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Die Ökumene muss
weitergehen!

Franz König

Pro Oriente

„Pro Oriente“ ist eine „Königs-Idee“

30-Jahr-Feier der „Pro Oriente“-Sektion Linz im Zeichen des Themas „Libanon im Spannungsfeld der Flüchtlingskrise“ – Vorsitzender Pühringer kündigte an, dass sich die Sektion Linz vor allem auf die Lage der bedrängten Christen im Nahen Osten und auf die Besuchsökumene konzentrieren wird

Linz, 20.10.17 (poi) Als eine „Königs-Idee“ im wahrsten Sinn des Wortes bezeichnete Landeshauptmann a.D. Josef Pühringer am Donnerstagabend bei der 30-Jahr-Feier der „Pro Oriente“-Sektion Linz die Gründung der dem inoffiziellen Dialog zwischen katholischer und orthodoxer Kirche gewidmeten Stiftung durch Kardinal Franz König vor mehr als 50 Jahren. Der Kardinal habe damals die geographische, historische, kulturelle Position Österreichs genutzt, um im Gleichklang mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil Türen zur Welt zu öffnen und den ökumenischen Dialog – der auch für den Aufbau Europas von größter Bedeutung sei – in Gang zu setzen, betonte Pühringer in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der „Pro Oriente“-Sektion Linz. Zugleich erinnerte er daran, dass Kardinal König in seinen letzten Lebenstagen im Gespräch mit dem damaligen Wiener orthodoxen Metropoliten Michael (Staikos) betont hatte: „Die Ökumene muss weitergehen“. Diesem Wort des Kardinals fühle sich die Linzer „Pro Oriente“-Sektion in besonderer Weise verpflichtet.

Als Ziele der Linzer „Pro Oriente“-Sektion nannte Pühringer insbesondere die Bewusstmachung der Situation der Christen im Nahen Osten. Vielen sei die Lage der verfolgten und bedrängten Christen nicht bekannt, man fühle sich nicht berührt durch diese Entwicklungen. „Pro Oriente“-Linz gehe es um einen authentischen Lagebericht, eine Darstellung der Situation der Christen ohne Polemik. Ein weiterer Schwerpunkt sei die Besuchsökumene, die Entdeckung der so vielfältigen östlichen Tradition des Christentums, betonte Pühringer, der zugleich an den ersten Schwerpunkt der Linzer „Pro Oriente“-Sektion erinnerte, die Verbindung mit der orthodoxen Kirche in Tschechien und der Slowakei. In besonders herzlicher Weise begrüßte Pühringer bei der 30-Jahr-Feier den Linzer Altbischof Maximilian Aichern (in dessen Amtszeit die Gründung der Linzer „Pro Oriente“-Sektion erfolgt war), den Gründer der „Initiative Christlicher Orient“ (ICO), em. Prof. Hans Hollerweger, den Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Katholischer Verbände (AKV), Staatssekretär a.D. Helmut Kukacka, der sich für den Wiederaufbau eines christlichen Dorfes in der Ninive-Ebene einsetzt, sowie den scheidenden „Pro Oriente“-Präsidenten Johann Marte.

„Politische Lösung für Syrien steht aus“

Die 30-Jahr-Feier stand im Zeichen des Themas „Libanon im Spannungsfeld der Flüchtlingskrise“. Der österreichische Botschafter in Beirut, Marian Alexander Wrba, verwies auf die Charakteristika des Libanons, die sich aus der historischen Entwicklung erklären: Auf der einen Seite Respektierung der Grund- und Freiheitsrechte, Bildungsstreben, Unternehmergeist, auf der anderen Seite Skepsis gegen gesamtstaatliche Institutionen, Konzentration auf die konfessionell definierte Identität, „man bleibt unter sich“. Im Hinblick auf die massive Präsenz syrischer Flüchtlinge im Libanon gebe es unterschiedliche Haltungen in der libanesischen Politik: Ein Großteil der christlichen Parteien plädiere für die Zusammenarbeit mit der Regierung des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad, während die politischen Formationen der sunnitischen Muslime dies ablehnen.

