Pro Oriente Logo

Die Ökumene muss
weitergehen!

Franz König

Pro Oriente

In Beirut entsteht „Internationales marianisches Zentrum für den interreligiösen Dialog“

Ankündigung von Ministerpräsident Hariri am Fest Mariä Verkündigung, das seit 2010 als libanesisches Nationalfest im Zeichen der gemeinsamen Verehrung Mariens im Christentum und im Islam begangen wird – Auftrieb für das Staatsmodell des Libanon seit der Aufsehen erregenden Al Azhar-Tagung, bei der das Prinzip der Gleichberechtigung von Muslimen und Christen im Staat festgeschrieben wurde

Beirut, 02.04.17 (poi) Im Libanon fühlen sich Christen und Muslime durch die Ende Februar/Anfang März abgehaltene interreligiöse Al-Azhar-Tagung über „Freiheit und Bürgerschaft, Diversität und Integration“ bestärkt, das „libanesische Modell“ des Zusammenlebens nicht nur zu verteidigen, sondern auch weltweit bekannt zu machen. Am 25. März, dem Fest Mariä Verkündigung, das seit 2010 im Libanon als Nationalfest im Zeichen der gemeinsamen Verehrung Mariens im Christentum und im Islam begangen wird, kündigte Ministerpräsident Saad Hariri (ein Muslim) an, dass der libanesische Staat im Stadtzentrum von Beirut ein großes Grundstück für den Bau eines „Internationalen marianischen Zentrums für den interreligiösen Dialog“ zur Verfügung stellt.

Die Ankündigung Hariris erfolgte bei einer Feier der Plattform „Gemeinsam vor der Jungfrau Maria“ im berühmten Jesuiten-Kolleg Notre-Dame-de-Jamhour. In Kommentaren war von einer Initialzündung für eine „neue marianische Kultur des Miteinanders und der Koexistenz“ die Rede. Der christliche Ko-Sekretär der Plattform, Nagy el Khoury (er ist zugleich Generalsekretär des Absolventenvereins des Kollegs Notre-Dame-de-Jamhour) brachte den Wunsch zum Ausdruck, dass diese neue Kultur ausgehend von Jamhour sich in alle Teile des Libanons, aber auch „weit über die Grenzen des Landes hinaus in alle Welt“ verbreiten sollte. In den letzten Jahren sei das Fest Mariä Verkündigung am 25. März schon in italienischen, französischen, nordafrikanischen, polnischen und belgischen Städten, aber vor allem auch in Nazareth, im Zeichen der interreligiösen Begegnung begangen worden. Jetzt bestehe die Hoffnung, dass der Libanon ein „Epizentrum des weltweiten Dialogs“ wird und der 25. März auch den Charakter eines „internationalen Tags des interreligiösen Dialogs“ erhält.

Scheich Mohammed Nokkari, der muslimische Kollege el Khourys, bedauerte, dass in den letzten Jahren „eine Bande von Verbrechern“ im Nahen Osten ohne jede Berechtigung den Anspruch erhoben habe, „im Namen des Islam“ zu regieren. Die in Jamhour sichtbar gewordene gemeinsame Initiative von Christen und Muslimen sei eine würdige Antwort auf die von den IS-Terroristen ausgelöste „Spirale des Hasses“. Es sei zu hoffen, dass auch die Vereinten Nationen den 25. März zum „internationalen Tag des interreligiösen Dialogs“ proklamieren.
Ministerpräsident Hariri unterstrich die Bedeutung der Tatsache, dass sich Christen und Muslime am 25. März in Jamhour um „die schönste der Frauen“, die ein „Punkt der Begegnung“ zwischen den beiden Religionen sei, versammelt haben. Ebenso müssten sich alle Bürger um den Libanon scharen. Mit Staatspräsident Michel Aoun seien alle Verantwortlichen des Libanon entschlossen, jeden Versuch der Spaltung abzuwehren und das Land geschlossen durch alle Stürme zu führen.

Die politischen und religiösen Verantwortlichen des Libanon möchten auch eine libanesische Folge-Konferenz der Aufsehen erregenden Al Azhar-Tagung zustande bringen und den Großimam der Al-Azhar-Universität, Ahmed al-Tayyeb, nach Beirut einladen. An dem interreligiösen internationalen Kongress in Kairo hatte auch eine große libanesische Delegation – u.a. mit dem maronitischen Patriarchen, Kardinal Bechara Boutros Rai, und dem melkitischen Patriarchen Gregorios III. Laham an der Spitze – teilgenommen. Großimam Al-Tayyeb bekräftigte zum Abschluss des Kongresses in feierlicher Weise, dass das Prinzip der staatsbürgerlichen Gleichheit dem Islam nicht fremd, sondern Teil seiner Grundlagen sei. Im Staat müsse es auf der Grundlage der Verfassung das Prinzip der Gleichheit der Rechte und Pflichten von Muslimen und Nichtmuslimen geben – wie es im Libanon seit jeher der Fall ist. Bei der Tagung in Kairo sei in „so umfassender Weise wie noch nie in der arabischen Welt“ über die Gestaltung des zivilen Staates diskutiert worden, der all seinen Bürgern – unabhängig von Religionsbekenntnis und ethnischer Zugehörigkeit – gleiche Rechte sichert, betonte Kardinal-Patriarch Rai. Er sei erfreut, dass man bei dem Kongress eine „gemeinsame Sprache“ gefunden habe, „die Sprache einer Welt, die Atemluft braucht, Freiheit, Diversität und Komplementarität“. Besonders bedeutsam sei für ihn, dass jetzt das Wort „Minderheit“ aus dem Vokabular gestrichen werden müsse und durch „Bürgerschaft“ zu ersetzen sei.

Die Einladung an den Großimam soll nach dem für 28./29. April vorgesehenen Kairo-Besuch von Papst Franziskus erfolgen. Der frühere libanesische Ministerpräsidenrt Fouad Siniora (ein sunnitischer Muslim) nimmt sich im Auftrag des nationalen Komitees für den christlich-islamischen Dialog um die Vorbereitung der Folge-Konferenz an. Auch der sunnitische Mufti der Republik, Scheich Abdellatif Deriane, setzt sich für die Causa ein, wie die katholische Nachrichtenagentur „AsiaNews“ berichtet. Deriane hat u.a. mit den religiösen Führungspersönlichkeiten der Drusen und der Schiiten im Libanon Gespräche geführt. Vor Journalisten sagte der Mufti, die Libanesen hätten im Hinblick auf die Al Azhar-Erklärung eine besondere Verantwortung, weil der „libanesische Staat auf diesen Freiheiten aufgebaut ist und als Modell für andere dienen kann“. In diesem Zusammenhang zitierte Deriane Papst Johannes Paul II., der davon gesprochen habe, dass der Libanon nicht nur ein Land sei, sondern „eine Botschaft für die arabische Region und für die ganze Welt“. (ende)