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Franz König

Pro Oriente

Wien: Grundsteinlegung für neue rumänisch-orthodoxe Pfarrkirche in der Leopoldstadt

Hunderte „wetterfeste Christen“ harrten stundenlang im strömenden Regen aus – Das neue Gotteshaus wird sich am Vorbild der berühmten Klosterkirchen in der Moldau und in der Bucovina orientieren – Projekt wurde tags zuvor im „Otto Mauer-Zentrum“ präsentiert

Wien, 17.09.17 (poi) Hunderte wetterfeste rumänisch-orthodoxe Christen harrten am Sonntagvormittag unter strömendem Regen bei der Göttlichen Liturgie und der Grundsteinlegung für die neue rumänisch-orthodoxe Pfarrkirche an der künftigen Bruno Marek-Allee im Stadterneuerungsgebiet in Wien-Leopoldstadt aus. Unter dem Vorsitz des für Wien zuständigen rumänisch-orthodoxen Metropoliten für Mitteleuropa, Serafim (Joanta), fanden auf dem Bauplatz des künftigen Gotteshauses auf dem Gelände des einstigen Frachtenbahnhofs des Nordbahnhofs zunächst das Morgenlob, dann die Göttliche Liturgie und schließlich die Grundsteinlegung statt. Sowohl für den Klerus auf der Altarinsel als auch für die Gläubigen waren Zelte aufgestellt, viele hielten aber auch im Freien unter Schirmen dem Regen stand. Der Bezirk Leopoldstadt hatte 2014 (damals noch unter dem mittlerweile abgelösten und kurze Zeit später verstorbenen Bezirksvorsteher Karlheinz Hora) an alle Religionsgemeinschaften appelliert, im Sinne aktueller stadtplanerischer Überlegungen im Neubaugebiet ex-Nordbahnhof ein spirituelles Zentrum zu errichten. Die rumänisch-orthodoxe Kirche war die einzige Religionsgemeinschaft, die dieser Einladung entsprach. Nach Angaben des Architekten-Ehepaares Georg und Mihaela Baldass (das schon die rumänisch-orthodoxe Kirche an der Simmeringer Hauptstraße entworfen hat) wird sich das neue Gotteshaus an der Bruno Marek-Allee an den „klaren Formen“ der Moldau-Klöster wie Sucevita orientieren: Geplant ist eine 400 Qadratmeter große Dreikonchen-Kirche mit Pantokratorturm, freistehendem Glockenturm, wie er in der Bucovina üblich ist, verbunden mit zwei Gebäuden, in denen u.a. das Pfarrbüro, die Pfarrerwohnung, ein Kindergarten (in Trägerschaft der katholischen St. Nikolaus-Stiftung) Platz finden werden. Seelsorger der neuen Gemeinde und Projektleiter des Gesamtvorhabens ist der rumänisch-orthodoxe Priester Emanuel-Stefan Nutu. Die Erwartungen der Leopoldstadt an das neue religiöse Zentrum sind hoch, so der Vizevorsitzende der Bezirksvertretung, Bernhard Seitz: „Wir hoffen, dass diese rumänisch-orthodoxe Gemeinde Teil unserer Identität wird. Die Leopoldstadt steht heute für gute Nachbarschaft, Toleranz und Respekt“.

Bei der Grundsteinlegung waren zahlreiche Repräsentanten der Wiener orthodoxen Gemeinden anwesend. Die Erzdiözese Wien wurde von Weihbischof Franz Scharl vertreten.

Bereits am Samstag war das Projekt im „Otto Mauer-Zentrum“ präsentiert worden. Metropolit Serafim bezeichnete dabei den Bau der neuen rumänischen Kirche auf den Nordbahnhof-Gründen als „historisches Ereignis“, „auch für die anderen Christen in Wien“. Das neue Gotteshaus werde „ein Zeugnis des gemeinsamen Glaubens an Christus“ sein und als „spirituelle Lunge“ für ein Stadterneuerungsgebiet fungieren. Der Metropolit erinnerte daran, dass Wien für die orthodoxen Rumänen zunächst des habsburgischen Gesamtstaates, dann ab 1867 der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie immer eine große Anziehungskraft gehabt hatte. Dabei sei es auch um den orthodoxen Glauben gegangen, nicht umsonst habe der große Dichter Mihai Eminescu die Kirche als „Mutter des rumänischen Volkes“ bezeichnet.

Der Metropolit hob die verdienstvolle Arbeit von Bischofsvikar Nicolae Dura seit 1992 hervor. Im Jahr 2008 habe Patriarch Daniel die von Dura initiierte eindrucksvolle Kirche an der Simmeringer Hauptstraße geweiht, mittlerweile sei auch die (von der Erzdiözese Wien geschenkte) Kirche St. Anton im 15. Bezirk dazugekommen. Die starke Zunahme der rumänischen Gemeinde seit der Liberalisierung des Arbeitsmarktes der Europäischen Union habe nun den Bau einer weiteren rumänischen Kirche notwendig gemacht. Auch der rumänische Botschafter in Wien, Bogdan Mazuru, betonte seinen Stolz über den Einsatz der rumänischen Priester in Österreich. Sie seien nicht nur Seelsorger mit einer spirituellen Aufgabe, sondern leisteten auch Wesentliches im kulturellen und sozialen Bereich. Den Bau des neuen rumänisch-orthodoxen Gotteshauses im Stadterneuerungsgebiet der Nordbahnhof-Gründe wertete der Botschafter als „ein Zeichen der Freundschaft zwischen Österreich und Rumänien“.

