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Franz König

Pro Oriente

Christenverfolgung: „Nur die Liebe kann den Hass überwinden“

Kardinal Schönborn und Außenminister Kurz in der Kirche Maria vom Siege bei Gebetsversammlung zum Gedenken an die koptischen Märtyrer der jüngsten Zeit – Bischof Gabriel: Christentum wird gestärkt aus der Verfolgung hervorgehen

Wien, 07.05.17 (poi) Nur die Liebe kann den Hass überwinden: Dies betonte Kardinal Christoph Schönborn am Sonntagabend in der jetzt koptischen Kirche Maria vom Siege am Wiener Mariahilfer Gürtel beim Gebet für die verfolgten Christen. Der Wiener Erzbischof berichtete von seiner Begegnung im letzten Herbst mit den Familien der in Libyen von IS (Daesh)-Terroristen ermordeten koptischen Arbeitsmigranten. Auf den Gesichtern der Frauen dieser jungen Märtyrer sei kein Hass gewesen, keine Bitterkeit, ein großer Schmerz, aber auch ein Leuchten. „Hier wurde deutlich, dass ein Sieg errungen ist über den Hass“, sagte der Kardinal. Den koptischen Märtyrern der letzten Jahre, der koptischen Kirche insgesamt, sei für ihr Zeugnis zu danken, betonte Schönborn. Der Dank gelte aber auch dem ägyptischen Präsidenten Abd-el-Fattah al-Sisi, der in der im Bau befindlichen neuen Hauptstadt Neu-Kairo eine Kathedrale für die Märtyrer bauen lasse als Zeichen, „dass der Hass Ägypten nicht auseinanderbrechen lässt“. Das Zeugnis der koptischen Märtyrer bedeute, dass „der Weg der Liebe in unserer friedlosen Welt stärker sein wird als der Hass“.

Er habe es als „großes Privileg“ empfunden, bei seinem Ägypten-Besuch bei Papst-Patriarch Tawadros II. im vergangenen Oktober die Familien der in Libyen ermordeten koptischen Märtyrer besuchen zu dürfen, stellte der Wiener Erzbischof fest. Trotz der Bedrängnis durch ihre Entführer hätten die jungen Märtyrer den christlichen Glauben nicht verleugnet und seien mit dem Namen Jesu auf den Lippen gestorben. In seiner Predigt unterstrich der Kardinal, dass Christus „in der Ohnmacht des Lammes“ in die Welt gekommen sei, um die Feindschaft zu töten, „damit die Menschen wieder eine Familie sein können“. Denn trotz aller begrüßenswerten Bemühungen – von Verhandlungen bis zu Werken der Nächstenliebe – könne letztlich nur Christus, der sein Leben für die Menschen hingegeben habe, wahren Frieden bringen und den Hass überwinden.

Nach dem Gebet in der überfüllten Kirche unterstrich Außenminister Sebastian Kurz, der der koptischen Gemeinde freundschaftlich verbunden ist, die Bedeutung der Religionsfreiheit, die „in vielen Ländern keine Selbstverständlichkeit ist“. Als Außenminister treffe er bei seinen Reisen immer wieder mit den Repräsentanten christlicher und anderer religiöser Minoritäten zusammen und erlebe dabei, dass die Situation in so manchen Ländern „alles andere als gut“ ist, berichtete Kurz. Umso wichtiger sei es, sich weltweit für Religionsfreiheit und gegen Christenverfolgung einzusetzen. Das Außenministerium werde die Umsetzung der EU-Leitlinien zur Religionsfreiheit weiterhin mit Nachdruck verfolgen. Als Integrationsminister danke er den christlichen Kirchen in Österreich, dass sie durch die Präsenz vieler christlicher Zuwanderer das Christentum in Österreich „vielfältig und aktiv“ gestalten, so Kurz.

