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Franz König

Pro Oriente

„Staat ziviler Natur“ mit gleichen Rechten für alle für die arabischen Länder

Hochrangige christlich-islamische Versammlung verabschiedete auf Initiative des maronitischen Patriarchen die „Erklärung von Louaize“ – Weiterführung des Impulses der „Erklärung der Al Azhar-Universität“ vom 1. März

Beirut, 03.07.17 (poi) Einen „Staat ziviler Natur“ mit gleichen Rechten und Pflichten für alle Bürgerinnen und Bürger in allen arabischen Nationen fordert die „Erklärung von Louaize“, die am Wochenende an der katholischen Universität Notre-Dame im libanesischen Louaize beschlossen wurde. Die Erklärung ist das Ergebnis eines Kolloquiums, zu dem der maronitische Patriarch, Kardinal Bechara Boutros Rai, führende muslimische und christliche Repräsentanten eingeladen hatte.

Ausgangspunkt des Kolloquiums war die „Erklärung der Al Azhar-Universität“ vom 1. März über Bürgerschaft und Zusammenleben. In der „Erklärung von Louaize“ wird das Votum von Al Azhar für einen „nationalen Verfassungsstaat“ auf der Grundlage der rechtlichen Gleichstellung aller Bürger, für die Hochschätzung der kulturellen und religiösen Pluralität und für die Verwendung des Begriffs Bürgerschaft anstelle von Mehrheit und Minderheit ausdrücklich gewürdigt.

Der „nationale Verfassungsstaat“ wird in der „Erklärung von Louaize“ durch den „Staat ziviler Natur“ ersetzt, um die Trennung zwischen Staat und Religion, die rechtliche Gleichstellung aller Bürgerinnen und Bürger unabhängig vom Religionsbekenntnis, noch deutlicher herauszuarbeiten. Sowohl die Erklärung der Al Azhar-Universität als auch die „Erklärung von Louaize“ bedeuten den endgültigen Abschied vom Konzept des „islamischen Staates“ in extremistischer wie in gemäßigter Form. Auch Scheich Abbas Choumane, der Stellvertreter des Al Azhar-Großimams Ahmad al-Tayyeb, verwendete bei seinem Beitrag zum Auftakte des Kolloquiums in Louaize den Begriff „Staat ziviler Natur“.

Die „Erklärung von Louaize“ – die von Kardinal-Patriarch Rai persönlich verlesen wurde – verpflichtet den Libanon und alle anderen arabischen Länder zur verstärkten Auseinandersetzung mit dem Extremismus. Es sei notwendig, sich auf „Ausgleich und Gleichgewicht“ zu konzentrieren und die Zusammenarbeit zwischen religiösen, Bildungs- und kulturellen Institutionen zu stärken, um eine „neue Kultur“ zu schaffen. Im Sinne dieser Ziele werde man auch Kontakt mit dem Vatikan und anderen christlichen und muslimischen internationalen religiösen Institutionen aufnehmen.

Der Libanon solle zu einem „internationalen Zentrum für den Dialog zwischen Religionen und Kulturen“ werden. In der Erklärung wird an die arabischen Länder und an die internationale Gemeinschaft appelliert, ernsthaft daran zu arbeiten, dass die Kriege und Konflikte in Syrien, im Irak, im Jemen und anderswo beendet und politische Lösungen gesucht werden.
Das Colloquium wurde von dem früheren (christlichen) libanesischen Minister Tarek Mitri geleitet. Unter den Referenten war auch Rabab Sadr, die Schwester des 1978 unter ungeklärten Umständen „verschwundenen“ libanesischen schiitischen Scheichs und Gründers der „Amal“-Bewegung, Moussa Sadr. Die „Erklärung von Louaize“ wurde von zahlreichen Spitzenpersönlichkeiten des Libanons unterzeichnet, darunter auch dem sunnitischen Mufti der Republik, Abd-el-latif Deriane, und seinem schiitischen Amtskollegen, Ahmad Kabalan. Es wurde auch ein Fortsetzungskomitee gebildet, das unter der Leitung des Rektors der Katholischen Universität Notre-Dame, P. Walid Moussa, und des ehemaligen Abgeordneten Fares Souhaid steht.

In libanesischen Kommentaren wurde unterstrichen, dass die „Erklärung von Louaize“ auch dem Schutz des in der Präambel der libanesischen Verfassung geforderten „Zusammenlebens“ vor konfessionellen Spannungen und Ängsten diene, die dieses Miteinander unterminieren. Zugleich sei auf der Basis der Erklärung auch eine Entwicklung der libanesischen Politik im Sinn eines „Staates ziviler Natur“ möglich. (ende)