50.000 rumänisch-orthodoxe Christen in Österreich

Bischofsvikar Dura gab bei der Projektpräsentation im „Otto Mauer-Zentrum“ einen eindrucksvollen Überblick über die Situation der rumänisch-orthodoxen Kirche in Österreich. Er bezifferte die Zahl der rumänisch-orthodoxen Gläubigen im Land mit rund 50.000. Es gebe zwölf „aktive und lebendige“ rumänisch-orthodoxe Pfarrgemeinden. Allein in Wien standen im Vorjahr 248 Taufen nur elf Begräbnisse gegenüber. „Wir fühlen uns hier zu Hause“, betonte der Bischofsvikar und erinnerte an die 300-jährige Präsenz der orthodoxen Rumänen in Wien. Das Verhältnis zu den anderen Kirchen und zur Gesellschaft insgesamt sei von „Dialog und Liebe“ gekennzeichnet, betonte Dura und erinnerte an die Jubiläen des heurigen und des kommenden Jahres: Zehn Jahre Katholisch-Pädagogische Hochschule Wien-Krems mit ihrem umfassenden Ausbildungsprogramm für Religionslehrerinnen und –lehrer aller Konfessionen, 50 Jahre österreichisches Orthodoxen-Gesetz, 60 Jahre Weltkirchenrat. Vor 160 Jahren hätten sich die orthodoxen Bischöfe der damals noch einheitlichen österreichisch-habsburgischen Monarchie für die Errichtung einer orthodoxen theologischen Hochschule in Wien ausgesprochen. Dieser Wunsch gehe jetzt durch die Einrichtung des Master-Lehrgangs für orthodoxe Religionspädagogik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien in Erfüllung.

Georg und Mihaela Baldass unterstrichen bei der Präsentation die Prinzipien ihres Entwurfs für die neue Kirche: Archaische Form, Einfachheit, Treue zur rumänischen Identität, Bezug zu Wien. Bei der Verbindung von Kirchenschiff und Pantokratorturm habe sich man sich vom „raffinierten achteckigen Übergang“ (als Symbol der Ewigkeit) inspirieren lassen, wie ihn die Baumeister der Klöster in der Moldau und der Bucovina praktizierten: „Etwas Besseres gibt es nicht“. Auch in anderer Hinsicht will man sich von den – heute zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärten – Moldau-Klöstern prägen lassen: Obwohl die Klöster erst im 15./16. Jahrhundert entstanden, wurden für den Freskenschmuck an Innen- und Außenwänden nur „Heilige der ungeteilten Christenheit“ vor der Spaltung von 1054 ins Bild genommen. Die Fresken an den Außenwänden der neuen Kirche sollen zu einem Anziehungspunkt nicht nur für die Leopoldstadt, sondern für alle Besucher Wiens werden.

Das für die künftige Wiener Kirche vorbildhafte Freskenprogramm des Klosters Voronet in der Bucovina erläuterte die rumänische Nonne Gabriela Platon. Die Klosterkirche gilt – nicht zuletzt wegen der eindrucksvollen Darstellung des Jüngsten Gerichts – als „Sixtinische Kapelle des orthodoxen Orients“. Kloster Voronet wurde unter der österreichischen Herrschaft in der josephinischen Epoche 1785 aufgelöst, nach dem Fall der kommunistischen Herrschaft 1991 als Frauenkloster wiederbegründet, Gabriela Platon ist eine Nonne von Voronet. Die Klosterkirche zeichnet sich durch die Symphonie von byzantinischen und gotischen Elementen, aber auch durch die innige Verbundenheit des Gotteshauses mit der umgebenden Natur aus. Unterschiedliche Kunsthistoriker haben Voronet als „originellstes Werk ostkirchlicher Architektur“ gewürdigt. Das Programm des inneren und äußeren Freskenschmucks geht wesentlich auf Impulse des moldauischen Herrschers Stefan der Große und des Metropoliten von Iasi, Grigorie Rosca, zurück. Besondere Bedeutung hat das „Blau von Voronet“, das als einmalig in der europäischen Kunstgeschichte gilt. In ihrer Darstellung der Botschaft des Klosters in der Bucovina und seiner Kirche betonte Sr. Gabriela Platon, es gehe nicht um „versteinerte Tradition“, sondern um die „innere Kraft, welche die Seele bestärkt“.

Eingangs hatte die Leiterin des „Pro Oriente“-Generalsekretariats, Regina Augustin, bei der Präsentation im „Otto Mauer-Zentrum“ die Notwendigkeit von „Orten der Begegnung“ als Voraussetzung für den ökumenischen Dialog betont. Ein solches Zentrum der Begegnung könne auch das neue rumänisch-orthodoxe Pfarrzentrum auf den Nordbahn-Gründen werden.

Musikalisch wurde die Präsentation vom Psalter-Quintett der Bukarester Patriarchalkathedrale unter Leitung von Erzdiakon Mihail Buca gestaltet. (ende)