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Franz König

Pro Oriente

„Die Christen der Ninive-Ebene resignieren nicht“

Solidaritätsbesuch der italienischen Sektion des Hilfswerks „Kirche in Not“ mit dem Bischof von Carpi an der Spitze – Bischof Cavina wird am 2. April Papst Franziskus über seine Impressionen aus den befreiten und zerstörten Orten der Ebene berichten

Erbil, 08.03.17 (poi) „Die Christen der Ninive-Ebene sind Menschen der Hoffnung, die nicht resignieren“: Dies betonte der Bischof von Carpi (Italien), Francesco Cavina, im Gespräch mit der italienischen katholischen Nachrichtenagentur SIR am Dienstag. Cavina hatte eine Journalistendelegation der italienischen Sektion des Hilfswerks „Kirche in Not“ bei einem Solidaritätsbesuch in den zerstörten Kleinstädten und Dörfern der Ninive-Ebene begleitet; es war bereits Cavinas dritter Solidaritätsbesuch bei den Christen in der autonomen kurdischen Region des Irak. Am 2. April kommt Papst Franziskus nach Carpi, um den beim Erdbeben in der Emilia im Jahr 2012 schwer beschädigten und jetzt wiederhergestellten Dom zu segnen. Auch den Papst will Bischof Cavina über seine Impressionen aus der Ninive-Ebene informieren.

Die Journalistendelegation unter Leitung des Nationaldirektors der italienischen „Kirche in Not“-Sektion, Alessandro Monteduro, hatte die aus der Hand der IS-Terroristen befreiten Orte sowohl im kurdisch besetzten Teil der Ebene als auch im von irakischen Regierungstruppen kontrollierten Teil besucht. Über die Situation im irakisch kontrollierten Teil hatte es zuletzt Besorgnis erregende Berichte über Aktionen der „Al-Hashd ash Sha’abi“ (Volksmobilmachung) gegeben, einer von der Regierung in Bagdad geförderten Dachorganisation aus 40 fast ausschließlich schiitischen Milizen.

Der chaldäisch-katholische Erzbischof von Erbil, Bashar Matti Warda, sagte der italienischen Delegation, eine Umfrage unter 1.500 Familien von vertriebenen Christen in Erbil im Vormonat habe düstere Ergebnisse erbracht: 57 Prozent der Befragten gaben an, dass ihre Häuser in der Ebene von den IS-Terroristen ausgeraubt wurden, 42 Prozent sagten, dass die Wohnstätten auch zerstört oder niedergebrannt worden seien. Von den Kirchengebäuden sind nach Angaben des Erzbischofs 90 Prozent von den Terroristen entweder schwer beschädigt oder zerstört worden.

Sehr betroffen waren die Journalisten, als sie in Bartella neben der syrisch-orthodoxen Simeonskirche den Friedhof sahen, auf dem alle Gräber geschändet waren, in einem Grab steckte eine nicht explodierte Rakete. Im Hof der Kirche weist die Statue eines orthodoxen Patriarchen schwere Beschädigungen auf: Die Gesichtszüge wurden sichtlich mit einem Hammer bearbeitet, die Hände abgehackt. Das gleiche Bild der von den islamistischen Terroristen geschändeten Ikonen und Statuen begleitete die Delegation auch in anderen Orten der Ebene. An vielen heiligen Bildern zeigt sich, dass sie als Zielscheiben für Schießübungen der Terroristen missbraucht worden sind.

Bischof Cavina zelebrierte in den Ruinen der syrisch-katholischen Marienkirche in Qaraqosh (Baghdida) die Heilige Messe. Aus der Ebene stammende Priester konzelebrierten. Einer der Priester, Jalal Yako, sagte, trotz des leidvollen Anblicks der zerstörten Kirche sei er bewusst in die Stadt mitgekommen, „das ist meine Heimat“. Im benachbarten Qaramles wurde die sterbliche Hülle einer 82-jährigen Frau auf dem geschändeten Friedhof beigesetzt. Im August 2014 war sie mit ihrer Familie beim Überfall der IS-Terroristen nach Erbil geflüchtet, aber ihr letzter Wille war ausdrücklich die Beisetzung auf dem Heimatfriedhof. In Qaramles verharrte die italienische Delegation im Gebet vor dem Grabmal des am 3. Juni 2007 – zusammen mit drei Subdiakonen – vor der Heiligengeistkirche in Mosul ermordeten jungen chaldäisch-katholischen Priesters Ragheed Aziz Ganni. Das Grabmal Gannis in der chaldäisch-katholischen Kirche Mar Addai in Qaramles ist von den IS-Terroristen während ihrer Herrschaft schwer beschädigt worden, der Gedenkstein wurde in Stücke gehauen. Einer der Priester übersetzte die IS-Slogans an den Kirchenmauern (wie „So Gott will, werden wir bald in Rom einmarschieren“).

Schließlich fuhr die Gruppe nach Batnaya, das meistzerstörte Städtchen der Ninive-Ebene, und nach Telskof, wo mittlerweile 170 christliche Familien zurückgekehrt sind, weitere 600 Familien haben ihre Entschlossenheit zur Rückkehr betont. Vor kurzem hatte auch der Linzer Bischof Manfred Scheuer, Präsident der Kardinal-König-Stiftung, mit einer kleinen österreichischen Delegation den beiden Orten im kurdisch kontrollierten Gebiet einen Solidaritätsbesuch abgestattet. Bischof Scheuer konzelebrierte mit dem chaldäisch-katholischen Patriarchen Mar Louis Raphael Sako in der Hauptkirche von Telskof. Hunderte Christen waren eigens zu diesem Anlass aus Erbil in ihre Heimatstadt gekommen. Gemeinsam mit dem Patriarchen segnete der Linzer Bischof auch das große Metallkreuz auf einem Hügel über Telskof, das mit seiner Beleuchtung in der Nach ein unübersehbares Signal in die Ebene ausstrahlt. Als die italienische Delegation nach Telskof kam, waren die Bewohner immer noch tief bewegt vom Wort des chaldäischen Patriarchen bei der Segnung des Kreuzes: „Dieses Kreuz sagt der Welt, dass das unser Land ist. Hier sind wir geboren und hier werden wir sterben“.

Die IS-Terroristen hatten im Juni 2014 zunächst die Millionenstadt Mosul besetzt, dann überfielen sie in den Nachtstunden des 6. August die Städtchen und Dörfer der Ninive-Ebene. Die Christen wurden von den Terroristen vor die Wahl zwischen Flucht, Bezahlung der Sondersteuer „Dschizya“ oder Konversion zum Islam gestellt. Am 17. Oktober 2016 begannen die kurdischen „Pesh Merga“, die irakische Regierungsarmee und verschiedene Milizen mit der Befreiung der Ninive-Ebene. Militärisch ist die Befreiung weitgehend abgeschlossen, allerdings gibt es nach wie vor viele Sprengfallen sowohl in den Hausruinen als auch auf freiem Feld. Auch die politische Zukunft der Region ist nicht geklärt. (ende)