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Franz König

Pro Oriente

„Der Islam verträgt sich mit dem religiösen Pluralismus“

Jüngste interreligiöse Al-Azhar-Konferenz betonte im Schlussdokument, dass das Prinzip der staatsbürgerlichen Gleichheit dem Islam nicht fremd sei – Keine Diskriminierung der Nichtmuslime

Kairo, 05.03.17 (poi) Der Islam verträgt sich mit dem religiösen Pluralismus: Der Großimam der Al-Azhar-Universität in Kairo, Ahmed al-Tayyeb, hat es in feierlicher Weise zum Abschluss des interreligiösen internationalen Kongresses bekräftigt, der sich in der ägyptischen Hauptstadt auf Einladung der islamischen Universität mit Fragen der Laizität des Staates, der Gleichheit der Staatsbürger vor dem Gesetz sowie dem „Respekt für die Diversität“ beschäftigt hatte. Das Prinzip der staatsbürgerlichen Gleichheit sei dem Islam nicht fremd, sondern Teil seiner Grundlagen, so der Großimam. Im Staat gebe es auf der Grundlage der Verfassung das Prinzip der Gleichheit der Rechte und Pflichten von Muslimen und Nichtmuslimen.

In der Schlusserklärung des Kongresses – an dem auch christliche Spitzenrepräsentanten aus Politik und Kirche teilgenommen hatten – wurde jede Form der Gewaltanwendung im Namen der Religion verurteilt. Ebenso wurde jede Diskriminierung zwischen Nichtmuslimen und Muslimen zurückgewiesen. U.a. wird in der Schlusserklärung darauf verwiesen, dass das „Konzept der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung“ im Islam verwurzelt sei. Es finde sich bereits in der Zeit Mohammeds in Medina und den Verträgen, die die Beziehungen zwischen Muslimen und Nichtmuslimen regelten. Daher handle es sich nicht um einen „Import“ aus dem Westen, sondern um eine Aktualisierung der Praxis der ursprünglichen islamischen Gesellschaft. Diese Praxis habe keinerlei Diskriminierung vorgesehen, sondern sei von der Gleichheit der Rechte und Pflichten ausgegangen. Daher würden die arabischen und islamisch geprägten Gesellschaften ein reiches Erbe des Zusammenlebens im Kontext einer von „Diversität, Pluralismus und gegenseitiger Anerkennung“ charakterisierten Gesellschaft besitzen. Die Anerkennung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung bedeute zugleich eine Verurteilung jener, die „im Gegensatz zur islamischen Sharia auf der Diskriminierung zwischen Muslimen und Nichtmuslimen bestehen“. Der wichtigste Faktor des Miteinanders sei der auf der Verfassung beruhende Staat, der sich auf die Prinzipien der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung und des Rechtsstaates stütze.

Die christlichen und muslimischen Teilnehmenden des Kongresses an der Al-Azhar betonten zugleich, dass die Religionen keine Schuld am Terrorismus in all seinen Formen tragen. Die Verteidigung der Bürger, ihres Lebensrechtes, ihres Eigentums, ihrer Freiheit und „aller anderen Rechte, die ihnen auf Grund ihrer Würde zukommen“, sei Aufgabe des Staates.

Der Kongress unter dem Titel “Freiheit und Bürgerschaft, Diversität und Integration” besiegelte eine Entwicklung, die an der Al-Azhar 2012 mit einem Dokument unter dem Titel „Die bürgerliche Gleichberechtigung und die Zukunft Ägyptens“ begonnen hatte. Ahmed al-Tayyeb hatte damals betont, dass der Islam nicht den religiösen, sondern den zivilen Staat unterstütze. 2014 folgte ein Dokument, in dem ausdrücklich auch auf die Religions- und Gewissensfreiheit Bezug genommen wurde. Schließlich betonte der Großimam am 13. Jänner in seinem allwöchentlichen TV-Auftritt am Freitag, die Kopten, die ägyptischen Christen, seien keine „dhimmi“ ( „Schutzbefohlene“, in der klassischen islamischen Definition die Christen als Bürger zweiter Klasse), sie dürften auch nicht als „Minderheit“ angesehen werden, weil diese Bezeichnung einen „negativen Beigeschmack“ habe. Allerdings wurde jetzt von islamischen und christlichen Teilnehmenden bedauert, dass beim jüngsten Kongress die ausdrückliche Bezugnahme auf den zivilen und laikalen Staat sowohl in den Ausführungen al-Tayyebs als auch in der Schlusserklärung gefehlt habe. Weiterhin sei nur vom „vaterländischen Staat“ (dawla watania) die Rede gewesen, nicht von einem Staat, in dem alle Religionen im Rahmen des Prinzips der „Staatsbürgerschaft“ auf gleicher Ebene stehen.

Der ägyptische Präsident Abd-el-Fattah al-Sisi würdigte aber die Rolle der Religionsführer in den arabischen Staaten, die in der heutigen historischen Epoche eine besondere Verantwortung hätten, wenn es darum gehe, das Prinzip der „Staatsbürgerschaft“ zu verbreiten. Auch seien sie wichtig, um falsche Auslegungen der Heiligen Bücher abzulehnen, die „extremistische Bewegungen und Terrororganisationen ihren Machtplänen zugrunde legen“, betonte er am Donnerstag bei einer Begegnung mit dem maronitischen Patriarchen, Kardinal Bechara Boutros Rai, und dem chaldäischen Patriarchen Mar Louis Raphael Sako.

Weniger Freude lösten bei der Konferenz – an der u.a. auch der frühere libanesische Präsident Amin Gemayel, ein maronitischer Christ, teilnahm – Bemerkungen von Ahmed al-Tayyeb aus, dass auch “das Judentum und das Christentum“ eine „von Gewalt geprägte Geschichte” hätten und alle Religionen zu „Komplizen der Gewalt“ geworden seien. Der Großimam erinnerte ausdrücklich an die Kreuzzüge, aber auch an die jüngsten Balkankriege und die dort verübte Gewalt gegen bosnische Muslime und lehnte es ab, dass „nur der Islam auf der Anklagebank sitzt“, wenn es um religiöse Gewalt geht. Zugleich betonte er aber, dass das gegenseitige Misstrauen unter den Vertretern der verschiedenen Religionen “keine Existenzberechtigung mehr hat”. Wenn diejenigen „nicht untereinander Frieden schließen, die diesen predigen, kann der Frieden auch nicht an die anderen weitergegeben werden”. (ende)