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Franz König

Pro Oriente

Vor vier Jahren wurden die beiden Metropoliten von Aleppo entführt

Gemeinsame Erklärung des syrisch-orthodoxen und des griechisch-orthodoxen Patriarchen von Antiochien: „Wir brauchen keine Sympathiebekundungen oder Schuldzuweisungen gegenüber anderen, sondern einen aufrichtigen und gemeinsamen Willen zur Wiederherstellung des Friedens in unserem Land“ – Scharfe Kritik an jenen Kräften, die Terroristen finanzieren „und dann so tun, als ob sie sie nicht kennen würden“

Damaskus-Berlin, 23.04.17 (poi) Die Entführung der beiden Metropoliten von Aleppo, Mar Gregorios Youhanna Ibrahim (syrisch-orthodox) und Boulos Yazigi (antiochenisch-orthodox), hat sich zum vierten Mal gejährt. Die beiden Bischöfe waren am 22. April 2013 im Auto von Mar Gregorios unterwegs, um zu einem Treffpunkt zu gelangen, wo ihnen - wie von Unterhändlern versprochen - zwei entführte Priester übergeben werden sollten. An einer Straßensperre der Rebellen wurde das Auto angehalten, der Chauffeur wurde erschossen, die beiden Metropoliten entführt. Seither gibt es keine verlässlichen Nachrichten über ihr Schicksal, wenn auch berechtigte Hoffnung besteht, dass sie am Leben sind. Zu der Entführung bekannte sich bis heute niemand. Es gab nur immer wieder Gerüchte im Zusammenhang mit der Entführung, die sich als unwahr erwiesen.

Die Patriarchen Mar Ignatios Aphrem II. (syrisch-orthodox) und Youhanna X. (antiochenisch-orthodox) haben in einer gemeinsamen Botschaft an das Schicksal der entführten Metropoliten erinnert. Das Datum des Osterfests liege heuer sehr nahe am vierten Jahrestag der Entführung der beiden Bischöfe; schreiben die Patriarchen. Dies sei „vielleicht ein günstiger Moment, um ein weiteres Mal unsere Stimme zu erheben, sodass unsere Gläubigen und alle Welt den Schmerz der Kirche von Antiochien hört und die Stimme aller Betrübten im Nahen Osten”.

“Die Christen der Kirche von Antiochien müssen sich immer daran erinnern, dass der Weg der Auferstehung am Kreuz begonnen hat und durch das Licht im leeren Grab vollendet wurde. Wir Christusgläubigen fürchten uns nicht vor dem Tod…doch wir beten in Momenten der Schwäche, dass dieser Kelch des Leidens an uns vorbeigehen möge”, heißt es in der gemeinsamen Botschaft wörtlich. In diesem Zusammenhang erinnern die Patriarchen auch daran, dass die orientalischen Christen in ihrer Heimat bleiben wollen, in der sie seit Jahrtausenden verwurzelt sind: “Die Mächte dieser Welt werden uns nicht aus unserer Heimat vertreiben, denn wir sind Kinder des Kreuzes und der Auferstehung. Wir wurden im Laufe der Geschichte immer wieder vertrieben und wir werden auch heute vertrieben, doch jeder einzelnen sollte sich daran erinnern, dass das Land Christi nicht seiner Jünger entleert werden wird und der Nachfahren jener, die bereits vor 2.000 Jahren Christen genannt worden sind. Und wenn die Entführung der beiden Metropoliten und der Priester darauf abzielt, uns orientalische Christen herauszufordern und uns aus unserem Land zu vertreiben, dann gibt es nur eine Antwort: Es sind vier Jahre seit der Entführung vergangen, die Krise in Syrien hält seit sechs Jahren an und wir sind immer noch hier bei den Gräbern unserer Vorfahren und ihrer gesegneten Erde. Wir sind tief verankert im Orient. Und wir sind entschlossen, unsere Heimat nicht zu verlassen, sondern sie mit unserem Blut und unserem Leben zu verteidigen“.

