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Franz König

Pro Oriente

Anschläge in Ägypten: „Alle Christen verspüren den Stachel des Leids der koptischen Gläubigen“

Tiefe Betroffenheit in der ganzen christlichen Welt über die Attentate am Palmsonntag – Katholische, orthodoxe und anglikanische Solidaritätserklärungen


Rom-Moskau-London, 11.04.17 (poi) Die ganze christliche Welt ist tief betroffen von den heimtückischen islamistischen Anschlägen auf zwei koptische Gotteshäuser in Ägypten am Palmsonntag. Der Vorsitzende der Italienischen Bischofskonferenz (CEI) und des „Rates der Europäischen Bischofskonferenzen“ (CCEE), Kardinal Angelo Bagnasco, sagte am Montagabend bei einem Gedenkgottesdienst in seiner Bischofsstadt Genua, alle Christen verspürten in diesem historischen Augenblick den “Stachel des Leides so vieler unserer Brüder und Schwestern, deren Lebensrecht und deren Würde verletzt worden sind“. Angesichts dieses Leids sei es angemessen, im Schweigen und ohne Geschrei zu gedenken und in das eigene Innere zu blicken, „wie es dem Ernst des christlichen Lebens entspricht“. Das Blut der Märtyrer sei eine drängende Anfrage an das Gewissen jedes Einzelnen, ein Aufruf, stolz zu sein auf den Glauben, „der uns geschenkt worden ist“, und mutig für den Schatz des Evangeliums Zeugnis abzulegen, „den Gott uns hat finden lassen“.

Im Gespräch mit Journalisten sagte Kardinal Bagnasco, die Anschläge auf die ägyptischen Kirchen seien ein Zeichen der „schwerwiegenden Intoleranz“, die den Dialog entmutigen und die öffentliche Meinung in Angst versetzen wolle. In diesem Augenblick gehe es vor allem um die Nähe zu den Opfern und deren Angehörigen im Gebet und um die Solidarität mit der ganzen koptischen Kirche. Zugleich sei der bevorstehende Besuch von Papst Franziskus in Ägypten ein Zeichen des Trostes für Ägypten und insbesondere für die koptische Gemeinschaft.

Die christliche Religion stehe „wie jede wahre Religion“ für Frieden, Gerechtigkeit und Vergebung, betonte der Kardinal. Er hoffe, dass die Welt – „und insbesondere Europa“ – sich auf die religiöse Dimension besinne und ihren Wert erkenne. Dies bedeute auch die Notwendigkeit, die religiöse Dimension nicht nur zu respektieren, sondern auch zu fördern, „nicht zu Gunsten eines Konfessionalismus, sondern im Hinblick auf jene Grundwerte, die Europas Identität bestimmen“. Wörtlich fügte der CEI- und CCEE-Vorsitzende hinzu: „Jede andere Religion kann sich dem Christentum im Kampf und in der Auseinandersetzung mit jener Spirale der Gewalt anschließen, die sich als Religiosität maskiert, aber in Wahrheit nichts von Religion an sich hat“.

„Mitverantwortung der westlichen Welt“

Der Chefredakteur der katholischen Nachrichtenagentur „AsiaNews“, P. Bernardo Cervellera, hat in einem Kommentar zu den Ereignissen des Palmsonntags in Ägypten die gängigen Erklärungsmuster vom „Kampf der Kulturen“ oder vom „Religionskrieg zwischen Muslimen und Christen“ zurückgewiesen. Es sei richtig, dass Islamisten die Christen als „Ungläubige“ denunzieren und etwa die IS-Terroristen den ganzen Nahen Osten „christenfrei“ machen wollen. Aber zugleich müsse man bedenken, dass unter den Opfern der Anschläge auch zahllose Muslime sind. Vor allem sollte man sich vor Augen halten, dass das eigentliche Ziel des Terrors darin bestehe, das Zusammenleben zu zerstören. Der ägyptische Präsident Abd-el-Fattah al-Sisi trete für eine Gesellschaft ein, in der Christen und Muslime gleiche Rechte und gleiche Pflichten haben, in der der Genehmigungsvorgang für Kirchen und Moscheen identisch ist, in der für die Gläubigen beider Religionen gleiche Karrierechancen im Staatsapparat, beim Militär, in der Verwaltung und im Justizwesen bestehen. Wenn al-Sisis Vorstellungen in Ägypten Wirklichkeit werden, wäre dies angesichts der Bedeutung des Landes eine echte Revolution für die ganze arabische Welt. Immerhin habe sich auch die „oft zwischen Modernität und der Abhängigkeit vom saudiarabischen Geld gespaltene“ Al–Azhar-Universität zu einer Verurteilung der buchstabengetreuen Interpretation des Koran durchgerungen, die sowohl den IS (Daesh)-Terroristen als auch den Wahabiten die Argumente liefert.

