauer Patriarchen Kyrill I. am 12. Februar 2016 in Havanna: Diese Frage stand im Mittelpunkt eines Studientags an der Schweizer katholischen Universität Fribourg am Sonntag, bei dem der Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch, und der Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats, Metropolit Hilarion (Alfejew), die Hauptreferate hielten. Eine Antwort auf die Frage nach den bleibenden Folgen des historischen Augenblicks von Havanna formulierte im Gespräch mit „Radio Vatikan“ die Dogmatik-Ordinaria an der Universität Fribourg, Prof. Barbara Hallensleben, eine der Organisatorinnen des Treffens vom Sonntag: „Wahrscheinlich mehr noch als konkrete Ereignisse ist wichtig, dass sich die Atmosphäre geändert hat“. Sowohl Kardinal Koch als auch Metropolit Hilarion hätten aber auch konkrete Ergebnisse angesprochen, so die Theologin: „Es geht um eine Ökumene der Heiligen, eine kulturelle Ökumene und das, was die beiden die Ökumene der praktischen Zusammenarbeit genannt haben, die bis auf die politische Ebene geht. Hier wird die internationale politische Lage angesprochen, die Vertreibung der Christen aus Syrien und anderen Kernländern des ursprünglichen Christentums“. Durch gemeinsame Appelle und gemeinsame Hilfe für die bedrohten Christen werde die Ökumene vorangebracht.

„Was mich lange als Theologin beschäftigt hat, war die Frage, ob das nicht eine Art Ausweichen aus der Theorie in die Praxis ist, aus der Glaubenslehre in eine einfache soziale Zusammenarbeit", bekennt die Professorin, die auch als Konsultorin des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen wirkt: „Wenn ich aber die Texte jetzt lese und höre, was hier geschieht, scheint mir genau umgekehrt eine neue Art Theologie zu entstehen. Eine Theologie, die die nichttheologischen Faktoren der Trennung nicht einfach abtut, sondern sie in ihre Arbeit einbezieht, eine Theologie, die sich hier und heute engagiert, um den Glauben zu leben und Christus nachzufolgen“.

Es gebe viel Misstrauen und wechselseitiges Nichtwissen voneinander, so Hallensleben; dem versuchten die Dimensionen der Ökumene der Heiligen, also des Kennenlernens religiöser Traditionen, und die kulturelle Ökumene entgegen zu wirken. „Natürlich gibt es sowohl in der katholischen Kirche als auch in der russisch-orthodoxen Kirche gewisse Kreise, wo sehr viel Skepsis herrscht. Etwa bei den Katholiken gegenüber der Öffnung, für die Papst Franziskus steht, aber auch in der orthodoxen Kirche gibt es Skepsis gegenüber dem, was Patriarch Kyrill als Brückenschlag zur katholischen Kirche vollzieht“, stellt die Schweizer Theologin fest. Aber es sei zu schade, sich auf diese Beharrungskräfte und Widerstände zu konzentrieren. Wichtiger, zugleich auch schwieriger zu überwinden seien die verbreitete Unkenntnis und die Fehlinformationen: „Das kann man nicht in Grundsatzerklärungen in einem Schritt überwinden, sondern man braucht sehr viel Zeit und Geduld, man braucht Begegnung, man braucht neue und positive Erfahrungen, die die alten negativen Erfahrungen und Elemente des Misstrauens mehr und mehr ersetzen“. Darum solle die Initiative von Havanna einerseits auch in Zukunft fortgesetzt werden, andererseits aber auch in die Ortskichen eingebracht werden, etwa durch Austausch von Studenten oder durch das Erlernen der jeweiligen Sprachen, betonte Prof. Hallensleben.

Die große Frage im Hintergrund sei immer, ob denn in absehbarer Zeit einmal ein Papst auch nach Russland werde reisen können. Die Theologin wagt keine Prognose, findet aber die dezentral stattfindenden Jahrestage von Havanna im Prinzip nicht weniger wichtig als eine solche Reise. Aber sie könne sich Besuche von Papst Franziskus in Moskau und von Patriarch Kyrill in Rom „in absehbarer Zeit“ vorstellen.

Russischer Vatikan-Botschafter hoffnungsvoll

Auch der russische Vatikan-Botschafter Alexander Awdejew sagte im Gespräch mit katholischen Journalisten, ein Papstbesuch in Russland sei vorstellbar. Ein russischer Bischof habe ihm kürzlich gesagt, dass jeder Tag „uns ein bisschen mehr dieser Begegnung annähert“. Es gebe zwar noch keinen Termin, aber der Grundsatz ist da.

Awdejew betonte, dass das Havanna-Treffen tatsächlich von historischer Bedeutung gewesen sei, „weil es eine Premiere war, aber auch wegen seinem Kontext“. Wörtlich meinte der Diplomat: „Wir waren damals mit einem veritablen Genozid an den Christen des Nahen Ostens konfrontiert. Zwischen 300 und 350 Christen wurden täglich durch die Extremisten getötet: Katholiken, Orthodoxe, orientalisch-orthodoxe Christen… In Anbetracht des drohenden totalen Verschwindens der Christen in diesem Teil der Welt, was die Natur des Nahen Ostens – der Heimat des Christen – verändert hätte, konnten die beiden Oberhäupter der größten Kirchen der Welt nicht unbeteiligt bleiben“. Der erste Schritt sei immer schwierig, aber er sei überzeugt, dass es weitere Treffen geben wird, so Awdejew.

Papst und Patriarch hätten ihre religiösen und theologischen Differenzen beiseitegelegt und damit die öffentliche Meinung weltweit bewegt, unterstrich der russische Botschafter. Alle hätten zu verstehen begonnen, dass die Hauptbedrohung von den Dschihadisten ausging, und dass die Bevölkerung das Opfer war, in erster Linie die Christen. Nach dem gemeinsamen Appell von Papst und Patriarch sei die Suche nach einem gemeinsamen Vorgehen viel intensiver geworden.

Auch in Russland habe die große Mehrheit die gemeinsame Erklärung von Havanna sehr positiv aufgenommen. Natürlich sei Russland ein komplexes Land, „wir haben unsere Konservativen, die immer gegen Kontakte mit den Katholiken sein werden“. Aber das seien nur wenige Leute. Papst Franziskus und seine Art, den Frieden zu fördern, werde in Russland generell sehr geschätzt.

Als „sehr gut“ schätzte Awdejew die Beziehungen zwischen Papst Franziskus und Präsident Putin ein. Es habe schon zwei persönliche Begegnungen gegeben, auch telefonische Kontakte, insbesondere am 80. Geburtstag des Papstes. Das Gespräch habe 25 Minuten gedauert, es sei um die Situation in der Welt gegangen. Allgemein seien die bilateralen Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und Russland „ausgezeichnet“. Aktuell finde etwa in Moskau die größte Ausstellung von Bildern aus dem Vatikan statt. Ende des Jahres werde umgekehrt im Vatikan eine Ausstellung von biblischen Sujets in der russischen Malerei gezeigt werden. Nicht zu vergessen sei die Zusammenarbeit innerhalb der UNO. So sei eine Resolution zur Rettung der Christen im Nahen Osten vom Heiligen Stuhl und Russland ausgegangen. (ende)