Botschafter Wrba verwies darauf, dass der libanesische Staat die Schulen für die syrischen Flüchtlingskinder geöffnet hat. Die Flüchtlingskinder werden am Nachmittag oder Abend unterrichtet, die internationale Gemeinschaft übernimmt die Kosten für die Überstunden der Lehrkräfte. Notwendig sei, den Libanesen den Eindruck zu vermitteln, dass ihre Haltung der großzügigen Aufnahme der Flüchtlinge geschätzt wird, so Wrba. Man müsse bedenken, dass die Lebensverhältnisse für die ärmeren Schichten im Libanon seit Beginn des Flüchtlingszustroms deutlich schwieriger geworden seien, weil es jetzt Konkurrenz durch billigere Arbeitskräfte gibt und die Versorgung mit Wasser und Strom Probleme macht. Bei allen Hilfsmaßnahmen für die syrischen Flüchtlinge sollten daher auch die benachteiligten libanesischen Bevölkerungsschichten mitbedacht werden.

Ob es zu einer Rückkehr der Flüchtlinge nach Syrien kommt, sei derzeit noch nicht abzusehen, sagte der Botschafter. Eine politische Lösung stehe nach wie vor aus. In den sogenannten De-Eskalierungszonen in Syrien seien zwar die Kampfhandlungen reduziert worden, aber es gebe nach wie vor keinen Zugang für alle Hilfsorganisationen. In jedem Fall könne es eine Rückkehr der Flüchtlinge nur geben, wenn sie freiwillig erfolge und die Sicherheit gegeben ist. Eine Prognose, wann es zu einer definitiven Beendigung der Syrien-Krise kommen wird, sei derzeit nicht möglich.

Dramatische Folgen des Flüchtlingszustroms

Namens des maronitischen Patriarchen, Kardinal Bechara Boutros Rai, schilderte P. Malek Bou Tanous, der Generalobere der Kongregation der libanesisch-maronitischen Missionare, die Situation in seiner Heimat. Er betonte, dass derzeit im Orient – der Wiege des Christentums – rund 20 Millionen Christen (unterschiedlicher Konfession) mit 350 Millionen Muslimen und sieben Millionen Juden zusammenleben. In den arabischen Ländern sei der Islam die Staatsreligion und der Koran die primäre Rechtsquelle. Eine Ausnahme sei der Libanon, weil hier die Trennung zwischen Religion und Staat bestehe: „Alle Religionen werden respektiert“. Das demokratische System erkennt alle Freiheiten und Menschenrechte an, es gebe Dialog und Miteinander zwischen Christen und Muslimen auf Grund des „Pacte national“ mit einer „egalitären Teilnahme an Macht und Administration“. Tatsächlich sei der Libanon das einzige nahöstliche Land mit Glaubens- und Gewissensfreiheit.

P. Bou Tanous erinnerte daran, dass im Islam Religion, Gesellschaft und Staat eine Einheit bilden. Die politische Macht sei an die Religion gebunden, daher könne der Islam die „Laicite“ nicht akzeptieren. Die Christen des Orients stünden derzeit vor drei Herausforderungen: Das Zusammenleben mit einem „verfälschten Islam, wo die Zahl der Fundamentalisten zunimmt“, der immer noch anhaltende und scheinbar unlösbare Israel-Palästina-Konflikt und die soziale und ökonomische Unsicherheit. Kardinal-Patriarch Rai verweise in diesem Zusammenhang immer auf fünf zentrale Punkte: Christus ist das Licht, das vom Orient ausgegangen ist; die orientalischen Christen sind die Zeugen des Urchristentums; ein Orient ohne Christen hätte keine Freiheit; die orientalischen Christen sind keine Gäste oder Zuwanderer, sondern die Urbevölkerung des Nahen Ostens; die Christen leben seit langem den Dialog mit den Muslimen, der Libanon stellt ein Laboratorium für das Miteinander der Religionsgemeinschaften dar.

Im Hinblick auf die Flüchtlinge aus Syrien müsse man sich immer vor Augen halten, dass der kleine Libanon mit 500 Einwohnern pro Quadratkilometer bereits eine extrem hohe Bevölkerungsdichte hat, betonte der Generalobere. Das Land leide seit jeher unter Wassermangel. Die Infrastruktur sei schwach, das gelte für die Stromversorgung wie auch für das Straßennetz und die Abwasserentsorgung. Der Libanon habe schwere ökonomische Probleme, es gebe zu wenig Arbeitsplätze, die Staatsverschuldung ist hoch.

