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Franz König

Pro Oriente

Wien: Abschied von P. Bonifaz Tittel

Der Wiener Benediktiner und Pionier des praktischen Dialogs zwischen römisch-katholischer und russisch-orthodoxer Kirche war fasziniert von der Spiritualität der “Starzen”

Wien, 30.03.18 (poi) Das Begräbnis des im 71. Lebensjahr verstorbenen Wiener Benediktiners und Brückenbauers zwischen dem kirchlichen Wien und dem kirchlichen Moskau, Prof. P. Bonifaz Tittel, findet in der kommenden Woche statt. In der Schottenabtei wird am 6. April um 18 Uhr das Requiem gefeiert, die Begräbnisfeierlichkeiten folgen am 7. April (es ist der Tag des orthodoxen Auferstehungsgottesdienstes) um 15 Uhr in der Pfarrkirche St. Anna in Breitenlee im 22. Bezirk (Aufbahrung ab 10 Uhr). Die Beisetzung erfolgt auf dem Friedhof des Schottenstifts in Breitenlee. Im Sinn von P. Bonifaz wird gebeten, von Blumenspenden abzusehen und stattdessen für die Priesterausbildung in der russisch-orthodoxen Kirche zu spenden (Konto Pfarre Breitenlee Volksbank Wien, IBAN 08 4300 0302 0724 0000, Kennwort P. Bonifaz).

Der Dialog mit der russisch-orthodoxen Kirche spielte im Leben und Wirken von P. Bonifaz eine zentrale Rolle. Dabei ging es ihm vor allem auch um die Spiritualität, insbesondere jene der “Starzen”. Er übersetzte zB das Buch “Auf den Bergen des Kaukasus”, das die Erfahrungen zweier Einsiedler mit dem Jesus-Gebet beschreibt. Neben den „Aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers“ gilt dieses erstmals 1907 erschienene Buch als wichtigste Schrift über das Jesus-Gebet. Der Verfasser, der russische Mönch Ilarion Domratschew (1845-1916), lebte mehr als 20 Jahre im russischen Panteleimon-Kloster auf dem Berg Athos, dort war er Schüler des Starez Desiderij. Dann übersiedelte er in das neugegründete Kloster Neu-Athos in Abchasien, lebte aber vorwiegend als Einsiedler. In dem Buch stellt er die Gebetserfahrung des Starez Desiderij und seine persönlichen Erfahrungen dar. P. Bonifaz fasste die Botschaft des Buches so zusammen: “Dieses Buch möchte die Freude am Gebet wieder wecken. Es möchte zu einer Pilgerreise einladen, an deren Ende die persönliche Begegnung mit Gott steht“. Weitere Publikationen von P. Bonifaz galten u.a. dem Heiligen Seraphim von Sarow, dem Heiligen Paisij Welitschkowskij, dem großen Mystiker und Starzen (“Lilien auf dem Felde”); ein Buch über den Heiligen Lukas von der Krim, der als Arzt und Bischof der bolschewistischen Kirchenverfolgung Widerstand leistete, war in Vorbereitung.

Die Begegnung mit der russisch-orthodoxen Kirche prägte den geistlichen Weg von P. Bonifaz (der von 1975 bis 2011 am Schottengymnasium Professor für Religion und Russisch war) schon ab dem Studium. Am Fest Kreuzerhöhung des Jahres 1966 (14. September) trat er in die Wiener Benediktinerabtei Unserer Lieben Frau zu den Schotten ein. Nach dem Noviziat studierte er Fachtheologie und Religionspädagogik an den Universitäten Wien und Salzburg, wo er sich wissenschaftlich auch mit der orthodoxen Theologie beschäftigte. In Salzburg wurde Abt Emmanuel Heufelder von Niederaltaich, ein Vorkämpfer des ökumenischen Gedankens, sein geistlicher Begleiter und Ratgeber. Am 6. Jänner 1972 – dem Vorabend des Weihnachtsfestes der russisch-orthodoxen Kirche – wurde er zum Priester geweiht. In der Vorbereitung zur Priesterweihe am Tag davor luden Abt Emmanuel Heufelder und Schotten-Abt Bonifaz Sellinger den jungen Mönch ein, sich für den Aufbau von tieferen Beziehungen zwischen der russisch-orthodoxen Kirche und der römisch-katholischen Kirche einzusetzen. So studierte er 1972-1977 das Fach Kombinierte Religionspädagogik/Lehramt Russisch an der Universität Wien und schloss das Studium mit der Diplomarbeit zum Thema „Die Renaissance der Väterliteratur bei den Starzen von Optina Pustyn“ ab.

