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Franz König

Pro Oriente

Russisch-orthodoxe Kirche gedenkt des Landeskonzils von 1917/18

Von besonderer Bedeutung ist dabei der 100. Jahrestag der Wahl des – heilig gesprochenen – Patriarchen Tichon, mit der nach 200-jähriger Unterbrechung die Tradition des Moskauer Patriarchats wieder aufgenommen wurde

Moskau, 24.09.17 (poi) Die russisch-orthodoxe Kirche bereitet für die erste Dezember-Woche umfangreiche 100-Jahr-Gedenkfeiern an das Landeskonzil von 1917/18, die Wiederherstellung des Moskauer Patriarchats und den Beginn der Kirchenverfolgung durch die Kommunisten vor. Zu den Gedenkfeiern werden Repräsentanten der christlichen Kirchen aus aller Welt erwartet. Metropolit Hilarion (Alfejew), der Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats, überbrachte die entsprechende Einladung vor wenigen Tagen an den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. in Konstantinopel. Auch in der Diaspora wird des Landeskonzils von 1917/18 gedacht. So findet in Paris von 8. bis 10. Dezember am Institut Saint-Serge ein internationales Kolloquium zum Thema statt. Der Titel lautet „Die Rezeption des Moskauer Konzils (1917-2017): Wie kann die kirchliche Konziliarität gelebt und mitgeteilt werden?“ Unter den Referenten ist auch P. Hyacinthe Destivelle vom Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen.

Von besonderer Bedeutung ist für die russisch-orthodoxe Kirche das Gedenken an den 100. Jahrestag der Wahl des – heilig gesprochenen – Patriarchen Tichon (Bellawin). Mit dieser Wahl wurde nach 200 Jahren das Moskauer Patriarchat wiederhergestellt. Zar Peter der Große hatte 1721 das 1589 begründete Patriarchat aufgehoben. Er ließ sich von den protestantischen Kirchenverfassungen in den Staaten des Heiligen Römischen Reiches (SRI) inspirieren. Oberste Kirchenbehörde wurde der „Heiligste Dirigierende Synod“, der seinerseits unter der Kontrolle des „Oberprokurors“, eines weltlichen Beamten, stand.

Die Abschaffung des Patriarchats und die Einführung einer protestantisch inspirierten Synodalverfassung blieb in der russisch-orthodoxen Kirche nahezu 200 Jahre hindurch höchst umstritten. Die breite Bewegung für die Wiedergeburt der russisch-orthodoxen Kirche und die Wiederherstellung ihrer Unabhängigkeit vom Staat brachte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Wahl des Patriarchen auf die Tagesordnung. Aber erst die Februarrevolution von 1917 schuf die Voraussetzungen für die Wiederherstellung des Patriarchats. Bereits wenige Tage nach der Machtübernahme durch die Provisorische Regierung wurde ein Erlass über die Trennung der Kirche vom Staat verkündet. Im August 1917 hob ein weiterer Beschluss das Amt des „Oberprokurors“ auf.

Die endgültige Entscheidung über die Wahl des neuen Patriarchen sollte auf einem Landeskonzil der russisch-orthodoxen Kirche fallen. Zur Koordination der Vorbereitungen für dieses höchste kirchliche Forum bildete der Heilige Synod am 29. April (12. Mai) 1917 einen „präkonziliaren Rat“. Was die Neugründung des Patriarchats angeht, so waren die Meinungen noch im Vorfeld des Konzils gespalten. Das galt sogar für die repräsentativen Organe der Kirche.

