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Pro Oriente

Die Orientalischen Kirchen

Historisch-Theologische Hinführung

Definition des Begriffs "orientalische Kirchen"

Die in diesem Abschnitt behandelten Kirchen waren lange dem Blickfeld der westlichen Christenheit verborgen. Aufgrund ihrer geographischen Lage im Nahen und Mittleren Osten werden sie als "(alt-)orientalisch" bezeichnet. Auch als "vor-ephisinische" und "vor-chalzedonensische" Kirchen sind sie ihrer Geschichte und Theologie wegen bekannt. Diese beiden Begriffe sind allerdings problematisch, da sie von einem bestimmten Konzilsverständnis und der Notwendigkeit der Anerkennung von Synoden des Römischen Reiches durch die gesamte Kirche ausgehen. Die genannten Kirchen gehörten aber zum Teil oder zu gewissen Zeiten dem Imperium Romanum nicht an. Aus dem Blickwinkel der Kirche des Römischen Reiches (heute die römisch-katholische Kirche und die orthodoxe Kirche) wurden sie bis in die Gegenwart der Häresie des "Nestorianismus"einerseits und des "Monophysitismus" andererseits bezichtigt. Wie die dogmenhistorische und ökumenische Forschung zeigt, sind die Zuweisungen falsch. Um diese orientalischen Kirchen kennenzulernen, müssen wir zunächst einen kurzen Blick in die Theologiegeschichte werfen.

Die zentrale theologische Frage des Christentums

Von Anfang an wurde die Kirche im Ringen um den wahren Glauben durch die zentrale theologische Frage des Christentums erschüttert: Wie ist die Einzigartigkeit Jesu Christi als vollkommener Gott und vollkommener Mensch zu verstehen und wie drückt man dies sprachlich aus? Inwieweit können wir also den Satz im Prolog des Johannesevangeliums "und das Wort ist Fleisch geworden" (Joh 1,14) begreifen?

Das in die hellenistische Welt vordrängende Christentum sah sich mit einer reichen philosophischen Tradition konfrontiert. Wollte die junge Kirche in diesem Umfeld bestehen, dann konnte sie sich der systematisch-theologischen Bearbeitung der genannten Frage nicht entziehen. Vor allem zwei Probleme waren diesbezüglich in den ersten Jahrhunderten zu klären: ein trinitätstheologisches nach dem Verhältnis des Sohnes zum Vater und ein christologisches nach dem Verhältnis von Gottheit und Menschheit im Sohn. Bei diesen Versuchen, Jesus Christus zu verstehen, gab es natürlich auch Fehlentwicklungen und Mißverständnisse, die im christologischen Lernprozeß als untauglich angesehen, abgelehnt und ausgeschieden wurden. So traten die Kirchenväter unter anderem gegen die Irrlehren der Gnosis und des Doketismus, gegen den Adoptianismus und die verschiedenen Formen des Modalismus auf. Die Auseinandersetzungen um die Lehre des alexandrinischen Priesters Arius (gestorben 336) führten schließlich auf dem Konzil von Nizäa (325) zu jenem Glaubensbekenntnis, das mit der Erweiterung des Konzils von Konstantinopel (381) zum gemeinsamen Symbolum aller christlichen Kirchen wurde. Dadurch, daß man gegen Arius die Gleichheit des Sohnes mit dem Vater formuliert hatte, waren die Schwierigkeiten jedoch noch nicht ausgeräumt.

Im 5. Jh legten die theologischen Überlegungen um das Mysterium Christi gemeinsam mit dem machtpolitischen Ambitionen den Grundstein für die kommenden Kirchenspaltungen. Gegenüber Nizäa war die Frage zu lösen, wie denn das Einssein des Göttlichen und Menschlichen in Christus zu verstehen und auszudrücken sei.

Die Fehde zwischen Nestorius und Cyrill

Die diesbezügliche Fehde zwischen Nestorius, dem Patriarchen von Konstantinopel (428-431), und Cyrill, dem Patriarchen von Alexandrien (412-444), erfaßte den ganzen Mittelmeerraum. Das Hauptanliegen des Nestorius war die Betonung der beiden vollständigen Naturen Christi, der göttlichen und der menschlichen. Er trat damit vor allem gegen die Häresie des Apollinarismus auf. In den Augen seiner Gegner schien er dabei die Einheit der beiden Naturen zu vernachlässigen. Ausgetragen wurde der Streit auf einem theologischen Nebenschauplatz, der Auseinandersetzung um den Titel "Theotokos" (Gottesgebärerin). Nestorius meinte, man sollte den Ausdruck Theotokos durch "Christotokos" (Christusgebärerin) ersetzen, da die Jungfrau nur die menschliche Natur gebären könne. Das durchaus ernsthafte Anliegen des Nestorius führte durch dessen unsensible Vorgangsweise und durch die jeweiligen kirchenpolitischen Interessen zum Eklat.