ie Patriarchen wollen „die ganze Welt“ daran erinnern, dass die christliche Präsenz im Orient mehr als eine Präsenz ist, es handle sich um eine tiefverwurzelte Identität: „Wir richten einen Schrei der Wahrheit an die Organisationen, die Staaten, die Regierungen, die Diplomaten: Wir wollen im Orient in Harmonie und Frieden mit allen Glaubensgemeinschaften leben“. Weiter heißt es in der gemeinsamen Erklärung: “Wir brauchen keine Sympathiebekundungen oder Schuldzuweisungen gegenüber anderen, sondern einen aufrichtigen und gemeinsamen Willen zur Wiederherstellung des Friedens in unserem Land. Wir legen unsere Probleme nicht in die Hände der ‚zivilisierten Welt‘, die uns mit schönen Worten über Demokratie und Reformen überhäuft, während unsere Menschen weder Brot noch das Nötigste zum Leben haben. Es herrscht ein Krieg, der uns Syrern auferlegt wurde und unter denen auch der Libanon leidet. Und den Preis bezahlt der ganze Nahe Osten… Heute sagen wir 'es ist genug' zu denjenigen, die Terroristen finanzieren und so tun, als ob sie sie nicht kennen würden und dann hierher kommen, um sie angeblich zu bekämpfen”.

„Auch Berlin ist in der Pflicht“

Der Vorsitzende des „Bundesverbands der Aramäer in Deutschland“, Daniyel Demir, stellte in einer Erklärung fest: „Für die Aramäer weltweit und die christliche Gemeinschaft in Syrien markiert der 22. April 2017 einen schmerzhaften Jahrestag. Mit der Entführung der Bischöfe, die stets für Frieden und Dialog in Syrien geworben haben und nun bereits seit vier Jahren vermisst werden, befindet sich die gesamte Christenheit in Geiselhaft. Ihre Freilassung wäre für die christliche Bevölkerung Syriens, die bereits um die Hälfte geschrumpft ist, ein kraftvolles und ermutigendes Signal, ihre Heimat nicht ebenfalls zu verlassen“.

Daniyel Demir erinnerte zugleich daran, dass „hochrangige Vertreter des Syrischen Nationalrates (SNC)“ nach der Entführung in persönlichen Gesprächen „eindeutige Angaben über die Identität der Entführer, über laufende Verhandlungen sowie den Verbleib und das Wohlbefinden der Bischöfe getätigt“ haben. Die Verantwortung für die Unversehrtheit und das Leben der entführten Metropoliten liege in erster Linie in den Händen der syrischen Opposition, „die angibt, die militärische wie auch zivile Kontrolle über das Gebiet der Entführung zu haben“. Demir fügte hinzu: „Wieso enthält der SNC der Öffentlichkeit angeblich verifizierbare Lebenszeichen vor?“

Der „Bundesverband der Aramäer in Deutschland“ sehe die Berliner Bundesregierung in der Pflicht, die bestehenden Kontakte zum „Syrischen Nationalrat“ (SNC) und dessen Unterstützern, darunter die Türkei, Katar und Saudiarabien, mit Nachdruck für eine unverzügliche Freilassung der entführten Bischöfe einzusetzen. Es besteht eine klare Mitverantwortung der deutschen Bundesregierung zur Aufklärung.

Auch die Deutsche Bischofskonferenz hat die Entführer zur Freilassung der entführten Metropoliten aufgerufen. "Ich rufe die Entführer eindringlich auf, inmitten des sinnlosen Blutvergießens in Syrien ein Zeichen der Mitmenschlichkeit zu setzen", erklärte der Vorsitzende der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Ludwig Schick. In seinen Aufruf schloss Schick auch den wenige Monate nach den Bischöfen entführten Jesuitenpater Paolo dall'Oglio ein. Alle drei hätten aus christlicher Überzeugung "auch einen Dialog der Freundschaft mit ihren muslimischen Mitmenschen gelebt. Sie verdienen es, nicht als Feinde, sondern als Freunde angesehen und behandelt zu werden", so der Erzbischof.

Zugleich rief Schick alle politisch Verantwortlichen dazu auf, die Genfer Friedensgespräche fortzusetzen. Er verwies auf das große Engagement der Kirchen in Syrien für Frieden und Versöhnung: "Sie geben ihr Äußerstes, um Not leidenden Menschen zu helfen, gleich welcher Religion, Konfession oder Ethnie sie angehören. Dabei können sie auch der Unterstützung und Solidarität der Kirche in Deutschland gewiss sein". (ende)