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Die Ökumene muss
weitergehen!

Franz König

Pro Oriente

Aufsehenerregender Vorschlag aus Graz für die Kircheneinheit in der Ukraine

Prof. Larentzakis, dessen 75. Geburtstag am Sonntag in der steirischen Landeshauptstadt festlich begangen wird, sieht Möglichkeiten für genuin kirchliche Wege ohne Einmischungsversuche der Politik – „Einheit braucht Zustimmung des Moskauer Patriarchen und des römischen Papstes“

Graz, 27.10.17 (poi) Einen aufsehenerregenden Vorschlag zur Lösung der ukrainischen Kirchenkrise hat der emeritierte Grazer orthodoxe Theologe Prof. Grigorios Larentzakis unterbreitet. Larentzakis, dessen 75. Geburtstag am Sonntag, 29. Oktober, mit einem Festkonzert in Graz und der Überreichung des goldenen Verdienstkreuzes der Metropolis von Austria durch den Wiener orthodoxen Metropoliten Arsenios (Kardamakis) begangen wird, plädiert auf dem Hintergrund seiner profunden Kenntnis der Kirchengeschichte dafür, auch in der Ukraine alle Einmischungsversuche der Politik beiseite zu lassen und einen genuin kirchlichen Weg zu beschreiten. Dabei ist ihm bewusst, dass viele Politiker in der Ukraine und außerhalb ihrer Grenzen nicht verstehen, dass die Kirche nach ihren eigenen Gesetzen leben muss, die keine „vergänglichen politischen Gesetze sind, sondern spirituelle, unverletzliche“. Larentzakis ist ein treuer Sohn des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel – und zutiefst geprägt vom offenen Geist der Theologischen Hochschule von Chalki, die noch immer ihrer Wiedereröffnung harrt.

Sein Ansatz geht weit über die üblichen, aus dem Kleingeld des politischen und geopolitischen Alltags geborgten Vorstellungen über „Kämpfe“ zwischen Konstantinopel und Moskau usw. hinaus. Der Blick von Larentzakis richtet sich auf die gesamte ukrainische Christenheit byzantinischer Tradition: Die autonome ukrainisch-orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats (die einzige derzeit von der Weltorthodoxie anerkannte Jurisdiktion), das „Kiewer Patriarchat“ (an dessen Spitze „Patriarch“ Filaret steht, einst russisch-orthodoxer Bischof in Wien, dann Metropolit von Kiew und Aspirant auf den Moskauer Patriarchenstuhl), die „autokephale ukrainisch-orthodoxe Kirche“ (die auf Bestrebungen der 1920er Jahre zurückgeht), die ukrainischen Eparchien der Diaspora in Nordamerika (die dem Ökumenischen Patriarchat zugeordnet sind) und die ukrainische griechisch-katholische Kirche (die auf der Union von Brest des Jahres 1596 beruht). Der revolutionäre Ansatz des aus Kreta stammenden Grazer orthodoxen Theologen besteht nun darin, dass er eine Einigung aller fünf Jurisdiktionen anpeilt. Dabei ist ihm bewusst, dass eine solche Einigung der Zustimmung sowohl des Moskauer Patriarchen als auch des römischen Papstes bedarf.