Gegen Nestorius trat nun Cyrill auf den Plan. Wie schon sein Vorgänger Theophilus, so fand auch er als Bischof von Alexandrien wenig Gefallen daran, daß die Kirche von Konstantinopel auf dem 2. Ökumenischen Konzil (381) als "Neues Rom" vor Alexandrien an die zweite Stelle gereiht worden war. Denn zuvor, beim Konzil von Nizäa (325), war die Rangfolge der Patriarchate mit Rom, Alexandrien und Antiochien festgelegt worden. Seither waren die Auseinandersetzungen um den Vorrang im Osten des Reiches ein schwelender Konfliktherd.

Man kann Cyrill vielleicht vorwerfen, daß so manche seiner Handlungen nicht von der Sorge um die Rechtgläubigkeit getragen waren, jedenfalls scheint er der bessere Theologe als Nestorius gewesen zu sein. Er erkannte, daß die Inkarnation nicht nur eine äußerliche Einheit, eine Relation von Gottheit und Menschheit zueinander ist, sondern eine wirkliche, ontologische, naturhafte Einheit. Oder mit theologischen Worten: eine physische bzw. hypostatische Union.

Das Konzil von Ephesus

Kaiser Theodosius II. (408-450) war um den Frieden im Reich besorgt und berief ein Konzil nach Ephesus (431) ein. Da die Lage äußerst angespannt war, entsandte er auch Truppen, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Dennoch verhinderte dies nicht einen tumultartigen Verlauf des Konzils. Letztlich wurde der Position Cyrills Recht gegeben und Nestorius exkommuniziert.

Das allzu Menschliche dieses Konzils darf über die Bedeutung der theologischen Aussage nicht hinwegtäuschen. Cyrill betont die Einheit von Gottheit und Menschheit Jesu Christi. Maria kann daher mit Recht Gottesgebärerin genannt werden, weil sie den schon Geeinten empfangen, ausgetragen und geboren hat. Der Brief des Cyrill von Alexandrien an Nestorius mit der Formulierung "die eine Natur (mia physis) des fleischgewordenen Logos Gottes" wurde als wahrer Ausdruck des christlichen Glaubens und als Treueerklärung zum Bekenntnis von Nizäa (325) angenommen.

Die Unionsformel

Das Konzil endete mit einer Kirchenspaltung zwischen der Kirche von Antiochien, die zu Nestorius hielt, und jener von Alexandrien. Die Auseinandersetzungen nach dem Konzil brachte die beiden Parteien einander wieder näher, und führten zu einer christologischen Übereinkunft, der sogenannten Unionsformel (433). Dieser Einigung fiel Nestorius zum Opfer, denn nun stimmten auch die antiochenischen Bischöfe seiner Absetzung zu. Nestorius wurde nach Ägypten verbannt, seine Anhänger wurden allmählich über die Grenzen des Römischen Imperiums hinausgedrängt. Sie schlossen sich der ostsyrischen Kirche in Persien an. Heute ist diese Kirche als Assyrische Kirche des Ostens in das ökumenische Bewußtsein zurückgekehrt. Ein großer Teil ist in Gemeinschaft mit der römischen Kirche. Dies ist die Chaldäische und die Syro-Malabarische Kirche.

Mit der Unionsformel (433) kam jedoch noch keine Ruhe in die Kirche. Die Terminologie Cyrills war wohl ein gewaltiger Schritt vorwärts, jedoch noch zu unpräzise. Die Gegensätze in der begrifflichen Abgrenzung der Einheit in Jesus Christus konnten noch nicht überwunden werden. Es gab nach wie vor die Möglichkeit von Mißverständnissen und Mißinterpretation des Christusglaubens.

Die Glaubenslehre des Archimandriten Eutyches

Die Abwehrstellung gegen die Anhänger des "Nestorianismus", denen man vorwarf, die göttliche und menschliche Natur zu trennen, führte zu jener Glaubenslehre des Archimandriten Eutyches (gestorben 454), die man im theologischen Sprachgebrauch mit Recht als "Monophysitismus" bezeichnet und verwirft. Eutyches stand kirchenpolitisch auf der Seite Alexandriens und hatte Einfluß am Hof des Kaisers Theodosius. Er war ein sturrer Anhänger der Lehre Cyrills und dürfte wohl kein großer Theologe gewesen sein, denn seine "Lehre" beschränkt sich auf eine Simplifizierung der Aussagen Cyrills. Die Einheit der Gottheit und der Menscheit in Christus, an der Cyrill so streng festhielt, bedeutete für Eutyches so etwas wie die Auflösung der Menschheit Jesu in der Gottheit.

