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Franz König

Pro Oriente

Katholisch-orthodoxe Kommission fand zu Kardinal Stepinac keine gemeinsame Position

Aber die Zusammenkünfte fanden in herzlichem Klima statt und trugen zu einer besseren Kenntnis der Geschichte der Jahre von 1918 bis 1960 bei – Abschlusskommunique deutet die Möglichkeit an, dass es zu einem gemeinsamen Werk kommen könnte, um „das Gedenken der Märtyrer und der Bekenner beider Kirchen zu teilen“

Vatikanstadt, 13.07.17 (poi) Die gemischte katholisch-orthodoxe Kommission zur Analyse des Lebens des 1960 verstorbenen kroatischen Kardinal-Primas Alojzije Stepinac ist auch bei ihrer jüngsten Zusammenkunft in der vatikanischen „Domus Sanctae Marthae“ zu keiner gemeinsamen Position im Hinblick auf das Verhalten des Kardinals während der Schreckensherrschaft des kroatischen faschistischen Staates NDH 1941 bis 1945 gekommen. Im Kommunique über die Zusammenkunft – mit der die Arbeit der Kommission offiziell abgeschlossen wurde – wird aber ausdrücklich das „herzliche Klima“ gewürdigt, in dem die Kommissionsmitglieder „bei voller Freiheit des Wortes“ ihre Aufgabe einer „gemeinsamen Re-lecture des Lebens von Kardinal Stepinac“ wahrnehmen konnten. In serbischen Medien war in den letzten Tagen davon die Rede gewesen, dass die Arbeit der Kommission fortgesetzt werden soll, im Kommunique wird aber ausdrücklich betont, es habe sich am 12./13. Juli um „die sechste und letzte Zusammenkunft“ gehandelt. Allerdings heißt es am Schluss des Kommuniques wörtlich: „Das Studium des Lebens von Kardinal Stepinac hat gezeigt, dass alle Kirchen in der Geschichte unter verschiedenen Verfolgungen grausam gelitten haben. Alle haben ihre Märtyrer und Bekenner des Glaubens. Im Hinblick darauf haben die Kommissionsmitglieder eine allfällige künftige Zusammenarbeit für ein gemeinsames Werk erwogen, um das Gedenken der Märtyrer und der Bekenner der beiden Kirchen zu teilen“.

Die Kommissionsmitglieder bedankten sich ausdrücklich für die „Großherzigkeit“ von Papst Franziskus, da dieser das Ersuchen des serbisch-orthodoxen Patriarchen Irinej „wohlwollend aufgenommen“ und die Einsetzung der Kommission beschlossen habe. Der Patriarch hatte sich vor zwei Jahren an den Papst gewandt und im Hinblick auf das Heiligsprechungsverfahren für den 1989 bereits selig gesprochenen Kardinal schwere Bedenken geäußert.

Im Kommunique wird betont, dass allen Kommissionsmitgliedern von Anfang an bewusst war, dass der Heiligsprechungsprozess für Kardinal Stepinac ausschließlich in der Kompetenz des Papstes liege. Ebenso hätten alle anerkannt, dass jede Kirche ihre eigenen Kriterien für den Vorgang der Heiligsprechung habe. Inhaltlich hätten die Kommissionsmitglieder festgestellt, dass ihre Arbeit eine bessere Kenntnis der Geschichte der Jahre zwischen dem Ersten Weltkrieg und 1960, dem Todesjahr von Kardinal Stepinac, erlaubt habe. Man habe das Leben und den Dienst eines „wichtigen katholischen Hirten in einem besonders bewegten Abschnitt der Geschichte“ darlegen können. Dann heißt es weiter: „Man kam zur Erkenntnis, dass die verschiedenen Ereignisse, Schriften, Schweigephasen und Stellungnahmen nach wie vor Gegenstand verschiedener Interpretationen sind. Im Fall von Kardinal Stepinac sind die vorherrschenden Interpretationen der katholischen Kroaten und der orthodoxen Serben nach wie vor unterschiedlich“.