Das Landeskonzil wurde am 15. (28.) August 1917 in Moskau feierlich eröffnet. Unter den 564 Mitgliedern waren Bischöfe, Pfarrer, Diakone, Mönche und Nonnen sowie 299 Laien. Die Wiederherstellung des Patriarchats stand als Hauptthema zur Debatte und sorgte für heftige Auseinandersetzungen. Dabei suchten die Anhänger wie die Gegner des Patriarchats ihre Position mit historischen, politischen, moralischen und theologischen Argumenten zu stützen. Unter den Mitgliedern des Konzils stellten die Anhänger des Patriarchats die Mehrheit. Sie setzten sich für ein Patriarchat ein, dem ein starkes Vertretungsgremium mit beratenden Funktionen aus Bischöfen, Priestern und Laien zur Seite stehen sollte. Viele Mitglieder des Konzils plädierten aber auch für eine paritätische Besetzung des Heiligen Synods durch Bischöfe, Priester und Laien, wobei alle demokratisch gewählt werden sollten.

Nachdem man sich auf Wiedereinführung des Patriarchats, „allgemeine Richtlinien über die oberste Leitung der Kirche“ und einen komplizierten Abstimmungsmodus für die Patriarchenwahl geeinigt hatte, kam es im November 1917 zur Wahl. Nach vier Wahlgängen zog der Einsiedler-Mönch Aleksij aus der Zosimova pustyn das Los mit dem Namen von Metropolit Tichon von Moskau. Die Inthronisierungszeremonie des gewählten Patriarchen der ganzen Rus fand am 21. November 1917 in der Kathedrale der Entschlafung der Muttergottes im Kreml statt.

Metropolit Tichon (bürgerlicher Name Wasilij I. Bellawin) stammte aus dem Gouvernement Pskow, er wurde 1865 als Sohn eines Priesters geboren. 1892 legte er die Mönchsgelübde ab, bereits 1897 wurde er in St. Petersburg zum Bischof geweiht. Er wirkte zunächst ein Jahr lang als Bischof von Lublin (das damals russisch war) und wurde dann Bischof der Aleuten und von Alaska, als solcher war er Oberhaupt aller Orthodoxen auf dem nordamerikanischen Kontinent. In den USA wurde der Bischof durch innovative pastorale und soziale Initiativen bekannt. 1907 wurde er Erzbischof von Jaroslawl, 1914 Erzbischof von Wilno (heute als Vilnius litauische Hauptstadt), im Juni 1917 wählten ihn „Klerus und Volk“ zum Metropoliten von Moskau.

Patriarch Tichon schloss die Möglichkeit aus, dass ein Christ sich am Bürgerkrieg beteilige: „Nein, lieber sollen sie uns blutige Wunden zufügen, als dass wir uns der Vergeltung zuwenden, am Ende noch Vergeltung in Form von Massakern, an unseren Feinden oder an denen, die uns der Quell unseres Unglücks zu sein scheinen“. 1922 wurde der Patriarch vom bolschewistischen Regime verhaftet und später im Moskauer Donskoi-Kloster interniert. Eine vom Regime inspirierte und von den sogenannten „Erneuerern“ dominierte Kirchenversammlung beschloss die Absetzung des Patriarchen. Aber 1923 kam er wieder frei, die Beschlüsse der „Erneuerer“ wurden zurückgenommen. 1925 starb der Patriarch, es gab Vermutungen, dass er vergiftet worden sei.

Bereits am 28. August wurde in allen Kirchen des Moskauer Patriarchats aller als Märtyrer heilig gesprochenen (und in liturgisch unterschiedener Form auch der nicht heilig gesprochenen) Mitglieder des Landeskonzils gedacht. Patriarch Kyrill I. zelebrierte den Gedächtnisgottesdienst („moleben“) in der Kathedrale der Entschlafung der Mutter Gottes im Kreml. Unter den heilig gesprochenen Märtyrern sind nahezu 30 russisch-orthodoxe Metropoliten und Bischöfe, die entweder in den ersten revolutionären Jahren 1918-1922 oder während der großen stalinistischen „Säuberung“ (tschistka) 1937/38 von den Bolschewiken ermordet wurden.

