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Franz König

Pro Oriente

Irak: Trauer der chaldäischen Kirche über Zerstörungen in Mosul

Sprengung der Al-Nur-Moschee durch die IS-Terroristen ein „barbarisches Verbrechen“ – Patriarch Mar Louis Raphael Sako lädt Christen aus dem Westen ein, in die kurdische Region zu kommen, um den Menschen „Vertrauen in die Zukunft“ zu geben

Bagdad, 22.06.17 (poi) Die chaldäisch-katholische Kirche hat in einer offiziellen Stellungnahme die Sprengung der für ihr „schiefes Minarett“ berühmten Al-Nur-Moschee in Mosul beklagt und zugleich ihre Trauer über die Opfer der Bombenangriffe und ihre Sorge um die Zivilisten, die infolge der Gefechte Hunger leiden und nicht medizinisch versorgt werden können, zum Ausdruck gebracht. Der chaldäische Patriarch Mar Louis Raphael Sako hofft, dass angesichts der Not in Mosul die Sehnsucht nach Versöhnung und nach einem friedlichen und fruchtbaren Zusammenleben im Irak wachsen mögen.

Die Sprengung der Al-Nur-Moschee, die auf Initiative des seldschukischen Fürsten von Mosul und Aleppo, Nur-ed-din Zengi (118-1174) gebaut wurde, sei ein „barbarisches Verbrechen“, heißt es in der Erklärung des Patriarchats. Das charakteristische „schiefe Minarett“ galt als ein Wahrzeichen von Mosul. Im christlichen Volksmund von Mosul war die Neigung des Gebetsturms immer als eine „Verneigung“ vor einer marianischen Gebetsstätte in Erbil interpretiert worden. Der irakische Ministerpräsident Haider al-Abadi meinte, die Zerstörung der Großen Moschee und ihres Minaretts am Mittwoch sei ein „Eingeständnis der Niederlage“ der IS-Terroristen, denn gerade in der Al-Nur-Moschee habe Abu Bakr al-Baghdadi im Jahr 2014 sein Phantasie-Kalifat proklamiert.

Im Gespräch mit der katholischen Nachrichtenagentur „AsiaNews“ sagte Mar Louis Raphael Sako, die Zerstörung der Al-Nur-Moschee durch die IS-Terroristen sei nicht nur ein „Angriff auf die Geschichte der Stadt und des ganzen Landes“, sie richte sich auch gegen die Menschen, gegen ihre Kultur. „Daesh“ (IS) erscheine ihm wie das „Tier aus dem Abgrund“, von dem in der Offenbarung des Johannes, dem letzten Buch der Bibel, die Rede sei. Die Vernichtung eines ehrwürdigen Gotteshauses sei zutiefst zu verurteilen; die ganze Welt müsse sich bewegen und dazu beitragen, „dass diese Kultur des Todes besiegt wird“.

Grundsätzlich stellte der chaldäische Patriarch fest, dass es unter den christlichen Flüchtlingen aus Mosul und der Ninive-Ebene heute ein anderes Klima als noch vor einem Jahr gebe. Es entstehe eine „neue Kultur des Miteinanders, des Vertrauens zwischen Christen und Muslimen“. Das habe er auch am 9. Juni bei seinem Besuch in den bereits befreiten Stadtteilen von Mosul feststellen können, so Mar Louis Raphael Sako. Alle Leute, auch die Muslime, hätten ihm dort gesagt, dass die Christen unbedingt zurückkehren müssen, damit Mosul wieder seine Seele gewinne.

In Mosul war der Patriarch auch in der Heiligengeistkirche, vor der vor genau zehn Jahren der junge Priester P. Ragheed Ganni zusammen mit drei Diakonen ermordet wurde. „Wir haben für unsere Märtyrer gebetet“, sagte Mar Louis Raphael Sako im Gespräch mit „AsiaNews“: „Für mich war es ein Schock, die Stadt wieder zu sehen, weil sie so verändert ist. Ich habe auch mein Elternhaus besucht, wo sich die IS-Terroristen eingenistet hatten. Jetzt wohnen dort zwei muslimische Familien, ich habe ihnen gesagt, dass sie bleiben können. Aber die Kirchen sind alle ruiniert, profaniert. Die ‚Daesh‘-Leute wollten die christliche Tradition ausradieren. Jetzt habe ich Angst um die Altstadt, wo auch die ältesten christlichen Gotteshäuser der Region stehen".