Die Kommission tagte am 12./13. Juli unter dem Vorsitz von P. Bernard Ardura, dem Präsidenten des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften. Die kroatische katholische Bischofskonferenz war durch den Erzbischof von Zagreb, Kardinal Josip Bozanic, den Bischo von Pozega, Antun Skvorcevic, und den Bischof von Mostar, Ratko Peric, sowie die Historiker Jure Kristo und Mario Jareb vertreten. Für den Heiligen Synod der serbisch-orthodoxen Kirche waren der Metropolit von Montenegro, Amfilohije (Radovic), der Metropolit von Zagreb, Porfirije (Peric), der Bischof von Novi Sad, Irinej (Bulovic), der Bischof von Pakrac, Jovan (Culibrk), sowie der serbische Vertreter bei der UNESCO (und frühere Botschafter beim Heiligen Stuhl), Darko Tanaskovic, anwesend.

Der Leiter des serbischen Studienzentrums für Religion, Politik und Gesellschaft, Nikola Knezevic, hatte im Vorjahr im Gespräch mit Journalisten die Bildung der gemischten Kommission als „weise Entscheidung“ bezeichnet, die auch den Respekt gegenüber der orthodoxen Kirche und dem serbischen Volk zum Ausdruck bringe. Die historischen Streitfragen im Hinblick auf die Beurteilung der Rolle des Kardinals während des faschistischen kroatischen NDH-Staates könnten nur „im Dialog“ gelöst werden.

Alojzije Stepinac wurde am 8. Mai 1898 in Brezaric im damals zur ungarischen Reichshälfte gehörigen Kroatien geboren. Er studierte in Rom (wo ihn der spätere Wiener Erzbischof Franz König am „Germanicum“ kennenlernte). 1934 wurde er zum Koadjutor des Erzbischofs von Zagreb ernannt, 1937 wurde er Erzbischof von Zagreb.

Nach dem Zusammenbruch des faschistischen Staates und der Machtübernahme durch die Tito-Kommunisten (zunächst noch im Rahmen einer Koalitionsregierung) wurde Stepinac erstmals am 17. Mai 1945 verhaftet. Schon am 3. Juni 1945 wurde er auf Grund einer Intervention Titos wieder freigelassen, der sich Hoffnungen machte, den Erzbischof für die Gründung einer von Rom unabhängigen Nationalkirche gewinnen zu können. Dieses Ansinnen lehnte Stepinac entschieden ab. Angesichts der Verfolgungsmaßnahmen der neuen kommunistisch dominierten Behörden gegen die katholische Kirche, vor allem gegen die Priester, veranlasste Stepinac einen gemeinsamen Brief der Bischöfe, der am 22. September 1945 veröffentlicht wurde. Darin wurden die ungerechten Maßnahmen angeprangert; zugleich wurde der Wunsch nach einem neuen Konkordat zwischen Jugoslawien und dem Heiligen Stuhl angemeldet. Die Reaktion von tito-kommunistischer Seite war überaus negativ. Am 18. September 1946 wurde Stepinac neuerlich verhaftet, es folgte ein Schauprozess von 30. September bis 10. Oktober 1946. Am 11. Oktober 1946 wurde der Erzbischof zu 16 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Bis 1951 wurde Stepinac im Kerker von Lepoglava in völliger Isolation festgehalten; allerdings konnte er die Heilige Messe zelebrieren und religiöse Bücher lesen. Ab Ende 1951 wurde er in seinem Heimatort im ständig von der Geheimpolizei überwachten Hausarrest im Pfarrhaus festgehalten. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich rapid. Am 10. Februar 1960 starb der Erzbischof, der 1953 von Pius XII. zum Kardinal kreiert worden war.

Kardinal König fühlte sich damals verpflichtet, zum Begräbnis seines einstigen Studienkollegen nach Zagreb zu fahren. Auf der Fahrt nach Zagreb kam es nahe von Varazdin zu einem Frontalzusammenstoß zwischen dem Wagen des Kardinals und einem LKW, der Chauffeur war sofort tot, Kardinal König und sein damaliger Zeremoniär, der heutige Wiener Weihbischof Helmut Krätzl, wurden schwer verletzt. In späteren Jahren schilderte Kardinal König oft, dass er im Spital in Varazdin die Inspiration für seine Bemühungen um Hilfe für die Katholiken und die anderen Christen im damaligen kommunistischen Machtbereich hatte. Papst Johannes Paul II. sprach Kardinal Stepinac am 3. Oktober 1998 im kroatischen Marienwallfahrtsort Marija Bistrica selig. (ende)