In Österreich werde der Beitrag der vielen Menschen geschätzt, denen der Glaube Kraft gibt, stellte der Minister fest. Das Leben in Österreich sei durch vergleichsweise großen Wohlstand, Stabilität und Frieden gekennzeichnet. Das bringe auch die Verantwortung mit sich, „nicht wegzusehen, wenn es anderswo nicht so gut läuft“. Als Beitrag zur Verbesserung der Lebensbedingungen in anderen Ländern seien daher auch die Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit und für den internationalen Katastrophenfonds erhöht worden.

Am Beginn der Gebetsversammlung hatte der koptisch-orthodoxe Wiener Bischof Anba Gabriel dargelegt, dass es vor allem auch um das Gedenken an die Opfer der Attentate auf koptische Kirchen in Tanta und Alexandrien am Palmsonntag sowie auf die St. Peter-und-Paul-Kirche in Kairo am 11. Dezember des Vorjahrs gehe. Verfolgung sei für die Christen eine Tatsache, die bereits in der Bibel angekündigt ist. Bischof Gabriel zitierte die Stelle aus dem Johannes-Evangelium, in der Jesus sagt: „Es kommt die Stunde, in der jeder, der euch tötet, meint, Gott einen heiligen Dienst zu leisten“. Aber schon im Alten Testament werde auch gesagt, dass das Volk Gottes durch Verfolgung gestärkt wird. Daher werde auch das Christentum aus der Verfolgung gestärkt hervorgehen. Bischof Gabriel schilderte, wie er das selbst als Student Ende der 1970er Jahre – „als die Kopten in Ägypten auch große Schwierigkeiten hatten“ – erleben konnte.

In herzlichen Worten dankte der koptische Bischof Kardinal Schönborn für dessen Liebe zu den verfolgten Christen. Bei der Begegnung mit den Angehörigen der Märtyrer in Ägypten sei der Kardinal von den Worten einer Märtyrer-Witwe beeindruckt gewesen, die mitteilte, dass sie für die Mörder bete und ihnen verzeihe. Das Motto der Gebetsversammlung war eine Aussage von Papst Franziskus bei seinem jüngsten Besuch in Kairo: "Ein deutliches und eindeutiges 'Nein' zu jeglicher Form von Gewalt, Rache und Hass, die im Namen der Religion oder im Namen Gottes begangen werden“.

Bei dem Gebet in Maria vom Siege waren u.a. der serbisch-orthodoxe Bischof Andrej (Cilerdzic), der Wiener Weihbischof Franz Scharl, der altkatholische Bischof Heinz Lederleitner, der rumänisch-orthodoxe Bischofsvikar Nicolae Dura, der koptisch-orthodoxe Bischof von Sydney, Anba Daniel (Metawos El Antuny), zahlreiche in Wien tätige koptische Geistliche sowie syrisch-orthodoxe und armenisch-apostolische Kleriker anwesend. Auch der ägyptische Botschafter Omar A. Yousef war zugegen. Gesammelt wurde in Maria vom Siege für die Familien der bei den Anschlägen in Tanta und Alexandrien ums Leben gekommenen Märtyrer. Abgeschlossen wurde die Gebetsversammlung mit einem marianischen Hymnus, den ein Wiener syrisch-orthodoxer Chor zu Gehör brachte. Die zahlreich erschienenen koptischen Gläubigen brachten zum Ausdruck, dass sie sich als „Vollblutkopten und als Vollblutösterreicher“ fühlen.

Die früher katholische Kirche Maria vom Siege – einer der seltenen neogotischen Kuppelbauten - ist erst im Vorjahr an die stark wachsende koptische Gemeinde übertragen worden. Papst-Patriarch Tawadros II. kam eigens nach Wien, um in Anwesenheit von Kardinal Schönborn am 20. Mai 2016 den Altar der Kirche zu weihen. In Österreich gibt es nach Schätzungen rund 12.000 koptisch-orthodoxe Christen, die meisten davon leben in Wien. (forts mgl)