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Franz König

Pro Oriente

Geistliche Oberhäupter Armeniens und Azerbaidschans bei Patriarch Kyrill in Moskau

Gemeinsames Statement betont, dass ohne „friedliche Lösung“ des Karabach-Konflikts „Versöhnung und umfassende Sicherheit“ im Kaukasus nicht möglich sind – Positive Bewertung der Tätigkeit der Minsk-Gruppe der OSZE

Moskau, 08.09.17 (poi) Auf Vermittlung des Moskauer Patriarchen Kyrill I. sind der oberste armenisch-apostolische Katholikos-Patriarch Karekin II. und der Großmufti und Scheich-ul-Islam des Kaukasus, Allahshukur Paschazade, zum ersten Mal seit 2011 wieder zusammengetroffen, um über Wege zur Entschärfung der Krise um Artsach (Berg-Karabach) zu sprechen, die den Konflikt zwischen Armenien und Azerbaidschan nach wie vor brisant macht. Zum Abschluss des Treffens im Moskauer Danielskloster (dem offiziellen Sitz von Kyrill I.) unterzeichneten die drei geistlichen Oberhäupter am Freitag, 8. September, ein gemeinsames Statement, in dem betont wird, dass ohne „friedliche Lösung“ des Karabach-Konflikts „Versöhnung und umfassende Sicherheit“ im Kaukasus nicht möglich sind. Ausdrücklich wird in dem Statement die Tätigkeit der Minsk-Gruppe der OSZE (Ko-Vorsitz durch Frankreich, Russland und die USA) gewürdigt, die um die Lösung des Konflikts bemüht ist: „Wir setzen große Hoffnungen in den Verhandlungsprozess“. Die drei geistlichen Oberhäupter sind überzeugt, dass auf der Basis der moralischen Werte des „Wohlwollens, der Liebe zum Nächsten, der gegenseitigen Vergebung“ die Meinungsverschiedenheiten überwunden werden könnten.

Wörtlich heißt es in dem Statement: „Das armenische und das azerbaidschanische Volk werden immer Seite an Seite leben, daher gibt es keine Alternative zum Frieden und zur Zusammenarbeit“. Die geistlichen Führungspersönlichkeiten der beteiligten Nationen seien verpflichtet, „gemeinsame Antworten auf die vielen Herausforderungen zu finden“. Patriarch Kyrill I., Katholikos-Patriarch Karekin II. und Großmufti Paschazade appellieren an die politischen Entscheidungsträger, rasche Lösungen für alle mit dem Karabach-Konflikt zusammenhängenden humanitären Probleme zu finden. Dabei nennen die geistlichen Oberhäupter insbesondere die Freilassung der armenischen und azerbaidschanischen Zivilisten, die auf der jeweils anderen Seite gefangen gehalten werden, sowie den Schutz und die Respektierung von Kirchen, Moscheen und anderen religiösen Stätten. Jegliche militante und feindselige Rhetorik sei zu vermeiden. Die Jugend müsse „im Geist des Wohlwollens, des gegenseitigen Respekts, des Friedens und der traditionellen Moral erzogen werden“.

Ausdrücklich bekunden die drei geistlichen Oberhäupter ihre Bereitschaft, die Friedensinitiativen für den Karabach-Konflikt zu verteidigen. Die Geschichte der „trilateralen Treffen“ zeige positive Auswirkungen auf die Bemühungen um Lösung des Konflikts, „der niemals zu einem religiösen Konflikt werden darf“. Die Verantwortung für die Gläubigen dränge die geistlichen Oberhäupter dazu, „unermüdlich für den lang erwarteten Sieg der Ideale des Friedens einzutreten“: „Möge der gesegnete Friede im altehrwürdigen und geheiligten Land des Kaukasus Einzug halten, damit die Menschen unserer Länder in Frieden und Harmonie auf der Grundlage der von Gott gegebenen moralischen Regeln leben können“.

Patriarch Kyrill I. sagte nach der Unterzeichnung des Statements vor Journalisten, das trilaterale Treffen vom Freitag zeige, dass die religiösen Führungspersönlichkeiten „auch unter schwierigen Bedingungen“ wesentlich zum Frieden beitragen können. Er freue sich, dass Katholikos-Patriarch Karekin II. und Großmufti Paschazade bereitwillig seiner Einladung nach Moskau gefolgt seien.

Der armenische Katholikos-Patriarch Karekin II. bedauerte, dass trotz der positiven Statements der Präsidenten von Armenien und Azerbaidschan und der Versöhnungsbotschaften der geistlichen Oberhäupter immer wieder der Waffenstillstand an der Kontaktlinie gebrochen werde, dass Soldaten „und bisweilen auch friedliche Bewohner grenznaher Dörfer“ zu Tode kommen. Besonders beunruhigend sei, dass es immer wieder Fälle gebe, in denen die Zivilbevölkerung als „Schutzschild“ missbraucht werde. Ausdrücklich erwähnte der Katholikos-Patriarch die Ereignisse vom April 2016, als großflächige militärische Operationen der azerbaidschanischen Armee entfesselt wurden, die zum Verlust von Menschenleben und dokumentierten Grausamkeiten geführt hätten. All dies gefährde den ohnehin fragilen Waffenstillstand und die Anstrengungen zum Aufbau einer Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens und der Verständigung. Karekin II. stellte die rhetorische Frage, ob Stabilität und Frieden erreicht werden können, wenn die Anstrengungen dazu nur auf armenischer Seite erfolgen und auf azerbaidschanischer Seite „auf allen möglichen und unmöglichen Wegen“ Hass und Feindschaft gegenüber dem benachbarten armenischen Volk geschürt wird. Es bedürfe des Willens und der Verpflichtung, Probleme nur am Verhandlungstisch zu lösen und Verletzungen des Waffenstillstands vorzubeugen, denn „jeder Schuss auf ein Geschöpf Gottes ist ein Schuss gegen Gott“. (ende)