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Wenn die großen nichts
machen, dann sollen die
kleinen beginnen.

Kardinal Franz König

Pro Oriente

Symposion an der Universität Wien (März)

Die Untergrunderfahrungen der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche

Am 6. März 2015 fand im Dekanatssitzungssaal der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien das internationale Symposium zum Thema „Die Untergrunderfahrungen der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche (1946-1989): Herausforderungen und Chancen“, statt.

Symposium Die Untergrunderfahrungen der UkrainischDr. Mykhaleyko im Gespräch mit Dr. GaladzaBegrüßung durch Prof. Pokschi

Das Symposium, das vom Institut für Historische Theologie (Fachbereich: Theologie und Geschichte des christlichen Ostens) in Zusammenarbeit mit dem Ordinariat für die Gläubigen des byzantinischen Ritus in Österreich und mit PRO ORIENTE organisiert wurde, widmete sich dem 25-jährigen Jubiläum der offiziellen Wiedererrichtung der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche, die 1946 unter Stalin offiziell liquidiert wurde. Als Referenten trugen Dr. Oleh Turij (Lviv, Ukraine) und Dr. Andriy Mykhaleyko (Eichstätt, Deutschland) vor. Den Vorträgen und der Diskussion anschließend folgte die Eröffnung der Ausstellung „Zum Licht der Auferstehung durch die Dornen der Katakomben“, die auf Basis der historischen Quellen, den Zeugenberichten und den Bildern aus Privatkollektionen das Leben der verfolgten Kirche in der Ukraine von 1939 bis 1991 veranschaulichte. Die Ausstellung haben die Mitarbeiter des Instituts für Kirchengeschichte der Katholischen Universität in Lviv vorbereitet.

Vortrag Dr. Turij

Dr. Oleh Turij führte in seinem Vortrag aus, dass die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche sich als ukrainische katholische Volkskirche verstand. Das Attribut „ukrainisch“ verwies auf die Teilhabe und Nachfolge der Kyjiwer ekklesialen Tradition, deren Ursprünge zurück ins 10. Jh. reichen. „Katholisch“ signalisierte die Anerkennung des Papstes als des ersten Bischofs. Die volkskirchliche Dimension der Identität bestand darin, dass die Griechisch-Katholische Kirche in Abwesenheit der Staatlichkeit als konsolidierender Faktor im Bewusstsein vieler Ukrainer war. Alle diese drei Identitätsfaktoren dienten als Grund der Verfolgung, denn die Verbundenheit mit dem ukrainischen Volk und mit den „westlichen Verwandten im Glauben“, laut der Formulierung von Dr. Oleh Turij, passte nicht zusammen mit dem totalitaristischen System und galt für die sowjetischen Behörden als große Schuld.
Dr. Oleh Turij machte auch darauf aufmerksam, dass der Liquidierungsplan (dieser verbreitete sich auf verschiedene Kirche) von den Geheimdiensten lang ausgearbeitet wurde. Mit Rücksicht auf die gesellschaftliche Rolle der Kirche, die von den Behörden wahrgenommen wurde, gab es die Direktive, bis zum Ende des II. Weltkrieges jegliche offene Auseinandersetzung zu vermeiden. Die in März 1946 einberufene Pseudosynode, weil kein Bischof dort anwesend war, beschoss die offizielle Liquidierung der Griechisch-Katholischen Kirche. Der Klerus und die Gläubigen wurden inhaftiert und zur Verbannung in die Konzentrationslager Sibiriens und Kasachstans verurteilt. Viele von ihnen erlitten einen grausamen Tod.

Vortrag Dr. Mykhaleyko

Der Vortrag von Dr. Andriy Mykhaleyko widmete sich dem Leben und Wirken der verbotenen Kirche im Untergrund. Das Untergrundleben stellte eine eigene ekklesiale Identität dar. Das Leben war durch viele Herausforderungen gekennzeichnet, z. B. die Gewährleistung der kirchlichen Strukturen, die Priesterausbildung und die Ausübung der Seelsorge.
Man bemühte sich die institutionelle Existenz der Kirche durch die Weihe neuer Bischöfe zu sichern. Wobei viele als „Reserve“ geweiht wurden, um das bischöfliche Amt anzutreten, wenn die tätigen Bischöfe ermordet würden. In der anschließenden Diskussion wurde darauf aufmerksam gemacht, dass diese Bischöfe zumeist vom Apostolischen Stuhl aus (ökumenisch) diplomatischen Gründen nicht anerkannt wurden.
Dr. Andriy Mykhaleyko erzählte, dass die Priesterausbildung langjährig und individuell gewesen war und geheim gehalten werden musste. In den geheimen Priesterseminaren studierten daher vorwiegend Männer aus dem Umfeld der aktiven Kleriker und Ordensleute.
Die Seelsorge umfasste die geistliche Begleitung der Gläubigen in den Konzentrationslagern und in der Sowjetukraine. Trotz der Auflösung der Klöster sind die Ordensleute ihrer Berufung weiter nachgegangen und unterstützen die Bischöfen und Priestern bei der Seelsorge.

Diskussion

In der Diskussion haben die Referenten ausdrücklich betont, dass das Untergrundleben der Kirche keine Konspiration gewesen sei. Die Liturgie wurde in den Privatwohnungen und Häusern weiterhin gefeiert. Kirchliche Praxis in der Öffentlichkeit zu zeigen, wurde aber strengstens verboten. Die Vortragenden haben auch die Hoffnung geäußert, dass die letzten politischen Ereignisse und die Revolution der Würde in der Ukraine den Zugang zu den geheimen KGB Dokumenten ermöglichen, deren Erforschung noch mehr Licht auf die Verfolgungsgeschichte der Griechisch-Katholischen Kirche werfen würde.

Bericht: Khrystyna Fostyak


Sektion: Wien