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Franz König

Pro Oriente

Jerusalem: Kapelle über dem Heiligen Grab wird wiedereröffnet

Bei der schlichten Zeremonie am 22. März wird wahrscheinlich auch der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. anwesend sein – Restaurierungsarbeiten an der „Aedicula“ wurden durch die erste Übereinkunft zwischen Katholiken, Orthodoxen und Armeniern seit dem „Status quo“ des 19. Jahrhunderts ermöglicht

Jerusalem, 14.03.17 (poi) Die Restaurierungsarbeiten am Heiligen Grab in der Grabeskirche („Anastasis“) zu Jerusalem nähern sich dem Ende. Die Wiedereröffnung der „Aedicula“, der Kapelle über dem Heiligen Grab (deren heutige Gestalt im Stil des osmanischen Spätbarock auf das Jahr 1809/10 zurückgeht), wird bei einer schlichten Zeremonie am 22. März erfolgen. Dabei werden der griechisch-orthodoxe Patriarch Theophilos III., der armenisch-apostolische Patriarch Nourhan Manougian und der Administrator des lateinischen Patriarchats, Erzbischof Pierbattista Pizzaballa, gemeinsam auftreten. Nach Angaben der katholischen Nachrichtenagentur „AsiaNews“ wird auch der Patriarch von Konstantinopel, Bartholomaios I., anwesend sein. Es sind drei Gesänge – je einer aus jeder Tradition – vorgesehen, kurze Ansprachen der drei geistlichen Oberhäupter und das gemeinsame Vater unser-Gebet, wobei jeder in seiner Sprache beten wird.

Die Restaurierungsarbeiten an der „Aedicula“-Kapelle hatten im Mai 2016 begonnen. Die Kapelle wurde von den Stahltraversen befreit, mit denen sie 1947 von den britischen Mandatsbehörden abgesichert worden war, um die Auswirkungen des katastrophalen Erdbebens von 1927 in den Griff zu bekommen. Weitergehende Restaurierungsarbeiten waren geplant, konnten aber aus ökumenischen (Uneinigkeit zwischen Katholiken, Orthodoxen und Armeniern) und politischen (Ende des britischen Mandats, Teilung Palästinas) Gründen nicht vollendet werden. Der provisorische Zustand von 1947 blieb Jahrzehnte hindurch erhalten. Erst nach Geheimverhandlungen in Athen im März 2016 wurde eine Übereinkunft erzielt, die eine Aufnahme gründlicher Restaurierungsarbeiten möglich machte. Es war die erste Übereinkunft über die „Anastasis“ seit der Vereinbarung über den „Status quo“ von 1857, einem Meisterwerk der osmanischen Diplomatie. Die Drohung der israelischen Behörden, die „Anastasis“ wegen Einsturzgefahr der Grabkapelle zu schließen, soll wesentlich zu den vertraulichen Verhandlungen in Athen beigetragen haben.

Die Restaurierung der Grabkapelle hat nach Ansicht von P. Francesco Patton (er ist der franziskanische „Kustos des Heiligen Landes“) einen hohen symbolischen und ökumenischen Wert. Dass die Arbeiten im Einverständnis von Katholiken, Orthodoxen und Armeniern erfolgten, "sei ein bedeutendes Zeichen für die ganze Christenheit, weil es zeigt, dass wir zusammenarbeiten können". Es handle es sich um die ersten Instandsetzungsarbeiten in Jerusalem, die Katholiken, Orthodoxe und Armenier gemeinsam tragen. Damit sei es gelungen, "den Pilgern die wichtigste Heilige Stätte der Christenheit in besserer Weise zurückzugeben". Mit Blick auf die von den verantwortlichen Restauratoren der Technischen Universität Athen vorgeschlagenen Folgeprojekte sagte P. Patton, hierzu sei ein erneutes Abkommen zwischen den drei beteiligten Konfessionen nötig. Der Franziskaner zeigte sich nach der guten Zusammenarbeit bei den ersten Arbeiten zuversichtlich, dass "in nicht allzu langer Zeit" ein weiteres Abkommen geschlossen werden könne.