Der am Hof einflußreiche Eutyches wurde sowohl von Patriarch Flavian von Konstantinonpel (446-449) als auch von Papst Leo I. von Rom (440-461) verurteilt. Nach mancherlei Palastintrigen beruft Kaiser Theodosius II. neuerlich ein Konzil von Ephesus (449) ein. Unter dem Vorsitz des Patriarchen Dioskur von Alexandrien (444-457) wird Eutyches rehabilitiert und Patriarch Flavian für abgesetzt erklärt. Wiederrum zeigt Alexandrien dem "Neuen Rom", wer tatsächlich Vorrang im Osten hat. Darüberhinaus weigerte sich Dioskur, das christologische Lehrschreiben Leos an Flavian (Tomus Leonis) zu verlesen, was den empörten Papst veranlaßte, dieses Konzil eine "Räubersynode" zu nennen. Tatsächlich scheinen die Ergebnisse aber kaum heftiger gewesen zu sein, als beim ersten Konzil von Ephesus (431). Die nunmehrige Konstellation der Partein zeigt den Verlauf der Trennungslinie des späteren Schismas: Rom und Konstantinopel auf der einen Seite, Alexandrien auf der anderen.

Das Konzil von Chalzedon

Nach dem unerwarteten Tod Kaiser Theodosius' übernahmen seine Schwester Pulcheria und deren Gatte Markian die Macht. Da sich die Diskussion um das christologische Bekenntnis verstärkte und die Gemüter sich erhitzten, beriefen sie ein Konzil nach Chalzedon (451) ein. Dort wird Dioskur abgesetzt, jedoch nicht als Häretiker verurteilt. Daß der mächtigste Patriarch des Ostens, der Nachfolger des heiligen Cyrill, in die Verbannung geschickt wurde, war für die Alexandriner ungeheuerlich. Da die Verurteilung auf Initiative des päpstlichen Legaten Paschasinus geschah, liegt die Vermutung nahe, daß es sich um eine Revanche für das Ignorieren des Tomus Leonis auf der Synode von 449 handelte.

Erst auf Drängen des Kaiserpaares entschließen sich die Konzilsväter zur Abfassung einer neuen Glaubensformel. Ursprünglich wollte man über die Bekenntnisse von Nizäa (325) und Konstantinopel (381) hinaus kein neues Symbolum formulieren. Zusammenfassend sei zu diesem Christusbekenntnis festgestellt: Das Konzil von Chalzedon hatte versucht, das Geheimnis der vollkommenen Gottheit und der vollkommenen Menschheit Jesu Christi mit der Sprechweise von "zwei Naturen in einer Person" zu erfassen und die Begriffe zu klären. Darin sah ein Teil der Bischöfe - vor allem des alexandrinischen, aber auch des antiochenischen Patriarchates - den wahren Glauben gefährdet. Sie meinten, daß damit die Christologie Cyrills von Alexandrien, die beim Konzil von Ephesus (431) als rechtgläubig angenommen worden war, verraten sei und dies eine Annäherung an die Christologie des Nestorius bedeute. Auch gelang es dem Konzil noch nicht, die für die chalzedonensische Glaubensformel wichtigen, jedoch umstrittenen theologischen Begriffe (physis, hypostasis, prosopon) klar zu differenzieren. Dies wird erst in der nachchalzedonensischen Zeit geleistet. Den chalzedonesischen Kirchen wurde nun vorgeworfen, Nestorianer zu sein, während die Anhänger Cyrills als Monophysiten und Eutychianer abgeurteilt wurden. Das heftige theologische Ringen in der nachchalzedonesischen Zeit, die Rivalitäten der Patriarchate und die kaiserliche Politik führten schließlich zu einer der bedeutendsten Spaltungen des Christentums.

Die orientalisch-orthodoxen Kirchen

In der Gegenwart hat sich für jene Kirchen, die das Konzil von Chalzedon ablehnen, der Name "orientalisch-orthodoxe Kirchen" durchgesetzt. Zu ihnen gehören die koptisch-orthodoxe, die syrisch-orthodoxe, die armenisch-apostolische, die äthiopisch-orthodoxe und die malankara orthodox-syrische Kirche. Diese Kirchen sind zwar alle selbständig und voneinander unabhängig, jedoch in voller kirchlicher und sakramentaler Gemeinschaft. Theologisch sind sie als "Miaphysiten" zu bezeichnen, da sie der (rechtgläubigen) Theologie Cyrills von Alexandrien und seiner mia-physis-Formel besonders die Treue halten. Die Ausdrucksweise "Monophysiten" ist unzutreffend, da dies auf eine Häresie verweist.

Machten diese Kirchen in den frühen Jahrhunderten einen bedeutenden Teil des Christentums aus, so wurden sie durch die Geschichte Minderheiten in den Ländern des Nahen Ostens mit muslimischer Mehrheit. Auch verhinderte die jeweilige geopolitische Lage einen beständigen Austausch oder eine kontinuierliche Zusammenarbeit. Erst 1965 fand in Addis Abeba (Äthiopien) ein Treffen aller orientalisch-orthodoxen Kirchenoberhäupter statt. Seit den 1960er Jahren nehme diese Kirchen am ökumenischen Dialog engagiert teil.

Quelle: Dietmar W. Winkler - Klaus Augustin: Die Ostkirchen (Andreas Schnider-Verlagsatelier, Graz 1997)


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