Wenn dies gelänge und eine umfassende ukrainische Kirche der byzantinischen Tradition die Autokephalie mit allen Rechten erhielte, würde das nicht nur die volle Kirchengemeinschaft mit der Gesamtorthodoxie bedeuten (womit ein großes innerorthodoxes Probleme beseitigt wäre), sondern es würden auch die besten „hoffnungsvollen Voraussetzungen“ (Prof. Larentzakis) auf dem Weg zur „vollen Communio mit Rom“ geschaffen. Denn dann wäre auch einer der gravierendsten Stolpersteine auf dem Weg zur Einheit zwischen katholischer und orthodoxer Kirche aus dem Weg geräumt: Der „Uniatismus“. Eine umfassende ukrainische Lösung könnte Vorbildwirkung auch für andere Kirchengebiete erlangen, ohne alte und neue Wunden aufzureißen oder das Grundrecht auf Religionsfreiheit in Frage zu stellen. Auf den ersten Blick mag die Vision utopisch erscheinen, was Prof. Larentzakis trotzdem den Mut gibt, diesen Weg vorzuschlagen, ist die tiefe Gläubigkeit und Frömmigkeit der Menschen in der Ukraine, die trotz der grauenhaften Prüfungen, von denen ihre Heimat ab 1914 betroffen war, nie ihr Gottvertrauen verloren haben. Larentzakis sieht in der ukrainischen Problematik eine schmerzliche Streitfrage, die nicht nur die Einheit der „Kirche von Kiew“ torpediert, sondern auch die der ganzen Orthodoxie bedroht. Daher müsse gehandelt und der mühsame Weg der geduldigen, spirituell geprägten synodalen Unterhandlung beschritten werden.

Dass Konstantinopel dabei eine besondere Rolle und Verantwortung zukommt, ist für den aus der Schule von Chalki kommenden Theologen selbstverständlich. Und er zitiert die Worte des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. in dessen Ansprache an in der Georgskathedrale im Phanar versammelte ukrainische Journalisten am 2. Juli dieses Jahres: „Wir beten für Frieden in der Ukraine. Unsere Hoffnung ist, dass der brudermörderische Krieg aufhört. Die Geschichte der Ukraine sollte für das ukrainische Volk heute eine Lehre sein, damit die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt werden. Jaroslaw der Weise, ein Sohn des heiligen Großfürsten Wladimir, förderte die Ausbreitung des Christentums im Kiewer Staat durch die Gründung von Kirchen und Klöstern und durch die Verabschiedung eines von christlichen Prinzipien inspirierten, als ‚Russkaja Prawda‘ bezeichneten Gesetzbuchs, das zum Beispiel die Todesstrafe ausschloss. In seinem Testament suchte Jaroslaw einen Machtkampf unter seinen fünf Söhnen zu vermeiden, indem er das Reich unter ihnen aufteilte. Er erkannte die Gefahr, die von Teilungen zwischen Brüdern ausgehen kann, und forderte sie auf, in Frieden miteinander zu leben. Leider wurde dieser Rat des weisen Vaters nicht befolgt…Die Geschichte des Heiligen Wladimir und seines Sohnes Jaroslaw sollte das ukrainische Volk heute auferbauen. Die Bekehrung zum Christentum mag aus vor allem politischen Gründen erfolgt sein, aber die Annahme der Religion diente dazu, die Bedingungen für Frieden und Stabilität zu schaffen, damit Kultur und geistliche Entwicklung aufblühen konnten. Das gilt auch für heute. Einheit und Frieden sind für das Volk und die Kirche der Ukraine überaus erwünscht und essenziell“.

Die Ukrainer hätten – wie alle anderen Ostslawen – die Taufe von der Mutterkirche Konstantinopel empfangen, erinnert Prof. Larentzakis. Das Ökumenische Patriarchat in Konstantinopel sorge sich deshalb „wie eine Mutter“ um die Christen am Dnjepr. Aber das Patriarchat wolle das zweifellos nicht „gegen irgendjemand“ tun, sondern nur in brüderlicher Eintracht „mit allen, die für die Christen der byzantinischen Tradition in der Ukraine Verantwortung tragen“.

Im zweiten Jahrtausend seien – etwa mit der Proklamation des Moskauer Patriarchats im 16. Jahrhundert - autokephale orthodoxe Kirchen entstanden, denen die Autokephalie (Selbständigkeit) vom Ökumenischen Patriarchat eröffnet wurde, so der Grazer Theologe. Das damals wie heute Entscheidende sei, den Irrweg des „Phyletismus“ (des religiös überhöhten Ethnonationalismus) zu vermeiden. „Dieser Irrweg wurde bereits bei der Synode von Konstantinopel 1872 feierlich als Häresie verurteilt“, betont Prof. Larentzakis. (ende)