Ziel der im März 2016 vereinbarten Arbeiten war eine umfassende Konsolidierung der Strukturen der Kapelle, die auch erdbebensicher gemacht wurden. Trotz der Arbeiten war der Zugang für die Pilger immer gesichert: Das Heilige Grab, der überlieferte Ort der Grablegung Jesu nach der Kreuzigung, ist die bedeutendste Stätte der „Anastasis“. Die Leiterin der Restaurierungsarbeiten, Prof. Antonia Moropoulou von der Technischen Universität Athen, erinnerte in einem Journalistengespräch an die „historischen Momente“ bei der Renovierung und nannte dabei insbesondere die Öffnung des Grabes Jesu im Oktober des Vorjahrs. Am 26. Oktober 2016 wurde die Marmorplatte über dem Grab für 60 Stunden zwecks wissenschaftlicher Untersuchung entfernt, um die ursprüngliche Felsoberfläche begutachten zu können, auf die Christi Leichnam der Überlieferung nach abgelegt worden war. Es war erst die dritte Öffnung des Grabes im Lauf der Geschichte. Alle Beteiligten seien zutiefst berührt gewesen: „Es wurde uns bewusst, dass dieses leere Grab ein lebendiges religiöses Monument ist, an dem ständig Menschen aus aller Welt beten, jedes Jahr kommen Millionen von Pilgern“.

Die Grabeskirche – die von den östlichen Christen Auferstehungskirche („Anastasis“) genannt wird – wurde ursprünglich von Kaiser Konstantin ab dem Jahr 326 errichtet, nachdem seine Mutter – die Heilige Helena – die Orte der Passion Jesu in Jerusalem gefunden hatte. In der Folgezeit wurde die „Anastasis“ immer wieder halb zerstört und wieder aufgebaut, sie ist bis heute einer der wichtigsten Pilgerorte der Welt. Die erste schwere Beschädigung der Basilika erfolgte im Zug des persisch-römischen Kriegs im Jahr 614. Im Jahr 1009 kam es auf Grund einer Anordnung des geistesgestörten Fatimiden-Kalifen al-Hakim zu einer weitgehenden Zerstörung der „Anastasis“ samt dem Heiligen Grab. Der Vorgang war ein auslösendes Moment für den Ersten Kreuzzug.

Die Restaurierung des Heiligen Grabes hat nach übereinstimmenden Angaben die drei beteiligten Konfessionen – Katholiken, Orthodoxe, Armenier – einander näher gebracht. Dieser Weg habe schon mit der gemeinsam unternommenen Restaurierung der Geburtsbasilika in Bethlehem begonnen, zitiert „AsiaNews“ den Franziskanerpater Sinisa Srebrenovic, der Mitglied des Rates der Franziskanischen Kustodie des Heiligen Landes ist. Es gebe auch ein weiteres gemeinsames Projekt für die Sanierung des Fußbodens der „Anastasis“. Diese gemeinsamen Anstrengungen hätten einen „tiefen spirituellen Wert“, der die „Einheit und Zusammenarbeit“ trotz aller Schwierigkeiten stärkt, so P. Srebrenovic. Wenn das Heilige Grab gerade zu Ostern, das heuer von allen christlichen Kirchen an einem gemeinsamen Datum – 16. April – begangen wird, wieder in seinem Glanz erstrahle, dann sei das auch ein „geistliches Zeichen“. Die Restaurierung des Heiligen Grabes sei aber auch ein Appell an die Christen in aller Welt, betonte P. Srebrenovic: „Kommt nach Jerusalem, habt keine Angst. Es gibt keine wirklichen Gefahren, die Präsenz der Gläubigen aus aller Welt ist wichtig für die christliche Gemeinschaft des Heiligen Landes, die nicht aus Museen und archäologischen Funden besteht, sondern aus lebendigen Steinen“.

Die Kosten für die Restaurierungsarbeiten an der „Aedicula“-Kapelle in Höhe von insgesamt rund 3,3 Millionen Dollar tragen die katholische, die griechisch-orthodoxe und die armenisch-apostolische Kirche gemeinsam. An der Finanzierung beteiligten sich viele Sponsoren, vor allem aus dem griechischen und russischen Raum. Im April des Vorjahrs stellte auch der jordanische König Abdullah II., eine persönliche Spende von 100.000 Dollar für die Restaurierungsarbeiten zur Verfügung. Der König wird nach wie vor als „Hüter aller Heiligen Stätten“ (christlicher wie muslimischer) in Jerusalem betrachtet. (ende)