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Franz König

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Al-Azhar-Tagung ein „mutiger Durchbruch“

Applaus aus dem Libanon für die Tagung, die für gleiche Rechte von Christen und Muslimen plädierte - Maronitischer Patriarch: Das Wort „Minderheit“ muss jetzt aus dem Vokabular gestrichen und durch den Begriff „Bürgerschaft“ ersetzt werden

Beirut, 06.03.17 (poi) Als „mutigen Durchbruch“ hat der maronitische Patriarch, Kardinal Bechara Boutros Rai, die in der Vorwoche abgehaltene interreligiöse Al-Azhar-Tagung über „Freiheit und Bürgerschaft, Diversität und Integration“ bezeichnet. Bei der Tagung in Kairo mit 260 christlichen und muslimischen Teilnehmenden sei in „so umfassender Weise wie noch nie in der arabischen Welt“ über die Gestaltung des zivilen Staates diskutiert worden, der all seinen Bürgern – unabhängig von Religionsbekenntnis und ethnischer Zugehörigkeit – gleiche Rechte sichert. Der Patriarch betonte, er sei erfreut, dass man bei dem Kongress eine „gemeinsame Sprache“ gefunden habe, „die Sprache einer Welt, die Atemluft braucht, Freiheit, Diversität und Komplementarität“. Besonders bedeutsam sei für ihn, dass jetzt das Wort „Minderheit“ aus dem Vokabular gestrichen werden müsse und durch „Bürgerschaft“ zu ersetzen sei.

Alle diese Fragen habe er auch ausführlich im persönlichen Gespräch mit dem ägyptischen Staatschef Abd-el-Fattah al-Sisi und mit dem koptisch-orthodoxen Papst-Patriarchen Tawadros II. diskutieren können, berichtete Kardinal Rai in Beirut. Der notwendige Verzicht auf das Denken in Mehrheiten und Minderheiten sei der Preis für die Rettung der arabischen Welt und der arabischen Kultur, die von Muslimen und Christen gemeinsam aufgebaut worden sei. Nach seinem Eindruck sei sich Präsident al-Sisi dieser Sachlage sehr bewusst. Durch die innere Solidarität von Muslimen und Christen könne man den Fanatismus, die Gewalt und die im Namen der Religion begangenen Verbrechen wirksam bekämpfen.

Die Al-Azhar-Tagung sei für die islamisch-christlichen Beziehungen aber auch für das innerislamische Verhältnis von außerordentlicher Bedeutung gewesen, betonte der maronitische Patriarch. Er habe sich in Kairo wie zu Hause gefühlt, das Interesse für das libanesische Modell sei überaus groß gewesen, „das ist für uns Libanesen ein Grund für Stolz und Freude“.

Ähnlich wie der Patriarch äußerten sich auch andere libanesische Teilnehmer der Al-Azhar-Tagung. So bezeichnete Prof. Antoine Courban, der an der Universite Saint-Joseph in Beirut lehrt, die Tagung als „wichtige Etappe auf dem Weg der Reform des islamischen Denkens“. Von besonderer Bedeutung sei auch gewesen, dass Großimam Ahmed al-Tayyeb – gegen den Widerstand eines Teils des Universitäts-Establihments – die Schlusserklärung selbst verlesen habe. Damit habe die Erklärung den Charakter einer feierlichen religiösen Verpflichtung gewonnen. Die Tagung bedeute auch, dass der „mediterrane Islam“ über den „Islam der Arabischen Halbinsel“ die Oberhand gewinne.

Antoine Messarra, Mitglied des libanesischen Verfassungsrates, wertete die Al-Azhar-Tagung als „außerordentliches Ereignis“, mit einem „neuen und kompromisslosen Vokabular“, das auf „Feindseligkeiten“ verzichtet. Die entscheidende Neuigkeit bestehe darin, dass die Begriffe „Minderheit“ und „islamischer Staat“ verschwunden seien. Man habe erkannt, dass der Pluralismus mit dem arabischen Verfassungserbe „völlig vereinbar“ ist, stellte Prof. Messarra unter Verweis auf die frühislamische Verfassung von Medina fest.

Die libanesische Präsenz in Kairo sei sehr wichtig gewesen, so Messarra. Die Libanesen hätten als einheitliche Gruppe agiert und die Realität des libanesischen Modells dargestellt, die im Gegensatz zum heutigen medialen Islam-Diskurs stehe. Dieser Diskurs sei auf die Schreckenstaten der Terroristen fixiert und nähre die Idee einer erdrückenden Übermacht des radikalen Islamismus. In Kairo sei diese Perspektive umgekehrt worden, der moderate Islam sei in den Vordergrund getreten, während der radikale Islam in seiner ganzen pathologischen Dimension sichtbar wurde.

„Syrien sollte sich Beispiel am Libanon nehmen“

Das kriegsgeschüttelte Syrien sollte sich den Libanon zum Vorbild nehmen und dessen Verfassung einführen. Das betonte der Vertreter des maronitischen Patriarchats beim Heiligen Stuhl, Msgr. Francois Eid, im Gespräch mit „Radio Vatikan“. Konkret bedeute das libanesische Modell: Jede Religionsgemeinschaft und Volksgruppe muss im Parlament vertreten sein, und es gilt das demokratische Prinzip, dass die politische Mehrheit regiert, aber die Opposition nicht verfolgt wird.
Zwar habe auch der Libanon viele Krisen durchgemacht und leide auch derzeit an wirtschaftlichen und vor allem politischen Schwierigkeiten, so Eid, doch sei er die einzige Demokratie in der Region, in der das Zusammenleben von Christen und Muslime funktioniere. Obwohl der kleine Libanon nur 4,5 Millionen Einwohner hat, seien 1,5 Millionen Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen worden. Darum bedeute die Anwesenheit der Flüchtlinge aus dem Nachbarland eine große Belastung für die libanesische Gesellschaft, vor allem für die Christen.

„Die Christen im Libanon zahlen derzeit einen hohen Preis“, sagte Eid: „Doch allgemein fühlen sich alle Libanesen – egal ob Christen oder Muslime – geeint, und das stellen wir trotz der Entwicklung zum Schlimmeren fest. Unsere Verfassung garantiert allen 18 anerkannten Religionsgemeinschaften weiterhin ihren Status. In den muslimisch geprägten Ländern in der Region genießen die Christen kein solches Recht“.

Der maronitische Repräsentant unterstrich das hohe Ansehen des Papstes im Nahen Osten: „Wenn er zu den Menschen im Nahen Osten spricht, dann betont der Papst immer, dass wir alle Kinder des einen Gottes sind. Wir sind Geschwister und können problemlos miteinander leben, so lautet die Botschaft des Papstes. Wir sind verschieden, sollten diese Unterschiede aber als Bereicherung und nicht als Trennung betrachten“. Die Politiker im Nahen Osten – nicht nur im Libanon oder in Syrien – sollten ebenfalls mehr auf die konkreten Probleme der Menschen schauen, statt das Trennende zu akzentuieren. Leider gelte weiterhin die Religionszugehörigkeit als der Hauptgrund für politische Entscheidungen im gesamten Nahen Osten, bedauerte Eid. Dabei seien Armut und Bildungsnotstand die größten Probleme, nicht die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft. Dies anzuerkennen wäre schon ein großer Fortschritt. (ende)