Von der IS-Ideologie dürfe nichts an den Ufern von Euphrat und Tigris zurückbleiben, unterstrich der Patriarch. Das sei eine „ungeheure Aufgabe“, an der alle mitwirken müssten: „Wir müssen für die Einheit des Landes arbeiten, die Beziehungen der Freundschaft zwischen den Menschen wiederherstellen“. Er lade die Christen des Westens ein, in die kurdische Region zu kommen, „um uns nicht nur eine materielle, sondern auch eine menschliche und spirituelle Hilfe zu leisten“, so Mar Louis Raphael Sako. Derzeit seien einige französische Gruppen in der Region, „aber wir würden noch mehr Gäste brauchen, die unseren Leuten helfen, wieder Vertrauen in die Zukunft zu haben“. Die Anwesenheit von Gästen aus den christlichen Ländern könne eine „Atmosphäre des Vertrauens und der Hoffnung“ schaffen, nachdem solang nur „Angst und Verzweiflung geherrscht haben“. Für den Wiederaufbau seien nicht nur materielle Mittel notwendig, sondern auch menschliche Beziehungen, der Austausch von Kenntnissen. Das könne auch ein Antrieb für die einheimischen Christen sein, sich in Bewegung zu setzen und den Wiederaufbau von Häusern und Kirchen entschlossen in die Hand zu nehmen: „Man kann nicht nur auf Hilfe von außen warten und selbst untätig bleiben“.

Immerhin kehrten die Flüchtlinge jetzt langsam in die Kleinstädte und Dörfer der Ninive-Ebene zurück, betonte der Patriarch. Manche seien auch „Pendler“, die zwar noch in Erbil leben, aber beginnen, ihre Äcker wieder zu bearbeiten. In Telskof gebe es schon wieder 635 Familien, in Baqofa 30 Familien, in Qaraqosh/Bagdida seien 126 Familien zurückgekehrt. Auch in Batnaya, Bartella und Karamles werde gearbeitet. Freilich fehle oft noch die Elektrizität.

Gewargis III. besuchte die Ninive-Ebene

Der Patriarch der Apostolischen Kirche des Ostens („assyrische Kirche“), Mar Gewargis III. Sliwa, hat vor wenigen Tagen – am 17. Juni - die aus der Hand der IS-Terroristen befreiten Gebiete der Ninive-Ebene besucht. Dabei kam es auch zu einer Begegnung mit dem Kommandanten der „Babylon-Brigaden“, Ryan Al-Keldani, und seinem Stab. Der Patriarch habe dabei seine Bewunderung für den Mut der christlichen Miliz zum Ausdruck gebracht, hieß es in der Berichterstattung lokaler Medien.

Die Haltung zu den „Babylon-Brigaden“ ist unter den christlichen Kirchen umstritten. Das chaldäisch-katholische Patriarchat, das die Bildung christlicher Milizen immer abgelehnt hatte, ging im Februar deutlich auf Distanz, nachdem der Kommandant im Fernsehen davon gesprochen hatte, man wolle an den Kämpfen in Mosul teilnehmen, um an den Muslimen Rache zu nehmen. In einem Kommunique des chaldäisch-katholischen Patriarchats wurde darauf verwiesen, dass Ryan Al-Keldani keine Verbindung mit der Lehre Christi habe, der ein „Botschafter des Friedens, der Nächstenliebe und der Vergebung“ sei. Der Kommandant repräsentiere in keiner Weise die Christen.

Wiederaufbau der Uni-Bibliothek

Professoren, Studenten, private christliche und muslimische Sponsoren aus dem Irak und dem Ausland haben sich inzwischen zusammengefunden, um die von den IS-Terroristen völlig verwüstete Universitätsbibliothek von Mosul wieder aufzubauen. Die Initiative wurde vor drei Monaten in Angriff genommen, nachdem der Stadtteil am Ostufer des Tigris, wo sich das Universitätsgelände befindet, befreit worden war. Der Rektor der Universität, Prof. Obay al-Dewachi, betonte im Gespräch mit „AsiaNews“, dass praktisch 100 Prozent des Bestandes der Universitätsbibliothek vernichtet wurden.

Allerdings seien in den Jahren vor dem Einmarsch der Terroristen die meisten kostbaren Manuskripte der Bibliothek digitalisiert worden, sodass ihr Inhalt zur Verfügung stehe, sagte Bibliotheksdirektor Mohammed Jassim, der noch in Kirkuk im Exil sitzt. Zudem hätten Mitarbeiter der Bibliothek kostbare Manuskripte versteckt.
Es habe aber auch die Luftangriffe der internationalen Koalition gegeben, fügte Jassim hinzu. Im März 2016 sei die Bibliothek massiv bombardiert worden, weil man sie für die Kommandozentrale der IS-Terroristen gehalten habe. Nach Schätzungen von Experten sind damals rund eine Million Bücher pulverisiert worden. Und dann hätten die IS (Daesh)-Terroristen knapp vor ihrem Abzug noch das schwer beschädigte Gebäude in Brand gesetzt, um ihre Spuren zu verwischen.

Unter den Sponsoren für den Wiederaufbau der Universitätsbibliothek ist auch die akademische Gemeinschaft des „Baghdad College“, eines angesehenen Instituts für Höhere Studien, das in den 1930er Jahren von US-amerikanischen Jesuiten begründet wurde. Einer der Informatik-Experten des „Baghdad College“, der 23-jährige Anas Jaroo, hat spontan 40 Bücher aus den Bereichen Medizin und Informatik gespendet. Sein Vater, ein Physiker, der 1982 in Mosul promovierte, habe ihm die Universität der Tigris-Metropole immer ans Herz gelegt: „Für ihn war sie ein kleines Harvard“. (ende)