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Franz König

Pro Oriente

Libanesische Religionsführer wollen Sonderstatus für Jerusalem

Bei dem vom maronitischen Kardinal-Patriarchen Rai einberufenen „Gipfeltreffen“ wurde von Christen und Muslimen einhellig scharfe Kritik an der Entscheidung von Präsident Trump in Sachen Jerusalem geübt

Beirut, 16.12.17 (poi) Jeder einseitige Versuch, Jerusalem als Hauptstadt Israels zu etablieren, sei „unfair“ und verstoße gegen die internationalen Konventionen zum Profil der Heiligen Stadt. Dies betonte der maronitische Patriarch, Kardinal Bechara Boutros Rai, bei der Eröffnung des christlich-islamischen „Gipfeltreffens“ in Bkerke, bei dem eine gemeinsame Position zur Entscheidung Präsident Trumps über die Verlegung der US-Botschaft in Israel nach Jerusalem formuliert wurde. „Wir verlangen die Anwendung der 1947 beschlossenen internationalen Regelungen, vor allem der Resolution 181 vom 29. November 1947, die einen Sonderstatus für Jerusalem vorsieht“, stellte Kardinal Rai fest. Bei dem Treffen in Bkerke waren die wichtigsten Oberhäupter der Religionsgemeinschaften anwesend, u.a. der armenisch-apostolische Katholikos Aram I., der syrisch-katholische Patriarch Ignatius Yousif III. Younan, der griechisch-katholische Patriarch Yousif Absi, der sunnitische Großmufti Abd-el-Latif Deriane und der schiitische Großmufti Ahmad Kabalan. Kardinal Rai erinnerte erneut daran, dass internationale Resolutionen respektiert werden müssen, die den Sonderstatuts Jerusalems und der heiligen Stätten von Juden, Christen und Muslimen schützen.

Im gemeinsamen Schlusskommunique der religiösen Führungspersönlichkeiten, das vom Generalsekretär des libanesischen Nationalkomitees für den christlich-islamischen Dialog, Mohammad Sammak, verlesen wurde, heißt es wörtlich: „Die Stadt Jerusalem beherbergt historische heilige Orte für die monotheistischen Religionen wie die Grabeskirche und die Al-Aqsa-Moschee. Es ist nicht eine Stadt wie jede andere auf der Welt, sie hat einen privilegierten Platz im Bewusstsein der Gläubigen dieser Religionen inne. Daher stellt die auf dem persönlichen politischen Kalkül des US-Präsidenten beruhende Entscheidung eine Provokation für Milliarden von Gläubigen dar und verletzt zutiefst deren Glauben“. Fast alle Staats- und Regierungschefs der Welt hätten sich entschlossen, die UN-Resolutionen zu respektieren, die Ost-Jerusalem und Cisjordanien als besetzte Gebiete bezeichnen; im Hinblick darauf hätten sie davon abgesehen, Botschaften in Jerusalem einzurichten. Auch die USA hätten bis zur jüngsten Entscheidung von Präsident Trump diese Politik verfolgt.

Die Entscheidung Trumps widerspreche nicht nur internationalen Vereinbarungen, sondern unterminiere auch die symbolische Bedeutung der Heiligen Stadt als universales spirituelles Zentrum, wo „der Name Gottes in der Übereinstimmung der Werte aller monotheistischen Religionen angerufen wird“, heisst es in dem Kommunique von Bkerke weiter. Die in Bkerke versammelten Führungspersönlichkeiten hätten den Widerstand des palästinensischen Volkes gegen die Versuche zur Veränderung der „religiösen und nationalen Identität der Stadt Jerusalem“ begrüßt und die internationale Gemeinschaft aufgerufen, Druck auf die US-Regierung im Hinblick auf einen Widerruf der Entscheidung Trumps auszuüben, der „jene Weisheit abgeht, die für die Architekten des wahren Friedens notwendig ist“. Zugleich sei auch an die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten appelliert worden, damit sie den Präsidenten und seine Regierung darauf verweise, dass die Jerusalem-Entscheidung den Nahen Osten in einen neuen Teufelskreis der Gewalt stürzen könne.

Die religiösen Führungspersönlichkeiten betonten im gemeinsamen Kommunique ihre Verbundenheit mit dem libanesischen Modell des Miteinanders von Christen und Muslimen auf der Basis völliger staatsbürgerlicher Gleichberechtigung; zugleich sprachen sie sich für den Vorschlag von Staatspräsident Michel Aoun aus, dass die Vereinten Nationen den Libanon zum „internationalen Zentrum für den Dialog zwischen den Religionen“ proklamieren sollten. (ende)