In einer Botschaft an die „Bischöfe, Priester, Mönche und Nonnen und alle getreuen Kinder der russisch-orthodoxen Kirche“ erinnerte der Patriarch daran, dass der Inhalt des Landeskonzils von 1917/18 vom Volk Gottes „noch nicht voll erfasst und geschätzt“ wird. Er sei zutiefst überzeugt, dass das Erbe des Konzils ernsthaftes Studium und ernsthafte Reflexion verlange, denn viele der damals geäußerten Ideen seien auch für die Situation von heute nützlich. Kyrill I. verwies auf die Bemühungen um die wissenschaftliche Herausgabe der Dokumente des Konzils. In diesem Zusammenhang nannte der Patriarch auch die umfassende Vorbereitung des Konzils und die ausführliche Berichterstattung und Diskussion in der damaligen säkularen und kirchlichen russischen Presse. Manches Erbe des Landeskonzils – wie die Bedeutung des konziliaren Prinzips („sobornost“) – sei auch im Leben der russisch-orthodoxen Kirche von heute wirksam, unterstrich Kyrill I. Anderes konnte wegen des Bürgerkriegs und der nachfolgenden Kirchenverfolgung nicht in den kirchlichen Alltag übersetzt werden.

Herausgabe der Konzilsakten

Aleksij Beglow, Senior Researcher am Institut für Weltgeschichte an der Russischen Akademie der Wissenschaften und Mitglied des wissenschaftlichen Redaktionsrats zur Publikation der Dokumente des Landeskonzils 1917/18, betonte in einem Interview mit dem „Nachrichtendienst Östliche Kirchen“ (NOEK), das Konzil habe der Bekanntmachung seiner Entscheidungen große Bedeutung beigemessen. 1918 seien die Stenogramme der ersten und teilweise der zweiten Session des Konzils sowie der Sammelband „Bestimmungen und Beschlüsse“ (die grundlegenden kirchlichen legislativen Akte, die das Konzil verabschiedet hatte) herausgegeben worden. Weitere Publikationen der Konzilsunterlagen seien auf Grund der politischen Entwicklung nicht möglich gewesen. Das Archiv des Konzils sei aber dank der selbstlosen Bemühungen einiger Vertreter des Konzilsapparats bewahrt worden und befinde sich heute im Staatlichen Archiv der Russischen Föderation. Im Rahmen des Projekts zur wissenschaftlichen Publikation der Konzilsdokumente stelle sich heute die Aufgabe, den ganzen erhaltenen Korpus der Konzilsunterlagen nach zeitgenössischen wissenschaftlichen Kriterien zu veröffentlichen. Dieses Projekt werde vom Moskauer Nowo Spasskij-Männerkloster unter der Leitung von Bischof Sawwa (Michejew) von Woskresensk unter Mitwirkung säkularer und kirchlicher Forscher umgesetzt. Beglow: „Es werden bisher unpublizierte Dokumente der Konzilsabteilungen veröffentlicht, darunter Briefe, die an das Konzil gerichtet wurden. Diese Briefe sind wertvolle historische Quellen, da sie den Zustand der russischen kirchlichen Gesellschaft zur Zeit des revolutionären Umbruchs abbilden. Die Stenogramme der Plenarsitzungen – teilweise 1918 abgedruckt – werden von uns unter Einbeziehung zuvor unpublizierter Archivmaterialien herausgegeben. Jeder Band ist mit einer wissenschaftlichen Einleitung und Kommentaren versehen, die dem heutigen Publikum die Bedeutung der Arbeit der betreffenden Konzilsabteilungen erschließen. Insgesamt sind gemäß unserer Einschätzung 90 Prozent der Dokumente, die in unserer Ausgabe enthalten sein werden, bisher nicht publiziert worden. Zudem arbeiten wir an der Sammlung ergänzender Materialien, insbesondere ist die Publikation eines Bandes mit den Biographien aller Konzilsmitglieder, mit Pressematerialien von 1917/18, die sich mit dem Konzil beschäftigen, sowie mit Erinnerungen von Zeitgenossen an die Konzilsarbeit geplant“. (ende)