Ein Jahr in St. Petersburg

Auf Vermittlung des Betreuers seiner Diplomarbeit, Prof. Ernst Ch. Suttner, verbrachte er 1977/78 ein Studienjahr im Rahmen der Kooperation zwischen dem vatikanischen Sekretariat zur Förderung der Einheit der Christen und dem Außenamt des Moskauer Patriarchats unter Metropolit Nikodim (Rotov) in der Geistlichen Akademie von St. Petersburg, das damals noch Leningrad hieß. Kyrill Gundjajew, der jetzige Moskauer Patriarch, war zu dieser Zeit Rektor der Akademie. 1979 führte P. Bonifaz auf Anregung von Abt Bonifaz das Fach Russisch als „Alternatives Pflichtfach“ ab der 5. Klasse im Schottengymnasium ein und unterrichtete dort bis zum Ende des Schuljahres 2011 Russisch und Katholische Religion. 1989 startete er das bahnbrechende Schüleraustauschprogramm mit einer Moskauer Schule (dem heutigen Moskauer Bildungszentrum Nr. 1434). Als langjähriges Begleitprogramm des Russisch-Unterrichtes wurde 1980 auch ein „Russisch-Chor“ gegründet, der sich großer Beliebtheit erfreute. Am Anfang begleitete der Chorleiter der Wiener russisch-orthodoxen Kathedrale, Ioann Rumpel, den Chor, später übernahmen Absolventen des Schottengymnasiums diese Aufgabe. Die Lieder vermittelten immer wieder einen auch emotionalen Zugang zur russischen Kultur.

Kardinal Franz König und Kardinal Christoph Schönborn unterstützen das Engagement von P. Bonifaz für den Dialog zwischen der katholischen und der orthodoxen Kirche. 1997 war P. Bonifaz an der Organisation des Besuchs von Patriarch Aleksij II. in Österreich beteiligt. Er bereitete 1997 das Besuchsprogramm von Kardinal Schönborn in Russland vor. Patriarch Aleksij II., Patriarch Kyrill und der Leiter des Außenamtes des Moskauer Patriarchats, Metropolit Hilarion (Alfejew), schätzten seine verbindende Haltung zwischen den Kirchen.

Als Konsultor von “Pro Oriente” (seit 1989), als Berater der österreichischen Caritas (100 LKW Hilfslieferungen im Winter 1990/91, die von russischen Pfarren und Klöstern verteilt wurden, Errichtung von Bäckereien in russischen Klöstern und Diözesen) und in freundschaftlichen Beziehungen zu russischen Geistlichen pflegte er zeitlebens Kontakte zur russisch-orthodoxen Kirche. Besonders der früh verstorbene Wiener russisch-orthodoxe Pfarrer Michail Turtschin war für ihn ein Gesprächs- und Projektpartner, mit ihm verband ihn eine jahrelange geistliche Freundschaft.

Das Wirken von P. Bonifaz wurde vom Moskauer Patriarchen Aleksij II. durch die Verleihung des Ordens des Hl. Sergius von Radonesch gewürdigt. Auch die Russische Föderation und die Republik Österreich zeichneten den Wiener Benediktiner aus.

Knapp vor seinem Übertritt in den Ruhestand fasste P. Bonifaz noch einmal seine aus der Erfahrung gewonnenen pädagogischen Überzeugungen zusammen: “1. Erziehung ist niemals wertfrei. Das Schottengymnasium ist eine Einrichtung der römisch-katholischen Kirche. Das Evangelium Jesu Christi, die Menschenfreundlichkeit Gottes, ist uns so wertvoll, dass wir es in allen Lebensbereichen verkünden und umsetzen wollen, auch wenn es oft schlecht gelingt. Man kann den Glauben niemand aufzwingen, aber er ist unser wichtigstes Angebot. Gute Bildung ohne gelebten Glauben trägt auf die Dauer im Leben nicht. 2. Glaube braucht Bildung. Kultur und Kult haben dieselbe Wurzel. Ein fachlich kompetenter gläubiger Lehrer überzeugt durch Wissen und Haltung, auch in reinen Sachfragen, da ein Lehrer nicht nur ein Fach, sondern auch sich selbst vermittelt. Ein ungebildeter Glaube, aber auch reine Wissenschaftsgläubigkeit führen zu Fanatismus und Einseitigkeit. Das Gebet gibt der Arbeit Sinn, die Arbeit macht das Gebet glaubwürdig. 3. Erziehung kann man nicht delegieren. Die Schule kann die Familie nicht ersetzen. Die Zeit, die Eltern für ihre Kinder aufbringen, ist nie verloren und gibt das emotionelle Fundament, auf dem die Leistung aufbauen kann. Erziehung, ob in Schule oder Familie, hängt mit Beziehung und Nähe zusammen”. (ende)

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