P. Bou Tanous zeigte an Hand von konkreten Zahlen die dramatischen Folgen des Zustroms der syrischen Flüchtlinge auf: Pro Jahr werden 25.000 libanesische Kinder, aber zugleich 40.000 syrische Flüchtlingskinder geboren. Die Arbeitslosenrate ist auf 30 Prozent gestiegen (40 Prozent der Universitätsabsolventen sind arbeitslos). Die Armut wächst, Krankheiten breiten sich aus, das Gesundheitssystem kann nicht mithalten. Der Tourismus ist um 37 Prozent zurückgegangen (es gibt keine Touristen mehr, die über Syrien kommen). 40 Prozent der Gefängnisinsassen im Libanon sind Syrer, die Zeltstädte der Flüchtlinge sind möglicherweise ein fruchtbarer Boden für terroristische Zellen. Die Lösung des Flüchtlingsproblems hänge von der internationalen Gemeinschaft ab.

Zugleich erinnerte der Generalobere der Kongregation der libanesisch-maronitischen Missionare an die Emigrationsbewegung der nahöstlichen Christen. Am Beginn des 20. Jahrhunderts hätten Christen 20 Prozent der Bevölkerung der arabischen Welt gestellt. Heute seien es nur noch rund fünf Prozent. Aus dem Libanon seien Christen seit den Massakern von 1860 ausgewandert. Heute gebe es in Lateinamerika rund sieben Millionen Christen, die aus dem Libanon stammen, in Nordamerika betrage ihre Zahl 1,3 Millionen, in Ozeanien rund 500.000, mehr als 300.000 in Europa, mehr als 650.000 in Afrika.

Gewalt und Terrorismus könnten nicht anders als „mit Mut und Kultur“ besiegt werden, unterstrich P. Bou Tanous: „Mut, sich der Gewalt entgegenzustellen und Kultur, um den Menschen beizubringen, dass Gott nicht ein ‚Gott des Todes‘, sondern ein ‚Gott des Lebens‘ ist“. Im Grunde sei die Waffe der Kultur die einzige, die „gegen den Terrorismus wirksam sein kann“. Man dürfe aber nicht pessimistisch sein. Die Medien, die schnelle Kommunikation und die Globalisierung seien „Mittel für den Fortschritt“: „Die muslimische Welt, auch die radikalsten unter den Muslimen, können sich dieser kulturellen Revolution nicht entziehen“.

Die orientalischen Christen hätten keinen Komplex, mit Muslimen über unterschiedliche Fragen zu diskutieren „und wenn notwendig auch zu polemisieren“, stellte der maronitische Ordensobere fest: „Sie brauchen jedoch einen Anker, damit ihre Reise auf hoher See sicher verlaufen kann“. Europa müsse seine Mission, seine geschichtliche Rolle und kulturelle Dynamik wiederfinden. Es sei richtig, Staat und Kirche zu unterscheiden. Aber Religion und Gesellschaft gehörten auch zusammen, „sie reisen zusammen durch das ganze Leben“. Die Christen des Orients seien auf diese Reise vorbereitet: „Wenn man ihnen hilft und sie in ihrer Würde schätzt, werden sie einen wichtigen Beitrag zum Dialog mit dem Islam leisten können. Das wird im Interesse der Kultur und der Religion, der Demokratie und der Verständigung der Völker sein“.

„Mit offenen Armen“

Stefan Maier, Leiter der Auslandshilfe der Caritas Salzburg und Nahost-Koordinator der Caritas Österreich, stellte die Situation in Syrien dar. Es habe 500.000 Tote gegeben und zwei Millionen Kriegsverletzte, die Infrastruktur sei fast völlig vernichtet, die durchschnittliche Lebenserwartung sei von 70 auf 55 Jahre gesunken. In der Türkei hätten drei Millionen syrische Flüchtlinge Schutz gesucht, in Jordanien rund 650.000, im Libanon offiziell mehr als eine Million, aber die Dunkelziffer sei dort besonders groß. Jeder zweite Flüchtling sei ein Kind. Im Libanon seien die syrischen Flüchtlinge – trotz der dramatischen Erfahrungen aus dem Libanon-Krieg – anfangs mit offenen Armen aufgenommen worden. Wegen der Erfahrungen mit den Palästinensern ab 1948 gebe es im Libanon aber keine offiziellen Flüchtlingslager.

Bei allen Caritas-Projekten für die Flüchtlinge werde Wert darauf gelegt, dass rund 25 bis 30 Prozent der Hilfsgelder auch der notleidenden libanesischen Bevölkerung zugute kommen, unterstrich Maier. Er stellte Projekte im Libanon vor (wie die Schule der Barmherzigen Schwestern in Broumana oder das Frauenhaus der Caritas Libanon), die ursprünglich auf die Arbeitsmigratinnen aus asiatischen und afrikanischen Ländern ausgerichtet waren, aber heute auch den syrischen Flüchtlingen zu gute kommen. (ende)