P. Cervellera erinnerte zugleich an die dramatische Mitverantwortung der westlichen Welt. Die IS-Terroristen und den fundamentalistischen Islam zu verurteilen, sei nicht die ganze Wahrheit. Papst Franziskus habe am Sonntag gesagt, er bete darum, dass Gott die Herzen jener verändert, „die Terror, Gewalt und Tod säen“, aber auch die Herzen jener, „die Waffen produzieren und mit ihnen handeln“. Offensichtlich gebe es nicht wenige Länder, die Waffen gerade in jene Staaten verkaufen, deren Machthaber „auf die eine oder andere Weise“ für die Massaker an Christen verantwortlich sind. Der „AsiaNews“-Chefredakteur zitiert in diesem Zusammenhang Zahlen des SIPRI (Stockholm International Peace Research Institute), wonach etwa der Waffenexport nach Saudiarabien im Jahr 2015 um 275 Prozent, der Waffenexport nach Katar um 279 Prozent gestiegen ist. Beide Staaten seien bekannt als Unterstützer der „Rebellen“ gegen Assad in Syrien.
Die Aufregung über die Untaten der IS (Daesh)-Terroristen bleibe vordergründig, wenn man nicht zugleich die Eskalation des Waffenexports in den Nahen Osten stoppe und den kulturellen und sozialen Dialog zwischen Christen und Muslimen unterstütze, so P. Cervellera.

Der Moskauer Patriarch Kyrill I. hat in einem Kondolenzschreiben an den koptischen Papst-Patriarchen Tawadros II. die tiefe Betroffenheit über die Palmsonntags-Attentate zum Ausdruck gebracht. Wörtlich stellte Kyrill I. fest: „Die Gläubigen der russisch-orthodoxen Kirche trauern mit Ihnen und Ihrem Volk. Der Terrorismus muss durch die gemeinsamen Anstrengungen aller Länder besiegt werden – unabhängig von ihren politischen Idealen, Ansichten und Überzeugungen oder ihrer Haltung zur aktuellen internationalen Agenda. Entweder besiegen wir gemeinsam den Terrorismus oder jeder von uns wird allein unter diesem schrecklichen Übel leiden. Die Zeit ist gekommen, nicht bloß Nein zum Terrorismus zu sagen, sondern wirklich zusammenzustehen, sodass inhumane, extremistische Ideen nicht zu noch größeren Leiden schuldloser Menschen führen können“. Sein Gebet gelte den Angehörigen der Opfer und der baldigen Genesung der Verletzten, fügte der Moskauer Patriarch hinzu.

Auch in der Anglican Communion (der anglikanischen Weltgemeinschaft) haben die Palmsonntags-Attentate in Ägypten große Bestürzung und zahlreiche Solidaritätsbezeugungen mit der koptischen Kirche ausgelöst. Der Generalsekretär der Anglican Communion, Josiah Idowu-Fearon, betonte, er sei schockiert und in tiefer Trauer über die Anschläge, „besonders auch, weil sie am Palmsonntag stattgefunden haben, an dem die Kirche des friedvollen Einzugs Jesu in Jerusalem gedenkt“. Der anglikanische Erzbischof für Ägypten, Munir Anis, sagte, Trauer habe alle Palmsonntagsgottesdienste in Ägypten überschattet, nachdem sich die Nachricht von den beiden Attentaten verbreitet hatte. Der Erzbischof verwies darauf, dass es bereits ab Samstag strenge Sicherheitsvorkehrungen im Bereich aller christlichen Gotteshäuser gegeben habe. Trotz des Einsatzes von zahllosen Polizisten mit Spürhunden sei es den Terroristen aber offensichtlich gelungen, ihre verbrecherischen Pläne zu verwirklichen. Leider gebe es keine hundertprozentige Sicherheit, das habe sich auch in anderen Ländern gezeigt.(ende)