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weitergehen!

Franz König

Pro Oriente

Gedenken an die christlichen Völkermordopfer im Osmanischen Reich

Historische Forschung arbeitet immer deutlicher heraus, dass die Verfolgung von Armeniern, Griechen und Christen der syrischen Tradition durch das ittihadistische Regime während des Ersten Weltkriegs drei Millionen Menschen das Leben gekostet und Kleinasien kulturell verwüstet hat

Berlin-San Francisco, 23.04.17 (poi) Der 24. April – Jahrestag der Verhaftungsaktion der osmanischen Geheimpolizei unter den Mitgliedern der armenischen Elite im Konstantinopel des Jahres 1915 (und damit Auftakt des Völkermords an den Armeniern) – wird zunehmend weltweit im Gedenken an alle Opfer der Ausrottungskampagne gegen die Christen des Osmanischen Reiches während des Ersten Weltkriegs und der unmittelbaren Nachkriegszeit begangen. Die historische Forschung arbeitet immer deutlicher heraus, dass die Vernichtung der großen christlichen Bevölkerungsteile im Osmanischen Reich – Armenier, Griechen, Christen der syrischen Tradition – auf den ausdrücklichen politischen Willen der zentralen Instanzen des „Komitees für Einheit und Fortschritt“ (Ittihad ve Terakki) zurückgeht. Seit 1913 stellte ein „Triumvirat“ von drei führenden Ittihadisten - Talaat, Enver, Cemal – die kaiserlich-osmanische Regierung, der Sultan und Kaiser war zur bedeutungslosen Randfigur geworden. Das „Triumvirat“ setzte den Kriegseintritt des Osmanischen Reiches an der Seite des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns durch; im Schatten des Weltkriegs wurden ab 1914/15 die „Maßnahmen“ durchgeführt, die zur Ermordung von insgesamt drei Millionen Christen und zur weitgehenden Zerstörung des christlichen Kulturerbes eines der Ursprungsländer des Christentums führten.

In Berlin führte die „Fördergemeinschaft für eine Ökumenische Gedenkstätte für die Genozidopfer im Osmanischen Reich“ auf dem Luisen-Kirchhof in Charlottenburg am Sonntag eine Gedenkveranstaltung durch. Im Sinn des Gedenkens an die armenischen, griechischen und syrisch-christlichen Opfer sprach u.a. Tessa Hofman, die Vorsitzende der „Arbeitsgruppe Anerkennung (AGA) – Gegen Genozid, für Völkerverständigung“, zum Thema „Die Bücher sind noch nicht geschlossen“. Unter dem Titel „Todesvision“ wurden lyrische Texte von ab 1915 ermordeten Autoren aus dem Raum des Osmanischen Reiches gelesen. Abgeschlossen wurde die Gedenkveranstaltung mit einer Segnung der Namenssteine an der Gedenkstätte durch Archimandrit Emmanuel Sfiatkos, den Vorsitzenden des Ökumenischen Rates Berlin-Brandenburg. Auf dem landschafts- und denkmalgeschützten Luisen-Kirchhof III besteht die erste ökumenische Gedenkstätte in Deutschland für die mehr als drei Millionen christlichen Völkermordopfer im Osmanischen Reich. Seit 2015 werden drei zu „Altären der Erinnerung“ umgewidmete Grabmale von armenischen, griechischen und syrisch-christlichen Gemeinschaften bzw. Gemeinden bei jährlichen Gedenkveranstaltungen genutzt.

Bei dem Gedenken am Sonntag wurden auch die Ergebnisse der von der „Initiative 19. Jänner“ (Jahrestag der Ermordung des armenischen Publizisten Hrant Dink in Istanbul 2007) am 28./29. Jänner in Berlin durchgeführten Konferenz „United in Rights“ zur Bestandsaufnahme der menschenrechtlichen Situation der aus Kleinasien stammenden bzw. noch dort lebenden Völker vorgestellt. Vier Parlamentsabgeordnete aus der Türkei, dem Libanon, Armenien und der kurdischen Region des Irak beteiligten sich an der nicht-öffentlichen Konferenz, ebenso Vertreter von fünf politischen Parteien aus den genannten Ländern und Repräsentanten von 15 NGOs. Die Konferenz wurde offiziell aus Anlass des Zehnjahresgedenkens der Ermordung von Hrant Dink durchgeführt, sollte aber vor allem der Auslotung von Möglichkeiten der Zusammenarbeit bei der Durchsetzung gemeinsamer Rechte dienen, ebenso der Förderung des Dialogs zwischen den Volksgruppen, die aktuell oder historisch im kleinasiatischen Raum zuhause sind. Die „Initiative 19. Jänner“ will sich für einen „konstruktiven Dialog der Völker Kleinasiens“ einsetzen, um sie „in Gerechtigkeit, Frieden und Demokratie“ einander näher zu bringen.

Eine ähnliche Veranstaltung wie auf dem Luisen-Kirchhof in Berlin-Charlottenburg fand in der kalifornischen Stadt Glendale statt, wo große armenische und assyrische Communities leben. Sabri Atman, der Direktor des Assyrian Genocide Research Center, gab einen Überblick über die Verfolgung der Christen syrischer Tradition ab 1915 in Van, Amida (Diyarbakir), im Tur Abdin und im damals osmanisch besetzten persischen Urmia. Atman bedauerte, dass es von Seiten der offiziellen Türkei – als Rechtsnachfolgerin des Osmanischen Reiches – noch immer kein Einbekenntnis des Völkermordes gebe und die detailliert belegten Ereignisse nach wie vor geleugnet würden.

Sabri Atman sprach am 23. April auch im kalifornischen Montebello. In Montebello waren auch prominente US-amerikanische Politiker anwesend, so die Kongreßabgeordnete Linda Sanchez und Anthony Portantino, Mitglied des Senats des Bundesstaates Kalifornien. Portantino – der ein Senatskomitee für den „kommerziellen, künstlerischen und kulturellen Austausch zwischen Kalifornien, Armenien und Artsach“ ins Leben gerufen hat - sorgte auch dafür, dass der Film „The Promise“ (der zum Teil vom Roman „Die 40 Tage des Musa Dagh“ inspiriert ist) am 17. April auf dem Kapitol des Staates Kalifornien in der Landeshauptstadt Sacramento präsentiert wurde. Der Senator bezeichnete den Film (den Erfolgsregisseur Terry George drehte) als „kraftvollen Impuls, um den Genozid am armenischen Volk in Erinnerung zu rufen“. „The Promise“ könne dazu beitragen, dass sich viele Menschen über das geschichtliche Ereignis informieren und sich der „Bewegung gegen Völkermord“ anschließen. Seit 21. April ist „The Promise“ überall in den Vereinigten Staaten zu sehen. (ende)