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Franz König

Pro Oriente

Die Lage der Christen im Irak ist „dramatisch“

Erzbischof Sleiman von Bagdad schilderte bei zwei Gottesdiensten in Wien in bewegenden Worten das Schicksal der Christen an Euphrat und Tigris – Das wiederaufgelebte Clan-Denken, der islamistische Fundamentalismus, der schwache Staat, der ständige Zustrom von Waffen haben eine unerträgliche Situation bewirkt

Wien, 29.05.17 (poi) Als „dramatisch“ bezeichnete der römisch-katholische Erzbischof von Bagdad, Jean Benjamin Sleiman, am Sonntagabend bei einem Gottesdienst in der Wiener Karmelitenkirche im 19. Bezirk die Lage der Christen im Irak. Nach dem Ende des Saddam Hussein-Regimes hätten sich die Clans von der Kontrolle der Zentralregierung befreit, das Clan-Denken ersetze den schwachen Staat. Wenn aber nur mehr der Clan zählt und nicht der Mensch als Person, dann gebe es auch keine Freiheit und keine Verantwortung, so Erzbischof Sleiman. Zugleich sei im Irak die Vorstellung wieder aufgewacht, dass Christen im islamisch dominierten Staat nur die Rolle von „Dhimmi“ („Schutzbefohlenen“) haben könnten, die eine Sondersteuer („Dschizya“) zu zahlen haben, keine gleichberechtigten Bürger sind und vielfältigen Beschränkungen unterworfen werden. Im Land gebe es bewaffnete islamistische Gruppen, die gegen den Staat arbeiten, dazu komme die vielfache Einflussnahme unterschiedlicher ausländischer Mächte. Alle diese Phänomene miteinander hätten zu einer Situation geführt, in der viele Christen – „weil sie die Schwächsten sind“ – nur in der Emigration einen Ausweg sehen. Freilich dürfe man nicht übersehen, dass auch viele Muslime ein „freieres Leben“ anstreben.

Es sei sehr schwer, heute im Irak Christ zu sein, betonte der Erzbischof von Bagdad. Auf dem Papier gebe es zwar Gleichberechtigung und Freiheiten, „aber die Gesetze werden nicht eingehalten“. Die Europäer dürften nicht übersehen, dass die fundamentalistische Agitation auch in Europa zuschlägt. Was im Nahen Osten geschehe, könne auch Ordnung und Stabilität in Europa gefährden. Erzbischof Sleiman forderte zum Gebet für die Politiker auf, damit sie die kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten stoppen und vor allem den „ständigen Zustrom von neuen Waffen unterbinden“.

Für die Christen im Irak laute die zentrale Frage, was kommen wird, sobald die IS-Terroristen besiegt sind: „Die zerstörten Häuser kann man restaurieren oder wieder aufbauen, die materiellen Probleme sind zu lösen. Aber das große Problem ist die Wiederherstellung des Vertrauens“. Die Gebiete, in denen die Christen lebten und wohin sie wieder zurückkehren wollen (Ninive-Ebene usw.), würden von unterschiedlichen Gruppierungen beansprucht, von Kurden und Arabern, von Anhängern der Zentralregierung und Vertretern einer föderalen Struktur.

Bei dem Gottesdienst in der Karmelitenkirche erinnerte der Erzbischof – der selbst aus dem Karmelitenorden kommt – daran, dass die lateinische Erzdiözese Bagdad 1632 mit einer doppelten Aufgabe begründet wurde: Die Karmeliten sollten einerseits diplomatische Kontakte zum Iran der Safawiden herstellen (die damals auch den Irak beherrschten), andererseits aber die Bestrebungen zur Einheit der orientalischen Kirchen unterstützen. Daher habe es in Bagdad und im ganzen Irak nie viele Katholiken des lateinischen Ritus gegeben, wohl aber viele Werke, vor allem, Schulen, Spitäler, Hospize, Druckereien usw. Sleiman: „Die Karmeliten haben sich auf den Spuren des Heiligen Petrus und seiner Nachfolger um den Dienst an den anderen Kirchen und an der ganzen Bevölkerung des Landes bemüht“.

Als man noch „normal“ leben konnte

Bereits am Freitag hatte Erzbischof Sleiman bei einer Messfeier mit Weihbischof Franz Scharl im Stephansdom in bewegenden Worten das Schicksal der mesopotamischen Christen geschildert. Die Christen an Euphrat und Tigris seien vom Völkermord des jungtürkischen „Komitees für Einheit und Fortschritt“, das die osmanische Regierung stellte, schwer betroffen gewesen. In der Zwischenkriegszeit sei es 1933 zum Massaker von Semile an den Angehörigen der Apostolischen Kirche des Ostens gekommen. Die traumatischen Ereignisse der weiteren irakischen Geschichte – die Ermordung von König Faisal II. 1958, mehrere Umstürze, die Machtergreifung durch Saddam Hussein, der Krieg der Zentralregierung gegen die Kurden – hätten zahlreiche Opfer unter den Christen verursacht. „Die friedlichsten Jahre waren dann die Jahre der Diktatur“, stellte der Erzbischof fest. Heute stelle sich für die vertriebenen Christen, die in ihre Heimatorte zurückkehren wollen, die bange Frage, wer sie in Zukunft schützen werde. Der schwache irakische Staat habe nicht die Kontrolle über das ganze Territorium zurückgewonnen.

Erzbischof Sleiman formulierte einen innigen Dank an die vielen katholischen Hilfsorganisationen aus Europa – auch aus Österreich .-, die den christlichen Vertriebenen aus Mosul und aus der Ninive-Ebene beigestanden seien: „Ohne diese Hilfe wären viele verhungert oder erfroren“. Die Flüchtlinge und Vertriebenen aus Mosul und aus der Ebene seien Christen, die alles für ihren Glauben geopfert haben: „Sie wollten nicht Muslime werden, sie sind dem Glauben an Christus treu geblieben“.

Man dürfe aber nicht übersehen, dass im Irak das ganze Volk leidet, nicht nur die Christen, unterstrich der Erzbischof von Bagdad. Seit 2003 herrsche im Land Anarchie, dazu komme die Korruption auf allen Ebenen. Es gebe eine Militarisierung der Gesellschaft, eine mafiose Haltung breite sich aus. Vor 2003 sei die Situation wegen des Embargos gegen das Saddam Hussein-Regime auch schwierig gewesen, „aber man lebte normal“. Mit dem Fall des Diktators sei der Fundamentalismus sichtbar geworden. Die Christen seien „bevorzugte Opfer“ der Fanatiker, aber deren Hass gelte auch allen gemäßigten Muslimen und den säkular eingestellten Menschen. Der Irak habe seine Identität verloren, die „gesunde Laizität“ sei verschwunden. Trotz der Agitation der Islamisten für eine Theokratie müsse aber der Versuch unternommen werden, das Land zu modernisieren, es auf der Basis von Demokratie und Menschenrechten neu aufzubauen.

Rein menschlich könne er die oft gestellte Frage, ob es in Zukunft noch Christen im Irak geben werde, nicht optimistisch beantworten, sagte Erzbischof Sleiman: „Aber Christus hat gesagt: Ich werde immer bei euch sein. Das Leid kann in Freude verwandelt werden“. (ende)